"Statistiken schlecht gemacht"

Interview

Bisher habe es keine Probleme mit Monsantos gentechnisch verändertem Mais gegeben, sagt die Forscherin Michelle Epstein

Standard: Die Studie zu den angeblich schädlichen Auswirkungen von gentechnisch verändertem Mais wurde von zahlreichen Wissenschaftern massiv kritisiert. Wieso hat sie eine solche Aufregung verursacht?

Epstein: Wir hatten in Wien vor einigen Monaten eine Konferenz über die Ergebnisse von zahlreichen Studien, die gezeigt haben, dass GMO keine negativen Auswirkungen hat. Dazu gab es vielleicht drei Zeilen Berichterstattung in der Zeitung. Kaum wird aber etwas veröffentlicht, bei dem Bilder von riesigen Tumoren dabei sind, werden die überall gedruckt. Jetzt muss die gesamte Wissenschafter-Gemeinschaft gerannt kommen und sagen: Wartet mal, da gibt es ein Problem!

Standard: Was halten Sie von der Untersuchung?

Epstein: Es gibt sehr viele kritische Punkte bei der Arbeit. Das Sample ist sehr klein, nur zehn Tiere pro Gruppe. Die Studie weist nicht aus, wie viel die Tiere zu fressen bekommen haben - dieser Punkt ist besonders entscheidend, weil sie einen Rattenstamm benutzt haben, der sehr anfällig für Krebs ist, ganz besonders, wenn die Tiere so viel fressen können, wie sie wollen. Und die Statistiken sind so schlecht gemacht, dass es nicht klar ist, ob es zwischen den Kontrollgruppen irgendeinen signifikanten Unterschied gibt.

Standard: Die Studie wurde aber in einem seriösen Journal publiziert.

Epstein: Das stimmt. Bevor so etwas gedruckt wird, wird es von mehreren Wissenschaftern überprüft, normalerweise sollten solche Fehler entdeckt werden. Ich bin überrascht, dass es in dieser Form veröffentlicht wurde.

Standard: Kennen Sie die Leute, die die Studie gemacht haben?

Epstein: Nur den Erstautor, er ist recht berüchtigt. Er hat eine sehr negative Einstellung zu allem, was mit gentechnisch veränderten Organismen (GMO) zu tun hat, seine Arbeit ist sehr umstritten.

Standard: Was gibt es bisher für Forschungsergebnisse zu den gesundheitlichen Folgen von GMO?

Epstein: Jeder einzelne GMO ist anders, das kann man nicht verallgemeinern. GMOs sollten jedenfalls nie nur in einem, sondern in verschiedenen Laboratorien getestet werden. Wir werden zum Beispiel bald eine Studie veröffentlichen, für die wir ein GMO untersucht haben und dabei zu genau gegenteiligen Ergebnissen gekommen sind wie eine andere Untersuchung in einem anderen Labor mit dem gleichen GMO.

Standard: Gab es Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind wie die umstrittene Studie?

Epstein: Nein. Der hier untersuchte Mais ist sehr häufig, es gibt ihn seit vielen Jahren, die Anzahl an Tieren, die das Zeug gefressen haben, geht wohl in die Milliarden. Soweit ich weiß, gab es bisher keine Probleme damit.

Standard: Wie würden Sie die Situation für die Gentechnik-Forschung in Österreich beschreiben?

Epstein: Wir brauchen eine spezielle Genehmigung, aber wir können arbeiten. Wissenschaft sollte nicht davon abhängen, was Politiker von ihr halten. Sicherheit ist ein großes Thema bei GMO, und es ist wichtig, an verschiedenen Orte in verschiedenen Laboratorien dazu zu forschen, weil es da eben so verschiedene Ergebnisse gibt. Zu sagen, dass alle GMO gut sind oder alle schlecht, funktioniert nicht. Sie sind so verschieden. (Tobias Müller/DER STANDARD, 22./23. 9. 2012)


Michelle Epstein forscht an der MedUni Wien und ist Mitarbeiterin des GMSAFood Projects, in dem die Auswirkungen von gentechnisch veränderten Lebensmitteln auf Tiere und Menschen untersucht werden. Aus Sorge vor Tierrechtsaktivisten will sie kein Bild von sich veröffentlichen.

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