"Keine Demokratie, sondern eine Konsumgesellschaft

Interview |
  •  Der "ehrwürdige Billy" ist ein Talent in Sachen Agitation.
    foto: standard/christian fischer

    Der "ehrwürdige Billy" ist ein Talent in Sachen Agitation.

Der New Yorker Aktivist Bill Talen alias Reverend Billy will mit seiner Church of Stop Shopping dem Konsumismus Einhalt gebieten

Der New Yorker Aktivist Bill Talen alias Reverend Billy will mit seiner Church of Stop Shopping dem Konsumismus Einhalt gebieten. Durch die Occupy-Bewegung würden heute viel stärker große Banken bekämpft, sagte er zu Adelheid Wölfl.

 

STANDARD: Was ist der Unterschied zwischen Liebe und Shoppen?

Talen: Ich habe die Befürchtung, dass in den USA viele Leute ihre Liebe damit ausdrücken, dass sie dumme Produkte kaufen und diese irgendwem anderen geben. Und die andere Person kann vielleicht Liebe in diesem Geschenk spüren, aber das Produkt wird oft weggeworfen. Und dieses Produkt wurde oft 3000 Meilen irgendwo hingeschifft, es landete in Verkehrsstaus von Autos, es wurde in Plastik eingepackt. Es hat jedenfalls einen sehr hohen CO2-Fußabdruck. Und in der „Church of Stopp Shopping" sagen wir: Drücke deine Liebe nicht dadurch aus, dass Du woanders Leiden erzeugst!

STANDARD: Sie sagen, dass die Liebe eine Geschenk-Ökonomie ist. Aber damit meinen Sie offenbar keine materiellen Geschenke?

Talen: Nein, ich rede von der „Ein-Prozent-Wirtschaft", von Ausbeuterbetrieben, von Werbung davon, dass das sehr treibstoffintensiv ist. Gehe zu Fuss, um zu deinem Geschenk zu kommen oder nimm dein Fahrrad! Aber ihr europäischen Hipster nehmt ohnehin eure Fahrräder.

STANDARD: Aber warum glauben Sie, dass Konsumismus krank macht?

Talen: Er macht uns nicht nur krank, er tötet uns. Denn Militarismus ist Teil des Konsumismus. Und solange alles von Profit bestimmt ist, bricht dein moralischer Kompass zusammen. In den Vereinigten Staaten können wir nicht zwischen einem Videospiel und der Invasion in ein Land unterscheiden. Man sollte aber immer sehen, was passiert. Deshalb sollte alles lokal geschehen.

STANDARD: Sie unterstützen "lokales Wirtschaften". Aber wenn mehr afrikanische Bauern Zugang zum Weltmarkt hätten, könnten sie viel besser überleben.

Talen: Lokalujah! Wir haben für Fairtrade-Kaffee gearbeitet. Ich bin drei Mal für äthiopische Kaffeebauern ins Gefängnis gegangen. Im Westen glaube wir automatisch, dass der, der nicht im Weltmarkt ist, nicht überleben kann. Aber das stimmt oft nicht. Indigene Wirtschaften sind echte Wirtschaften - die haben vielleicht weniger Mobiltelefone und weniger Kate-Moss-Unterwäsche, aber die globale Wirtschaft macht die Leute nicht wohlhabender.

STANDARD: Wenn die Bauern Zugang zu anderen Märkten hätten, könnten sie ihre Produkte besser verkaufen.

Talen: Es ist nicht so einfach. Nur weil jemand mehr Verkaufsmöglichkeiten, heißt das noch nicht, dass er ein besseres Leben hat.

STANDARD: Shopping schafft Jobs. Warum mögen Sie Shopping eigentlich nicht?

Talen: Ich persönlich habe ein Problem mit dem Shoppen. Meine Kleidung ist vielleicht elegant, aber Secondhand. Shopping hat die Städte ruiniert. Wien wurde zu einer großen Einkaufsstraße. Das ist sehr traurig. Wir unterstützen Nachbarschafts-Shops. Und es tatsächlich boomen Bauernmärkte. Wir haben jetzt mehr Farmen als zuvor, weil die jungen Leute Bioanbau betreiben. Eine stille Revolution geht vor sich, über die die kommerzielle Presse nicht berichtet. A propos, rede ich gerade mit der kommerziellen Presse? In den USA wird die stille Revolution verschwiegen, weil sie in direkter Konkurrenz zu der großen Werbeindustrie steht.

STANDARD: In Ihrer Kirche gibt es das Böse, oft in der Figur der Mickey Mouse. Gibt es auch einen Gott?

Talen: Er ist das Leben selbst. Es ist kein patriarchaler, rechter, christlicher Gott oder Allah oder Jehovah oder einer von diesen schweren mediterranen Götter. Das Leben selbst sollten wir bedanken. Und dann wirst man radikal und man wird diese großen Unternehmen stoppen. Wie geht der Slogan von Tchibo?: Jede Woche eine neue Welt. Das sind gewerkschaftsfreie Unternehmen, die man stoppen muss. Graz muss sich von seinen Sünden befreien!

STANDARD: Wollen Sie Leute missionieren oder wollen Sie aufklären?

Talen: Sie tun so, als ob sich das ausschließen würde. Können wir nicht schlau sein und zugleich ein spirituelles Leben haben?

STANDARD: Kann Ihr Theater oder Kunst mehr bewirken als Information?

Talen:  Ich schaue aus wie einer dieser sehr reichen Prediger, die in den USA sehr viel Einfluss haben, etwa auf das Weiße Haus. Und ja die können besser von Reverend Billy und meinem Gospelchor bekämpft werden, als von Leuten, die 99 Gründe nennen, warum die gefährlich sind. Mit Humor und Musik öffnen sich die Leute.

STANDARD: Sie haben Occupy unterstützt. Was wurde bisher erreicht? Und was sind die Ziele?

Talen:  Man sollte das Bewusstmachen nicht degradieren. Die Leute haben von "99 Prozent gegen ein Prozent" gesprochen und das hat den großen Banken geschadet. Die stehlen Geld und sie finanzieren Kriege, die Kinder in Afghanistan töten. Die großen Banken werden viel klarer bekämpft, das ist eines der Resultate von Occupy Wallstreet. In Manhattan versuchen wir gerade eine Gasleitung, die in der Nähe von einem Kinderspielplatz herauskommen soll, zu stoppen. Ich habe ein zweijähriges Kind, das diesen Spielplatz liebt. Das ist auch ein direktes Resultat von Occupy Wallstreet.

STANDARD: Aber haben Sie ein gemeinsames größeres Ziel?

Talen:  Wenn wir verhindern, dass diese Gasleitung in Manhattan herauskommt, hat das eine Auswirkung auf der gesamten Welt. Beim Hydraulic Fracturing werden hunderte mysteriöse Gifte in die Erde, die explodieren und das ist sehr schlecht für die Erde. Universelle Politik ist immer lokal. Lokalujah! Aber eigentlich ist die Frage falsch. Occupy Wallstreet hat nicht mit einer Liste von Forderungen begonnen.

STANDARD: Occupy hat das Finanzsystem stark kritisiert.

Talen:  Hunderte Journalisten sind zu uns gekommen und haben uns gefragt, wie hoch die Reichen besteuert werden sollen usw. Die haben geglaubt, dass wir Experten sind. In der Zwischenzeit sind wir im Kreis gesessen und haben uns gefragt: Was ist Demokratie? Demokratie ist Konversation. Und dann haben wir Handzeichen vereinbart, wenn jemand zu lange redet. Wir haben eine neue Kultur begonnen, das ist etwas anderes als ein Informationsblatt, aber es ist genauso konkret.

STANDARD: Sie verlangen mehr direkte Demokratie?

Talen:  Ja, denn dann hätten wir erst Demokratie.

STANDARD: Also Sie sagen, es gibt keine Demokratie?

Talen:  Nein, es gibt keine. Der US-Kongress gehört diesen "Ein-Prozent".

STANDARD: Die Leute wählen aber diesen Kongress.

Talen:  Oh mein Gott, waren Sie jemals in den USA während des Wahlkampfs? Jetzt sind alle Wände der Gebäude voll von Wahlkampagnen. Wir haben das Gesicht von Mitt Romney und Barack Obama auf allen Wänden.

STANDARD: Und Sie glauben, dass die Leute deshalb keine Wahl mehr haben?

Talen:  Nein, lasst uns realistisch sein, was Werbung ist: Werbung ist Hypnose. Mit dieser Werbung werden in den USA Kriege gemacht. Wir sind nicht böse, wir sind nicht dumm, aber wir werden mit Werbung bombardiert.

STANDARD: Also Sie denken, dass die Leute abhängig sind davon?

Talen:  Das ist keine Demokratie, das ist eine Konsum-Gesellschaft. Wir haben gedacht, dass der Irak-Krieg ein Videospiel ist. Das Pentagon investiert in Videospiele, damit 16-Jährige davon abhängig werden, Soldaten zu spielen.

STANDARD: Einer der Slogans von Occupy lautet "Wir sind die 99 Prozent". Aber wie viele Menschen können von Occupy vertreten werden?

Talen:  99 Prozent und am Ende 100 Prozent, wenn das eine Prozent nachlässt. Wir können uns jetzt keiner Politik der kleinen Schritte widmen. Mit all diesen Hurrikans und Dürrekatastrophen. Die Erde sagt uns, dass es vorbei ist. Wir können das Leben nicht mehr so behandeln. Die Erde ist keine abbaubare Ressource für diese „Ein Prozent". Die 99 Prozent müssen die stoppen.

STANDARD: Aber die 99 Prozent wählen Sie nicht.

Talen:  Sind Sie ein Teil der 99 Prozent? Ich bin es.

STANDARD: Aber wenn Sie behaupten, dass Sie 99 Prozent der Menschen vertreten, dann sollte das in einer Demokratie durch Wahlen erwiesen werden.

Talen:  Das wird so sein. Aber wir haben keine Demokratie in den USA. Die großen Banken bezahlen die beiden Kandidaten.

STANDARD: Sie haben für die Grünen kandidiert. Haben die Grünen eine Chance in den USA wie in Europa?

Talen:  Es gibt eine Duopoly in den USA. Es gibt quasi nur zwei Parteien und die sind sich sehr ähnlich, weil sie von den gleichen Leuten Geld bekommen. Barack Obama könnte sich verbessern in seiner zweiten Amtszeit. Wir drängen Obama dazu, dass er so radikal wird, wie er am Anfang versprochen hat, zu sein.

STANDARD: Was ist eigentlich Ihre Rolle? Sind Sie ein Clown oder ein Priester?

Talen: Man kann ein Clown und ein Priester zugleich sein. Wir beten zur Erde und jemand kann was Lustiges dazwischen sagen. Ich bin in diese katholischen Kirchen hier in Graz gegangen und die sind sehr düster. Dafür gibt es keinen Grund. Ihr könntet das Licht anschalten. (DER STANDARD, 22.9.2012)

Bill Talen (62) tritt in New York als die Kunstfigur Reverend Billy auf. 2009 kandidierte er für die Green Party für das Amt des New Yorker Bürgermeisters. Am 23. September tritt er beim Steirischen Herbst auf.

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