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"Wenn Kultur nicht zum Spiegel wird, der das eigene Leben und Erleben widerspiegelt, degeneriert sie zum Spektakel, zum Event ...", kritisiert die ehemalige Burg-Schauspielerin und Schriftstellerin Erika Pluhar.
Oder bemächtigt sich die Macht der Kultur? Ein Plädoyer gegen die Heuchelei.
Ich frage mich, warum Heuchelei sich auf Erden wohl so schwer entschleiert. Warum ein Gesicht, ein Gehabe, eine Diktion nicht eindeutig darauf hinweist, dieser Hinweis stets nur für wenige erkenntlich ist. Warum lässt die Mehrheit der Menschen für wahr gelten, was ihr als Wahrheit präsentiert wird, und sei es auch der ärgste Unfug. Für gekonnt, was ihr gekonnt untergejubelt wird. Für außerordentlich, was ihr ordentlich als solches eingebläut wird.
Warum sprechen Wissende stets eine Sprache, die man überhört, während Präpotenz offene Ohren findet. Warum gilt der Weise nichts, die Torheit jedoch alles. Und wenn einer sich der herrschenden üblen Tendenzen bedient, statt sie zu bekämpfen, warum gelingt es ihm, diese üble Anpassung öffentlich als einen Kampf gegen das Übel darzustellen? Warum werden faschistoid strukturierte Leute als Kämpfer gegen den Faschismus angesehen, wie kann dieses Missverständnis nur gelingen? Ist es nur Unwissenheit der Betrachter, die dazu führt? Und die gewinnende Schläue der Heuchler, warum bleibt sie stets auf so lange Zeit unentdeckt?
Wenn der herrschende Zeitgeist sich wendet und ein anderer Wind zu wehen beginnt, haben plötzlich alle, die blind waren, Bescheid gewusst. Warum erkennen und durchschauen stets nur die wenigen zur rechten Zeit, und die vielen lassen sich beständig verführen. Warum wird es einem so bitter schwer gemacht auf Erden, wenn man zu diesen wenigen gehört und leider nichts dagegen machen kann, dass man zu ihnen gehört. Erkenntnisfähigkeit wird zum bitteren Los, wenn rundum die Heuchelei siegt. Das Verstehen der Zusammenhänge wird vom siegreichen Missverständnis niedergewalzt, wieder und wieder. Dahinter steckt das Kalkül derer, die sich Beweihräucherung dort holen, wo es keinen Widerstand gibt: im Dunstkreis der zeitgeistig Angepassten nämlich, bei der - ich nenne es jetzt so - intellektuellen Dummheit, die oft gefährlicher wirksam wird als Dummheit an sich.
Wie hängen Kultur, Macht und Mensch in dieser Hinsicht zusammen? Macht Kultur uns zum Menschen? Gibt Kultur Macht über Menschen? Hat Macht mit Kultur zu tun? Oder bemächtigt sich die Macht nur der Kultur? Sind die "Macher" im Kulturleben nicht letztlich Feinde der Kunst? Hat "das Machen" uns kulturlos gemacht?
Letztlich ist es unumgänglich, dass wir Menschen auf Erden etwas tun - also machen. Und letztlich benötigen wir alle einen Brocken Macht - die Macht übers eigene Leben vor allem, um, wie John Updike sagt, nicht "von der Welt gefressen" zu werden. Jeder von uns lebt in einem Lebensbereich, dessen er mächtig sein sollte. Unter Bedingungen, deren er mächtig sein sollte. Jedoch das Sich-Bemächtigen - sei es im Privaten, im Beruflichen, im Politischen - lässt Macht entarten.
Heilendes Charisma
Macht-voll zu sein, ist per se nicht zu verdammen. Musik kann es sein. Architektur kann es sein. Auch Bereiche der bildenden Kunst schaffen es. Und eine Bühne zu betreten und auf ein Publikum einwirken zu wollen, geht nicht gut aus, wenn du nicht mit der Macht gesegnet bist, Menschen zu bändigen und an dich zu ziehen. Wenn du nicht Charisma hast. Charisma ist eine Form von Macht, die man über andere hat. Eine, die man nicht erzwingen kann. Die man hat, oder eben nicht.
Auch die politische Bühne fordert solches, und da hat das negative Charisma Einzelner immer wieder Unheil über Menschen, über die Menschheit gebracht. Und wenn heilendes Charisma wirksam werden wollte, hat wiederum die Menschen-Meute so einem Charismatiker mehrmals übel mitgespielt, hat ihn gekreuzigt oder ermordet. Manchmal will es scheinen, als bedürften wir Menschen der Machthaber. Und das nicht nur in der Politik. Auch kulturell lassen wir uns gern vorschreiben, was uns zu gefallen oder nicht zu gefallen hat. Da ist es der Zeitgeist, sind es die Medien, die uns gängeln.
Und Diktaturen haben stets ihr Kulturverständnis durchgepeitscht, da wurde als entartet eingestuft, was der Doktrin widersprach und den Geist hätte beflügeln können, aus der Geistlosigkeit auszubrechen.
Da wird Kultur zum Macht-Mittel, zur am besten geeigneten manipulativen Kraft, zur Gehirnwäsche erster Ordnung. Oder noch genauer: die Kulturwächter, Kulturbeurteiler, Kulturlandschaft-Bestimmer sind die angepassten Befehlsempfänger und richten aus. Eine Domäne, die in der sogenannten "freien Welt" oftmals das Feuilleton übernimmt. Da sitzen ebenfalls immer wieder sich ihrer Macht bewusste Kritiker und Beurteiler, die eine Kulturlandschaft nach ihren eigenen Vorstellungen, ihrer geforderten Anpassung ausrichten wollen.
Ich selbst bin seit mehr als 50 Jahren - nennen wir's so - "Kulturschaffende" in unserem Land. Das Wiener Burgtheater hat mir lange Zeit, also 40 Jahre, einen schützenden Rahmen gegeben, in dem ich mich aufhielt. Jedoch habe ich ihn bald aufzubrechen begonnen, wurde bereits in dieser Zeit Liedsängerin, Liedschreiberin (ich habe den Titel "Liedermacherin" immer vermieden) und mir gelang, mit Mühe aber doch, aus einer schreibenden Schauspielerin zur Schriftstellerin zu werden. Trotzdem kann ich mit Sicherheit behaupten, dass ich bei all dem nie die entsprechenden Lobbys und "Szenen" in Anspruch nahm, um mich zu behaupten. Dass ich mich nie mit den kulturellen Machthabern der einzelnen Sparten arrangiert habe.
Ich gehörte nie zur Theaterszene, obwohl ich viel Theater gespielt habe. Ich gehörte nie zur Musikszene, obwohl ich seit Jahrzehnten musiziere und mittlerweile über zweihundert Liedtexte verfasste. Ich gehöre nicht zur Literaturszene, obwohl ich ständig Bücher herausgebe. Und trotzdem war ich als Schauspielerin erfolgreich, sind meine Konzerte und Lesungen gut besucht, und werden meine Bücher gekauft. Ich erwähne all dies nicht aus Eitelkeit, sondern versuche anhand meines eigenen Beispiels zu erklären, woran ich nach wie vor unverbrüchlich und fest glaube. Dass es nämlich nicht der Machthaberei bedarf, um machtvoll auf Menschen einzuwirken. Es gibt neben der medialen Manipulation eine Art unterirdischer Kundmachung dessen, was Menschen interessiert, davon bin ich überzeugt. Das Ver-Markten macht zwar publik, ist aber kein Garant für die Identifikation. Und Menschen sehnen sich nach Identifikation.
Die Lebensberater-Abteilung
Wenn Kultur nicht zum Spiegel wird, der das eigene Leben und Erleben widerspiegelt, degeneriert sie zum Spektakel, zum Event, zu all dem, was sich unser (die wir auch hierbei erbarmungslos als Konsumenten eingestuft werden) in diesen Zeiten leider ständig bemächtigen will. Der kultivierte, gebildete, kunstsinnige Zeitgenosse muss sehen, wo er bleibt, muss sich seine eigene geistvolle Welt in der platten Gottverlassenheit unserer Quotenlandschaften erschaffen. Die Sinn-Suchenden, Erlebens-Sehnsüchtigen laufen den törichten Heuchelversprechungen diverser Sekten und Religionsgemeinschaften in die Arme. Sie glauben, Schutz in der Spiritualität zu erfahren, und geraten an knallharte, erfahrene Ausbeuter menschlicher Ängste und Unsicherheiten. Die Lebensberatungsabteilung nimmt mittlerweile in den Buchläden meist den größten Raum ein, auch im Verlagswesen hat man sich der Schwäche und Ausgesetztheit des Menschen bemächtigt, Bücher versprechen Rat und Tat in jeder Lebenslage und werden deshalb heftig gekauft. Auch dies gehört letztlich ins Reich der Spektakelkultur, des Kulturkonsums, der Heuchelszenerie.
Sich selbst mit aller Macht den Bemächtigungstendenzen aus Kultur und Politik zu entziehen versuchen, dazu sind und bleiben wir aufgerufen, wenn wir unserem Mensch-Sein Gehalt, Gestalt und Würde geben wollen. Wir sollten unsere menschliche Existenz dazu ermächtigen, gegen jede Form von Machtwahn und Menschenverachtung anzutreten. Wir sollten es erlernen, die Facetten der auf uns einwirkenden Heuchelei kraft geschulter eigener Aufrichtigkeit zu durchschauen.
Eine Utopie, ich weiß. Aber Utopien geben eine Richtung vor und haben immer schon neue Wege erschaffen. Auch wenn auf diesem Weg das gesuchte Ziel, der gewünschte Erfolg, die ersehnte ungeheuchelte Lauterkeit nicht erreicht werden kann - richtig auf dem Weg zu sein schenkt einem Menschenleben denn doch den gesuchten Sinn und die gewünschte Würde. (Erika Pluhar, Album, DER STANDARD, 22./23.9.2012)
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...in einem punkt kann ich frau pluhar beruhigen: wenn sie eine einfache, vom aussterben bedrohte, ottakringer greislerin gewesen wäre, hätte dieser text nie eine breitere öffentlichkeit als die vereinszeitung der örtlichen geraniumzüchter erreicht. also verleiht kultur - zumindest in der eltären bedeutung, der dieser text an keiner stelle entsteigt - tatsächlich macht.
"Das Wiener Burgtheater hat mir lange Zeit, also 40 Jahre, einen schützenden Rahmen gegeben, in dem ich mich aufhielt. Jedoch habe ich ihn bald aufzubrechen begonnen, wurde bereits in dieser Zeit Liedsängerin, Liedschreiberin "
au, da tut jedes wort weh.
was für ein pathetisches, inhaltsleeres dahergerede, was für eine extrem heuchlerische attitüde gegen den heuchlerischen opportunismus, gegen seilschaften und klüngel, von einer, die bekanntlich schon seit jahrezehnten alle kennt.
eine schöne stimme hat sie und auf hör-cds ist sie schön anzuhören, die frau pluhar, aber das mit dem schreiben, am ende gar essayistisch, das sollte sie wirklich bleiben lassen, das ist leider grob selbstüberschätzt... sollte ihr einer ihrer freunde mal sagen.
Ich gehörte nie zur Theaterszene, obwohl ich viel Theater gespielt habe. Ich gehörte nie zur Musikszene, obwohl ich seit Jahrzehnten musiziere und mittlerweile über zweihundert Liedtexte verfasste. Ich gehöre nicht zur Literaturszene, obwohl ich ständig Bücher herausgebe. Und trotzdem war ich als Schauspielerin erfolgreich, sind meine Konzerte und Lesungen gut besucht, und werden meine Bücher gekauft.....
das frage ich mich bei der vielzahl der besser-menschen in den standard-foren jeden tag.
die knüppeln jeden als faschisten nieder, der es auch nur wagt leise kritik an ihren supertollen anti-irgendwas-philosophien zu üben.
weil jeder seine Sicht der Wahrheit hat? Ist es wahr, dass duselber jahrelang dich im Dunstkreis der Mächtigen bewegtest und jetzt das klammheimlich nicht wahr sein soll??? ein etwas durchsichtiges Wortgeklingel, was der Standard da abdruckt...
Wie ironisch ist der Der Standard?
Ganz ernsthaft: soll das ein Witz sein?
Erika Pluhar geißelt Systemanbiederung!?
Ein Mensch, dem es nicht peinlich war und ist,
- laufend im Dunstkreis der die meiste Zeit ihres „Kulturschaffens“ staatspolitisch und somit auch kulturpolitisch (mit)regierenden Partei aufzutreten.
- der mit einem der berühmt berüchtigten Netzwerker dieses Landes verheiratet war
behauptet „nie die ensprechenden Lobbys und „Szenen“ in Anspruch“ genommen zu haben.
Sowas tut mir weh.
Aber gut, Erika Pluhar ist Erika Pluhar und wenn sie glaubt, dass sie eine literarische oder musikalische Größe ist, dann ist das ihre subjektive Sicht der Dinge.
Aber was geht im Standard vor?
Ich weiß nicht ob Kultur einem dabei behilflich sein kann, jener Entwurf eines Menschen zu werden, der in einem von Geburt an angelegt ist. Vielleicht. Aber am Ende ist man doch auf sich zurückgeworfen.
Allerdings bin ich mir sicher, dass die Vollzeiterwerbsarbeit (vor allem jene, die man unfreiwillig und nur des Geldes wegen macht), einen absolut davon abhält, jener Mensch zu werden der man seinen Anlagen nach werden sollte/könnte. Was bleibt ist eine große Frustration und am Ende des Lebens womöglich die Erkenntis, gar nicht "gelebt" zu haben, zumindest nicht nach der eigenen Facon.
Kultur kann einen hier auch nicht erlösen.
und damit auch dafür verantwortlich ist, wie er sein leben bestreitet. das gesülze von der bösen, knechtenden arbeit ist doch nur eine faule ausrede für das eigene versagen das passende gewählt zu haben...
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