"Mehr Mut in der sozialen Begegnung"

Heidi Aichinger
21. September 2012, 17:30
  • Kinderpsychiater und Autor Paulus Hochgatterer: "Streiten kann trainiert werden."
    foto: standard/ekko von schwichow

    Kinderpsychiater und Autor Paulus Hochgatterer: "Streiten kann trainiert werden."

Noch nie war die Angst, einen Konflikt auszutragen, so groß wie heute, sagt Kinderpsychiater und Buchautor Paulus Hochgatterer. Er plädiert für eine frühe Förderung der Streitkultur

"Räume, in denen es möglich ist, unbequeme Dinge zu sagen, Dinge angstfrei sagen zu können, von denen anzunehmen ist, dass sie andere stören, diese Räume, die fehlen", sagt Kinderpsychiater und Buchautor Paulus Hochgatterer. Er beobachte, dass in einer Zeit, in der es - objektiv betrachtet - so wenig massiv bewaffnete Konflikte auf der Welt gebe wie heute, die Angst davor, einen Konflikt auszutragen, noch nie so groß war. Ein Paradoxon, das er selbst noch nicht ganz durchgedacht habe, sagt er.

Hochgatterer wird im Rahmen der GLOBArt Academy (vom 27. bis 30. September im Kloster Und) im Gespräch mit dem Philosophen Arno Böhler zum Thema Konflikte zu sehen sein. Richtet man den Blick auf die derzeit öffentlichen Konflikte, falle auf, dass diese viel mit frühkindlichen Mechanismen zu tun haben, sagt er. Diese Konflikte werden mit den " polaren Konstrukten" des Vernichtet- oder Verlassenwerdens verbunden, also stets mit einem Sieger und einem Verlierer. "Das hat mit einer reiferen Auseinandersetzung ganz wenig zu tun", so Hochgatterer weiter.

Kein besonders gutes Zeugnis. Dennoch eines, das deutlich macht, wie negativ konnotiert der Konflikt im allgemeinen kommunikativen Mainstream hervorsticht. Dabei sei, so Hochgatterer weiter, Ziel jedes Konfliktes immer der Kompromiss und nicht der Sieg über einen anderen.

Kommunikation hat mehrere Ebenen

Die Trennung zwischen der sachlichen und der sozialen sowie der affektiven Ebene - auf der weder Zuneigung noch Liebe, sondern Angst und Wut stattfinden -, scheint vielen ganz offensichtlich schwerzufallen. Sich mit dem anderen auseinanderzusetzen und sich auf einem neuen Niveau zu einigen, das fehle.

"Ich habe oft den Eindruck, dass die Zeit fehlt, um sich differenziert mit einem Konfliktinhalt auseinanderzusetzen. Und ich habe den Eindruck, dass in einer Gesellschaft, in der die Frage nach dem Besseren, dem Schnelleren, dem Stärkeren immer höher bewertet wird, der Gedanke 'Fühl dich in den anderen ein' oder 'Überlege, wie es dem anderen geht' nicht wirklich gepflegt wird", so Hochgatterer weiter.

Spielen fördert Konfliktfähigkeit

Wie aber kann Konfliktfähigkeit gefördert werden? Dieser Weg, sagt der Kinderpsychiater, führte immer schon über das Spiel. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kinderpsychologe oder eine andere erwachsene mediierende Person etwa zu einem Konflikt zwischen zwei Kindern hinzugezogen wird, deutlich gestiegen. "Das Vertrauen darauf, dass Kinder in der Lage sind, das, was wir Konflikt nennen, intuitiv und mit ihren Identifikationsmöglichkeiten lösen können, dieses Vertrauen ist momentan nicht besonders groß", sagt er.

Mut, Mut und noch mehr Mut

Genau das aber sollte man nicht nur Kindern, sondern allen Menschen zumuten und auch fördern, sagt er. Streiten sei etwas, das trainiert werden kann. Hochgatterer führt als Beispiel ein Projekt in einem Wiener Gymnasium an, in dem Schüler als Streithelfer eingesetzt werden. "Nicht Streitschlichter", sagt er, "dort werden Konflikte bewusst ausgetragen, mit einem Streithelfer als Schiedsrichter." Mehr Projekte dieser Art wären wünschenswert.

"Wir haben zu wenig Vertrauen in die Tatsache, dass wir alle nicht in die Welt gesetzt wurden, um einander gleich wieder zu eliminieren, sondern um mit dem anderen gut auszukommen. Wenn wir das mehr verinnerlichen würden, dann würden wir auch mehr in Konflikte gehen", sagt Hochgatterer. Sein Wunsch: mehr Mut in der sozialen Begegnung, mehr Mut im Vertreten eigener Positionen und ein Mehr-infrage-Stellen von Machtstrukturen. (Heidi Aichinger, STANDARD, 22./23.9.2012) 

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24 Postings

Konflikte suchen diejenigen gerne, die wissen, dass sie beim Konfliktaustragen gut sind und sich üblicherweise durchsetzen können.
Jemand, der gelernt hat, dass er üblicherweise verliert, dem ist der status quo lieber als in den Konflikt zu gehen.

- Herumbrüllerei im Parlament
- Diverse Brutalfilme im Fernsehen
- Dauerlachen und Verarsche (ebenfalls in Fernsehserien)
- Ego-Gesellschaft
- Massenmedien mit Sieger-Quoten-Mentalität ...

Wenn da jemand nicht in der Familie und sozialem Umfeld Konfliktlösung und aggressionsfreies Diskutieren lernt, dann ist er dafür nicht mehr zu haben.

Ein sicherlich wichtiger Punkt:

Mobbing, Abreagieren von den eigenen Angsten im Bullying der Schwächeren und der Unmöglichkeit, in diesem Klima selbst Schwäche zu zeigen, nehmen zu. Die Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft - auch durch die immer lauter werdende Medienschreierei - nimmt zu, den Druck lässt man an den Schwächeren ab. Jeder will nur mehr mit den Stärksten zusammen sein, denn Schwäche, Soziale Kompetenz oder einfach "Besinnlichkeit" ist nicht mehr gefragt.
Höher, schneller, stäker ... Mir graut vor dir!

Sowohl-als auch

Der Kompromiss bedarf in der Regel eines Dritten. Dann wäre da noch der Konsens. Aber warum soll man nicht im Dissens trotzdem miteinander auskommen?

streiten will gelernt sein, aber auch dissens zu akzeptieren. letzteres ist auch nicht einfach.

Blödsinn !

Des wird nix in Österreich, Herr Hochgatterer.

Ich kenne Leute, die verkaufen ihre Wohnung, damit sie nicht mit der Hausverwaltung streiten müssen.

Der Österreicher, besonders der Wiener, bleibt lieber im Verborgenen, nur keine Meinung kundtun, nur net streiten... und aus der Deckung trifft das Hackl ins Kreuz eh besser.

Konfliktkultur in Konzernen

Im Verhältnis zu den 80er, 90ern hat die Konfliktkultur in Konzernen mE massiv abgenommen. Ich erlebe zahlreiche Bereichsleiter, die sich nicht trauen einen Funken Kritik oder nur "Hinterfragen" zu den teils (obskuren Ansichten) ihrer Vorstände zu äußern. Die Antwort, warum dies so ist, ist stets dieselbe:"Dann bin ich meinen Job los". Dies führt dazu, dass Maßnahmen der Vorstände - seien sie noch so absurd / abgehoben /ohne tieferes Verständnis umgesetzt werden und erraten - schnell scheitern. Dieses Scheitern führt beim nächsten Anlauf aber nicht dazu, dass ZUVOR die Ebenen befragt werden, sondern frei nach "try and error" fahren wir Strategien nach vorne, zurück links, rechts, scheinbar ohne Ziel.....

"Dann bin ich meinen Job los" kann auch synonym sein für "ich bin zu faul das anzusprechen".

Das ist die typische hinterrücks Taktik der Pseudoheiligen oderEngelchen...

Allen in persönlichen oder privaten Gesprächen einreden versuchen, sie sollen doch was sagen, wenn ihnen was nicht passt, weil blablablw (=irgendeinen Ausrede, warum. Zb zu faul, zu feig, etc) und selbst vorm Chef kuschen und still und heimlich ins Fäustchen lachend zuschauen, wie die, die Ihnen das glauben durch Direkte Kritik sich selbst montieren, und schwupps, schon ist man einen oder mehrere Konkurrenten im Rattenlauf los....

Mein Neffe und sein Kollege sind so ihren lukrativen Job losgeworden.

Nach Jahrelanger Vollster Zufriedenheit .... Das Schlimmste daran: wenn sie Kritik übten hatten sie auch noch immer Recht. Insofern ein Wahnsinn eigentlich, sie los zu werden.
Jetzt sind sie selbstständig und erfolgreich, aber sie wurden damals ziemlich unmenschlich "entsorgt".

liebes tagebuch!

die idee eines posters doch tagebuch zu führen gefällt mir gut, deswegen fahre ich damit fort.

ich muss an freundin i. denken, letztes jahr hatten wir drei große auseinandersetzungen und nach der letzten 4 monate keinen kontakt. da ich aber merkte, dass ich mich "verbiege" um sie nicht zu treffen, habe ich den schritt auf sie zu gemacht. nach einem halben jahr kam es zur aussprache. dabei kam raus, dass der grund für die zweite auseinandersetzung nicht aus der welt ist. sie glaubt tatsächlich, dass ich ihrem mann angeflirtet habe und deswegen ihre eifersucht begründet sei. beim nächsten treffen waren wir nicht alleine, kein günstiger zeitpunkt ihr meine meinung reinzudrücken. danach habe ich beschlossen, meinen ärger und meine kränkung

einzustecken.

letzte woche erzählte sie mir, dass sie einen therapeuten gesucht und gefunden hätte um ihre co-abhängigkeit anzuschauen. finde ich gut, das alkoholproblem ihres mannes ist glaube ich nämlich ein grund der uns indirekt zunehmend entfremdet hat. was mich ärgert ist, dass frauen wenn sie probleme mit ihrem mann haben andere frauen dafür verantwortlich machen. lächerlich! ich finds schön, dass wir wieder den zugang zueinander gefunden haben.

und jetzt machen sie den mann ihrer freundin für ihre probleme mit ihr verantwortlich. auch nicht besser.

nein, tu ich nicht. grund für die entfremdung waren unterschiedliche lebenshaltungen. mir ging es darum einen schmerzhaften konflikt zu schildern, den stillstand, das schwierige wieder-annähern und den status quo. es gibt offene punkte, aber die geschichte ist ja noch nicht zuende. weiter bin ich nicht.

wenn sies genau wissen wollen, dann stört mich das 'hündische' verhalten meiner freundin gegenüber ihrem mann, dafür mache ich mitnichten den mann verantwortlich.

und jetzt machen sie ihren, also den ihrer freundin, mann für ihr problem mit ihrer freundin verantwortlich. auch nicht viel besser.

der arme mann

verdient eine verständnisvolle frau wie Sie.

Schöne Geschichte! Dort wo sich Menschen nicht mit ihren inneren Konflikten auseinandersetzen, muss oft die Umgebung leiden.

Streitkultur nach Grillparzer: Der Österreicher stellt sich mutig hin und lässt die anderen reden!

Ist ja in den österreichischen Foren nicht anders. Jeder der Argumente bringt riskiert ja wesentlich mehr als mit Pauschalurteilen. Die Antworten sind oft nur auf der persönlichen (Angriffs-) Ebene. Diskutiert, sachlich gestritten wird nur selten. Und im Beruf gefährden sie mit abweichenden Meinungen (egal wie fundiert) ihren Arbeitsplatz.

(Einer der Gründe warum ich Selbständiger geworden bin, am Geld kann es ja nicht liegen)

warum fallen mir beim wort hochgatterer immer auch die wörter menasse und lissmann ein?

Da sind Welten dazwischen

Hochgatterer, ein g'standener Kinderpsychiater, hat medialen Hype gar nicht nötig. Er ist außerdem noch ein wirklich guter Autor, sicher einer der zur Zeit besten Österreicher auf diesem Gebiet.

Ja, es nervt, wenn sich ständig die gleichen Lokalgrößen äußern dürfen & niemand sonst. Aber das ist eine Sache des trägen Medienbetriebs & weniger dieser Interviewten selbst.

Inhaltlich entspricht Ihr Posting dem Interview: In Österreich tun sich die Leute schwer damit, klar & höflich ihre inhaltliche Position darzulegen & flüchten stattdessen oft in den persönlichen Angriff.

Warum diese Feigheit? Habsburger & kirchl. Gedankenpolizei sind schon lang nicht mehr am Ruder & die Verfassung schützt Meinungsfreiheit & persönliche Unversehrtheit.

warum fragen sie andere nach dem grund, warum ihnen etwas einfällt?

Er glaubt, er ist beim Psychoanalytiker....

Diese Räume der sozialen Begegnung fehlen mittlerweile fast vollkommen, beziehungsweise sind durchwegs kommerzialisiert. Nicht zuletzt auch wegen der Masse an elektronischen Konsumartikeln (iphone, Navis, usw). Keiner mehr muss sich mit "Anderem" auseinandersetzen. In den Öffis reden alle, aber dank massiven Einsatz von Mobilfunk fast nur in der eigenen Sprache mit den "eigenen Leuten".

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