Audi ersinnt die CO2-neutrale Mobilität

  • Der technische Unterbau für den A3 Sportback TCNG - fährt mit Erdgas, das CO2-neutral erzeugt werden kann.
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    foto: der standard/stockinger

    Der technische Unterbau für den A3 Sportback TCNG - fährt mit Erdgas, das CO2-neutral erzeugt werden kann.

  • Erste Pilotanlagen in Deutschland und den USA laufen bereits an, 1500 Audis können so ab 2013 klimaneutral fahren.
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    foto: der standard/stockinger

    Erste Pilotanlagen in Deutschland und den USA laufen bereits an, 1500 Audis können so ab 2013 klimaneutral fahren.

  • Schicke Modelle gehören zu einem "Future Lab" natürlich dazu.
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    foto: der standard/stockinger

    Schicke Modelle gehören zu einem "Future Lab" natürlich dazu.

  • So auch bei Audi.
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    So auch bei Audi.

  • Hier ist eher Zukunftsmusik zu sehen.
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    Hier ist eher Zukunftsmusik zu sehen.

Erste Produktionsstätten zur Entwicklung einer neuen Generation alternativer Treibstoffe starten bereits. Fernziel: CO2 zur Spritgewinnung direkt aus der Luft

Gestatten: Mein Name ist Blau. Kyanos eigentlich, weil die Griechen mich so getauft haben. Ich stamme aus der Familie der Stäbchenförmigen - Bakterion sagen die Hellenen.

Uralt bin ich in der Tat. 3,5 Milliarden Jahre. Ganz erheblich älter als Sie da, Sie von der Gattung Homo sapiens sapiens. Sie Jungspunde allerdings haben sich jüngst an meine Erbschaft herangemacht. Mich damit ganz durcheinandergebracht. Mein Erbgut modifiziert. Das bringt mich ins Schwitzen, und der Saft, den ich dabei absondere, mit dem können Sie schon in naher Zukunft unbeschwerten Umweltgewissens durch die Gegend sausen.

Wenn Audi sich die photosynthetisch begabten Cyanobakterien vorknöpft, so hat dies den genannten ganz konkreten Grund, und wie das funktioniert und auf wie breiter Front insgesamt der bayerische Hersteller sich der Zukunft der Mobilität annähert, das erfuhr DER STANDARD soeben bei einem Technologie-Symposion "Audi future lab mobility" (sich der Muttersprache Deutsch anzunähern stand wohl nicht auf der Agenda).

Nicht allein seligmachend

Audi ist dabei klug genug zu bekennen: "Wir erheben keinen Anspruch auf allein seligmachende Ideen", so der ebenso kompetente wie eloquente aus Linz stammende Technikpapst Heinz Hollerweger, Leiter Entwicklung Gesamtfahrzeug, und man wolle "auch nicht erzählen, dass wir wissen, wie die Zukunft geht". Die Audianer haben im Zukunftskonnex jedoch etliche erstaunliche, mitunter verwegen, ja: kühn anmutende Ideen, und damit zurück zu besagten "blaublütigen" Mikroorganismen als der spannendsten eine.

Hobbs, New Mexico. Audi kooperiert hier mit dem US-Unternehmen Joule. Eine Pilotanlage ist gerade im Entstehen, für 2014 ist der kommerzielle Produktionsstart geplant, herauskommen sollen dann Synthetik-Ethanol und -Diesel, und zwar, das ist der Clou, ganz ohne Benutzung von Agrarflächen. Mithilfe von Sonnenenergie entstehen aus CO2 und Abwasser flüssige Kraftstoffe, mithilfe besagter genmanipulierter Mikroorganismen. Die "Ernte" ist erstaunlich: Kommt man bei einem Hektar Mais auf 3500 Liter Bio-Ethanol, bringt bei dieser neuen Methode ein Hektar 75.000 Liter!

Aus der Luft gegriffen

Noch einmal: keine Biomasse, keine Konkurrenz zu Lebensmitteln. Schlau auch: Statt dass Fabriken CO2 in die Luft pusten, wird das klimaaktive Gas bei diesem Ansatz dort abgezweigt und zur Spritgewinnung verwendet; so ließen sich ab sofort Zementwerke und andere CO2-Schleudern sinnvoll zweitnutzen.

In letzter Konsequenz soll dann CO2 direkt aus der Luft gewonnen werden, vielleicht kommt ja bald einmal ein ähnliches Genie daher wie einst Fritz Haber, der sich des Luft-Stickstoffs zur nobelbepreisten Ammoniaksynthese bediente. Der saubere Treibstoff der Zukunft wäre dann sozusagen auch aus der Luft gegriffen.

Helios und Aiolos

Ein anderes Projekt, bei dem es um "CO2-neutrale Premiummobilität" geht und bei dem die "Rohstoffe" für den Sprit vollständig erneuerbar sind, ist noch weiter fortgeschritten als das in der Halbwüste New Mexicos, und wenn dort Helios, der Sonnengott, eine entscheidende Rolle spielt, dann hier, in Werlte im schönen Emsland, Aiolos, der windige Geselle.

Gemeinsam mit dem Anlagenbauer Solarfuel werkelt Audi an einer E-Gas-Anlage, die zur Elektrolyse den Überschussstrom einer Offshore-Windkraftanlage nutzt - nochmal, zum Einsickernlassen: Strom, der sonst ungenutzt verpufft, wird hier zur Wasserstofferzeugung (H) genutzt. Das CO2 bezieht die Anlage aus einer damit vom diesbezüglichen Emissionsverdacht entlasteten Biogasanlage, und aus der Vermählung von H und CO2 in der Methanisierungsanlage entspringen viele kleine Kohlenwasserstoffe: synthetisches Methan, das wieder ins Erdgasnetz eingespeist werden kann und wird. Im dritten Quartal 2013 soll das Werk den Regelbetrieb aufnehmen und jährlich 1000 Tonnen Methan produzieren.

Pilotprojekt geplant

Mit dieser Menge, und damit finalmente zur praktischen Anwendung, lassen sich 1500 Kompaktwagen mit einer Laufleistung von 15.000 km p. a. versorgen. Audi will das auch wirklich 1500 Kunden anbieten, das dazupassende Auto wurde soeben vorgestellt, A3 Sportback TCNG heißt das Ding, als Motorisierung wurde ein 1,4 TSI mit 110 PS gewählt. Ja und dann? Über eine spezielle Tankkarte wird die getankte Gasmenge zentral registriert - und exakt dieselbe Menge vom Werk im Emsland ins Erdgasnetz eingespeist.

Auch wenn das nur ein Anfang ist: willkommen in der CO2-neutralen Zukunft. (Andreas Stockinger, Der Standard Printausgabe, 21.9.2012)

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