"Ich nenne es produktive Unruhe"

  • Bettina Hering: "Ich sehe am Landestheater eher die tollen Vorteile".
    foto: standard/robert newald

    Bettina Hering: "Ich sehe am Landestheater eher die tollen Vorteile".

Mit subversivem Humor startet Intendantin Bettina Hering in zwei Wochen ihre erste Saison am Landestheater Sankt Pölten

STANDARD: Ruhe vor dem Sturm oder Nervenflattern zwei Wochen vor der ersten Premiere?

Bettina Hering: Darauf könnte ich antworten: Im Zentrum des Hurrikans ist es ganz ruhig - und das wäre auch nicht ganz falsch. Natürlich sind Arbeitsvolumen und Herzschlag erhöht, aber das muss auch so sein. Ich nenne es produktive Unruhe.

STANDARD: Der Begriff "Landestheater" wird von Ihren Kollegen an großen Häusern oft despektierlich verwendet. Fühlen Sie sich im Vergleich zu großen oder Avantgardebühnen als arme Verwandte aus der Provinz?

Hering: Nein! Es gibt verschiedene Gründe, warum man früher so abfällig über Landestheater sprach. Die meisten haben sich mittlerweile marginalisiert. Zum Beispiel, dass ein Landestheater kaum wahrgenommen werde und es mediokre Aufgaben zu bewältigen habe. Das sehe ich überhaupt nicht so. Die finanzielle Ausstattung - gut, die hat sich nicht marginalisiert, die ist immer noch, verglichen zu großen Bühnen, relativ klein. Aber ich sehe am Landestheater eher die tollen Vorteile.

STANDARD: Nämlich?

Hering: Ich muss mir keine Nische suchen in St. Pölten. Es gibt hier drei Bühnen mit sehr unterschiedlichen Profilen. Ich kann im Sprechtheater aus dem Vollen schöpfen und zeigen, was ich aktuell spannend finde: Was wird gerade am Theater verhandelt? Welche Formen gibt es? Wohin entwickelt es sich? Auf der anderen Seite finde ich es spannend, thematisch zu arbeiten. Am wichtigsten ist mir, das Theater gesellschaftlich verankert zu wissen.

STANDARD: "Mit subversivem Humor zur Gegenwartsbewältigung" ist das Motto Ihrer ersten Spielzeit - und auch eine Zustandsbeschreibung Ihrer intendantenbedingten Gemütsverfassung?

Hering: Nein, das ist schon allgemeiner zu sehen. Unser Planet versorgt uns mit ständig neuen Katastrophen, und wir tun das Unsere dazu. Das Gefühl der Unsicherheit und die Aufforderung zur dringenden Neuorientierung sind vorherrschend, da kommt der subversive Humor genau richtig. Ob wir damit die Gegenwart bewältigen, steht auf einem anderen Blatt, aber als Strategie ist er jedenfalls hilfreich.

STANDARD: Wie findet sich das Motto im Spielplan?

Hering: Thornton Wilders Wir sind noch einmal davongekommen trägt der momentan labilen, nach allen Richtungen schwingenden Welt Rechnung. Außerdem ist es ein Stück Theatergeschichte, Wilder hat da revolutionäre Mittel entwickelt. Es ist thematisch aktuell, mutig, kraftvoll, auch etwas ungezähmt. Das finde ich alles prima an dem Stück. Von hier aus ziehe ich inhaltliche Bahnen. Im Zuge der Arbeit an Wilder ist die nächste, spielplanbestimmende Frage aufgetaucht: Was ist es, was uns zusammenhält, als Paar, in der Liebe, als Familie, als Gesellschaft? Das untersuchen wir etwa mit Shakespeares Viel Lärm um nichts, Mamma Medea von Tom Lanoye und in der ersten internationalen Koproduktion des Hauses überhaupt, in Jonas Hassen Khemiris I call my brothers, einer Gemeinschaftsproduktion mit Ballhaus Naunynstraße.

STANDARD: Wird es immer ein Leitthema geben?

Hering: Ich weiß, dass man unter gewisse Themen alles subsumieren kann. Aber rein eklektizistisch zusammenzutragen, was hip ist, was sich mit der Besetzung ausgeht, das interessiert mich nicht. Es muss Relevanz haben. Und es ist auch für mich und für uns alle als Theaterschaffende spannender, gewissen Themen von unterschiedlichen Standpunkten aus intensiv nachzuspüren, als einfach etwas einzukaufen. Ich bin genauso an moderner Dramatik interessiert wie an Klassikern. Das schließt sich ja zum Glück nie aus. Und das finde ich gerade bei einem Landestheater schön: dass man diese Palette voll ausspielen kann.

STANDARD: Sie machen bei Wilder Dramaturgie und inszenieren das Kinderstück "Eine Woche voller Samstage". Wie wichtig ist es Ihnen, selbst künstlerisch tätig zu sein und nicht nur den Betrieb zu managen?

Hering: Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit, ich finde es schön, wenn man mitten im Betrieb steht. Man lernt ein Haus ganz anders kennen - und das Team einen selber natürlich auch. Wir sind noch einmal davongekommen ist mir eine Herzensangelegenheit, und Eine Woche voller Samstage ist die Inkarnation des subversiven Humors. Mir macht das alles wirklich Spaß, ich mache alles gerne.

STANDARD: Alles? Ehrlich?

Hering: Na ja, sicher schlägt der Theateralltag manchmal auch zu. Aber prinzipiell finde ich es eine tolle Herausforderung, gerade die Vielfalt der Aufgaben kommt mir entgegen.

STANDARD: Aber es gibt Kollegen, die mit der Intendanz ausgelastet sind.

Hering: Und solche, die inszenieren drei Stücke und spielen vielleicht noch selber. Da gibt es kein Muster. Außerdem ist das Landestheater kein riesiges Haus, und wir machen alle viel, sind engagiert und schöpfen alle Kapazitäten aus.

STANDARD: Wie und warum sind Sie eigentlich am Theater gelandet?

Hering: Ich habe immer gern gelesen, habe Germanistik, Philosophie und anthropologische Psychologie studiert und parallel am Theater zu arbeiten begonnen. Literatur umzusetzen erschien mir als die richtige Symbiose. Als Regieassistentin machte ich meine ersten Inszenierungen, aufgrund meines literarischen Interesses begeisterte mich zunehmend die Dramaturgie.

STANDARD: Schauspielerin nicht?

Hering: Als Regieassistentin in Frankfurt hatte ich auch eine Spielverpflichtung. Das heißt, ich musste all die Rollen spielen, die keiner wollte. Ich hatte zwischen zwei und zehn Sätzen zu sagen, aber ich war immer wahnsinnig nervös. Das war zu strapaziös. Es war eine wichtige Erfahrung, auch auf der anderen Seite der Bühne zu stehen. Seitdem weiß ich, wo meine Berufung ist. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 21./22.9.2012)

Bettina Hering (52), Schweizer Regisseurin und Dramaturgin, die u. a. mit Schleef und Syberberg arbeitete, wurde im Vorjahr als künstlerische Leiterin des NÖ Landestheaters bestellt. Die dreifache Mutter ist mit dem Schauspieler Markus Hering verheiratet und lebt in Wien.

Info
Mit zwei Premieren startet Bettina Hering am Samstag, dem 6. Oktober, ihre erste Saison: mit Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" (19 Uhr, Regie: Daniela Kranz) und mit der Uraufführung des Kinderstücks "Minus und die verrückte Hutjagd" (15 Uhr, Regie: Dominic Oley) nach Büchern von Sven Nordqvist.

Neben fünf Gastspielen hat Neo-Intendantin Hering elf Premieren angesetzt, darunter die Uraufführung "Stella entscheidet sich (endlich)" des Wiener Dramatikers Stephan Lack am 9. 3. 2013 - sowie eine deutschsprachige ("I call my brothers" von Jonas Hassen Khemiri, als Koproduktion mit dem Ballhaus Naunynstraße), und eine österreichische (" Mamma Medea" des Belgiers Tom Lanoye) Erstaufführung. Sie holt Gaststars wie Corinna Harfouch, Ulrike Folkerts oder Luc Perceval nach St. Pölten. Beim "Bürgertheater" (Leitung: Renate Aichinger) ist die Bevölkerung eingeladen, gemeinsam mit Profis eine Produktion zu erarbeiten. " Blätterwirbel" präsentiert zeitgenössische Literatinnen und Literaten, am 13. 10. Sabine Gruber, am 17. 10. folgt Anna Mitgutsch.

Das Budget: 3,5 Millionen Euro vom Land Niederösterreich, 540.000 Euro über den Theatererhalterverband sowie 500.000 Euro aus dem Kartenverkauf.

Landestheater Niederösterreich, Rathausplatz 11, St. Pölten, Tel: 02742/908 060-0

 

www.landestheater.net

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