Mit dem Cowboyhut über das Jaunfeld

Sabina Zwitter
21. September 2012, 17:27
  • Handkes "Sturm" im Kinosaal: Andreas Patton (vorn kniend) erläutert Glanz 
und Elend seiner slowenischen Sippe.
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    foto: patrick connor klopf

    Handkes "Sturm" im Kinosaal: Andreas Patton (vorn kniend) erläutert Glanz und Elend seiner slowenischen Sippe.

Handkes "Immer noch Sturm", inszeniert von Bernd Liepold-Mosser in Villach

Villach - Der Regisseur Dimiter Gotscheff, der für die Salzburger Festspiele 2011 Peter Handkes Stück Immer noch Sturm inszenierte, betonte nach der Wiederaufnahme an der Wiener Burg, Handkes Stück in Kärnten zeigen zu wollen, wenn nötig auf einem Feld. Dimiter Gotscheffs Inszenierung mit ihrem vierstündigen Blätterregen schrieb da schon Theatergeschichte. Verantwortungsvoll und slawisch intensiv setzte Gotscheff den Handke-Text um und verschaffte einer sprachberaubten Minderheit, den Kärntner Slowenen, poetisches Gehör.

Nach Kärnten schaffte es dieser Sturm nicht. In Villach wagte sich nun anlässlich des Zehn-Jahr-Jubiläums der Neuen Buehne Villach der Nestroypreisträger Bernd Liepold-Mosser über die Familiengeschichte Peter Handkes, die Politik mit Poesie und Fiktion verwebt. Erzählt wird die Geschichte einer Minderheit, die während des NS-Regimes ausgelöscht werden sollte, von den Vertreibungen, vom Freiheitskampf und von den Repressalien nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Mittels einer fiktiven Biografie fantasiert sich der Held des Stückes die Prototypen der Kärntner Tragödie in Gestalt seiner Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten herbei. Liepold-Mosser hat das Stück gekürzt und in einen Kinosaal versetzt. Der Protagonist (Andreas Patton) schlägt sich auf die Seite des Publikums, auf einer Videowall stellt er die Ahnen vor.

Die Zusammenarbeit Liepold- Mossers mit Naked-Lunch-Frontman Oliver Welter ist für diese Produktion symptomatisch. Es kommt keine slawische Sentimentalität auf. Die Mutter der Hauptfigur agiert als clowneske Hysterikerin (virtuos: Nadine Zeintl). Ihre Schwester Ursula (eindringlich: Magdalena Kropiunig) tauscht ihre Arbeitskluft, in der sie zu den Partisanen in den Wald wechselt, gegen Cowboyhut und Nerzmantel. Bruder Valentin, der Lebemann (Werner Halbedl), löst sich als Elvis-Verschnitt von seiner Herkunft. Athletisch angelegt ist die Rolle des von Ekel gebeutelten kleinen Benjamin (Micheal Kristof).

Der Pate Gregor (Daniel Doujenis) wechselt wie Ursula von der Wehrmacht zu den Partisanen, ist Symbol für Menschen, die für Freiheit töten müssen und dies als Tragödie ihres Lebens begreifen. Dramaturgisch unglücklich gelöst ist die Szene, als Gregor die Namen slowenischer Widerstandskämpfer aus einem Buch vorliest und sich aus Ekel in dasselbe übergibt. Es ist eine im Popkulturgewand daherkommende Interpretation eines übergroßen Textes über Ängste, Freiheit und den immer noch andauernden Sturm. (Sabina Zwitter, DER STANDARD, 22./23.9.2012)

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2 Postings
Einen Shakespeareartigen Text

auf diese Weise gegen den Strich
aufzuführen? Warum? Nur um der Gefahr von Kliches auszuweichen??
Hier Linksammlungen zu allen anderen Auffuehrung und Rezensionen.
Note that Handke won this year's Muehlheim Theater Prize
AS IT SAYS: DIRECTOR'S P.O.V.
http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/d... storm.html

THE MAIN DISCUSSION

http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/h... urm-still-

storm.html

FOCUSES ON LANGUAGE AND ITS TREATMENT
http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/s... ill-storm-

introductory-thoughts-on.html

A COLLECTION OF ALL GERMAN REVIEWS
http://handke--revista-of-reviews.blogspot.com/2011/08/i... tormy.html

PHOTO COLLECTIONS

https:

... wie wahr ! ...

diese inszenierung ist leider kein vergleich mit den bereits erreichten höhen.

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