Marcel Wanders: "Millionen von Ideen"

  • Möbelserie "New Antiques" für Cappellini.
    foto: hersteller

    Möbelserie "New Antiques" für Cappellini.

  • Leuchten "Skygarden" für Flos.
    foto: hersteller

    Leuchten "Skygarden" für Flos.

  • Designer Marcel Wanders.
    foto: hersteller

    Designer Marcel Wanders.

  • Zimmer im neuen Hotel Andaz in Amsterdam.
    foto: hersteller

    Zimmer im neuen Hotel Andaz in Amsterdam.

  • Badezimmermöbel "Gallery of Broken Dreams" für Bisazza.
    foto: hersteller

    Badezimmermöbel "Gallery of Broken Dreams" für Bisazza.

Manche bezeichnen Marcel Wanders als "Lady Gaga des Designs" - Andreas Tölke traf den Gestalter in seiner Heimatstadt Amsterdam und sprach mit ihm über Opulenz und Reduktion

DER STANDARD: Unser letztes Gespräch endete mit einer Frage über Ihr persönliches Verhältnis zu Besitz: Wenn Sie vor Ihrem brennenden Haus stehen würden ...

Marcel Wanders: ... dann zertrümmere ich die kleine, über 100 Jahre alte Vase aus Delft, die ich gerettet habe, auch noch. Letzten Endes ist die Idee, etwas besitzen zu wollen, schöner, als es wirklich zu haben. Sehnsucht ist ein fundamentaler Antrieb.

DER STANDARD: Das war Ihre Haltung damals. Hat sich diese verändert?

Wanders: Ich würde die Vase schon im Vorfeld gar nicht mehr retten wollen. Die Wohnung, in der ich jetzt vier Jahre lebe, ist fast fertig - Zeit zum Auf- und Umbruch. Es ist zum Glück nicht so tragisch wie ein Haus, das in Flammen aufgeht. Aber auch heute stehe ich kurz vor einem Umzug. Eigentlich gibt es doch nichts Schöneres als einen Neuanfang, bei dem man alles hinter sich lassen kann. Gerade für einen Designer. Ich will ja gar nicht besitzen, ich will etwas schaffen. Mich interessiert eine Entwicklung, und mich treibt die Frage an: Kann ich mich selbst noch überraschen?

DER STANDARD: Ist das das Markenzeichen eines Designer: nie fertig und nie zufrieden zu sein?

Wanders: Ich bin wirklich nie zufrieden, und das bedingt vielleicht, dass man nie fertig wird. Wenn ich alles im Design erzählt hätte, was würde ich dann noch tun? Ich muss mir also immer wieder eine neue Aufgabe stellen und es besser machen wollen.

DER STANDARD: Das Ergebnis trägt unstrittig eine Wanders'sche Handschrift. Ihr Design ist "laut", "knallig" und "überbordend" - finden zumindest Ihre Kritiker.

Wanders: Dann sollen die sich einmal mit meinen Sachen beschäftigen und in die Tiefe gehen. Ich habe die letzten 15 bis 20 Jahre versucht, Design persönlicher zu machen. Humanistischer. Eigentlich geht es gar nicht darum, "das beste" Design zu machen. Es ist mein Design, das ich mache und auch nur so machen kann. Sehr persönlich. Wir machen keine Aufzugsmusik - wir machen meine Musik. Nicht irgendein Lied - mein Lied. Und dabei machen wir etwas Neues. Das kann zu Missverständnissen führen. Es ist Spaß. Aber es ist nicht spaßig. Und wenn es kontrovers diskutiert wird, ist das ein Zeichen dafür, dass es spannend ist. Außerdem habe ich im Design ja doch einiges zu sagen.

DER STANDARD: Die "New York Times" bezeichnete Sie als die "Lady Gaga des Design" - finden Sie den Vergleich ansprechend?

Wanders: Lady Gaga hat einen interessanten visuellen Aspekt in die Pop-Szene gebracht. Sehr theatralisch. Ich mag es bis zu einem bestimmten Punkt. Aber ich denke, dass meine Arbeit detaillierter ist. Davon abgesehen ist es nicht meine Musik.

DER STANDARD: Das neue Andaz-Hotel in Amsterdam ist auch wieder ein echter Wanders. Opulente Leuchten, gemusterte Teppiche und - Pardon - einiges an Schnickschnack.

Wanders: Für mich ist es ein sehr spezielles Projekt gewesen. Es ist in meiner Heimatstadt in einer alten Bibliothek. Bei jedem Hotel ist der Ort, an dem es steht, einer der wichtigsten Design-Aspekte. Es liegt auf der Hand, dass ein Ferienhotel am Meer anders aussehen muss als eines in einer Metropole. Unser Hotel, das wir in Miami realisiert haben, ist mehr Glitzer und mehr Fun als das Andaz, das in einer sehr alten Stadt steht und das dieses Gefühl in das Haus transportiert. Es ist gemütlicher, hat mehr Kultur. Es hat mehr Tiefe. Wir haben vier Jahre daran gearbeitet, und rausgekommen ist eine Komposition aus Millionen von Ideen. Was entstand, ist sozusagen die Essenz.

DER STANDARD: Noch mal zurück zur Stilkritik: Ihre Handschrift ist sehr deutlich und eindeutig identifizierbar. Wie viel aus der Welt Ihres Produktdesigns spielt in die Hotelentwürfe hinüber?

Wanders: Wir wollen Einzigartiges gestalten und konzentrieren uns auf den Stil, der einem Projekt und uns entspricht. Darum geht es. Natürlich verwenden wir Objekte aus den eigenen Entwürfen für das Interieur eines Hotels, ich finde aber nicht, dass die eigenen Möbel - gerade im Fall des Andaz - dominieren. Außerdem wäre es doch völlig falsche Bescheidenheit, die eigenen Produkte nicht in ein Projekt zu integrieren. Es soll erkennbar sein, aber eben lokal unterschiedlich. Ich arbeite gerade an einem Hotel in Doha. Wenn es eröffnet wird, werden wir fünf Jahre daran gearbeitet haben. Es ist eine sehr delikate Aufgabe, für unterschiedliche Standorte eine eigene Atmosphäre zu schaffen. Darum arbeiten wir auch immer mit Architekten zusammen, die vor Ort sind, die die Verhältnisse kennen. Allein das erfordert wochenlange Gespräche, weil ich sicher sein will, dass das Produkt und unsere Intention verstanden wird. Das Hotel wird dann auch unser Büro vor Ort.

DER STANDARD: Es war jetzt also einfacher, "zu Hause" zu arbeiten?

Wanders: Ein wenig. Es geht einfach schneller, wenn man einfach mal vorbeifahren kann. Aber das ist nicht so wichtig.

DER STANDARD: "Form follows function" - hat dieser Architektur- und Designleitsatz für Sie eine Bedeutung?

Wanders: Ja, denn er wird fehlinterpretiert. Der Ursprung geht zurück auf einen amerikanischen Bildhauer aus dem 19. Jahrhundert. Er bezieht ihn auf organische Prinzipien in der Architektur. Im Bauhaus wurde daraus das Credo für schmucklose Funktionalität, das ist falsch. Design ist Poesie, ist Literatur, ist Theater. Design ist mehr als Ingenieur-Arbeit, mehr als technisches Zeug. Design gebraucht das Vokabular der Kunst. Ich will nicht sagen, dass es Kunst ist, ich sage nur, dass die Nähe von Design zur Kunst größer ist als die zur Industrie. Ich versuche mithilfe von Industrie zu übersetzen.

DER STANDARD: Und das Ergebnis ist opulent. Hat es Sie nie gereizt, schlichter zu arbeiten?

Wanders: Ich mag Dieter Rams, ich finde seine Arbeit bewundernswert und höre ihm gerne zu. Aber wie weit kann denn noch reduziert werden? Wie simpel und schlicht sollen Dinge denn noch werden? Minimalismus ist letztendlich nur für Experten etwas, die sich mit der Entwicklung eines Produkts auseinandersetzen. Meiner Mutter ist das völlig egal, sie möchte Design, das eine Funktion erfüllt und das lebendig ist. Minimalismus und Rationalismus haben Design für eine so lange Zeit dominiert. Und das nicht, weil es die Menschen so sehr mögen. Darum hat unser Design eine dominierende Philosophie: Menschlichkeit.

DER STANDARD: Neben Design haben Sie eine weiteres kreatives Medium, in dem Sie sich austoben: Fotografie. Sorgfältig inszenierte theatralische Sujets. Was interessiert Sie an einem Foto?

Wanders: Kommunikation. Bilder sind die schnellste und intensivste Art und Weise zu kommunizieren. Ein ganz einfaches Beispiel: Mein "Knotted Chair" steht im MoMA in New York, da sehen ihn vielleicht 100.000 Menschen. Besitzen tun ihn vielleicht 30.000. Das Foto davon haben über eine Million gesehen. Das heißt, über einen Million Menschen haben sich, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Bild von meiner Arbeit gemacht. Design ist im besten Fall Kommunikation, und selbst wenn sich nicht jeder alles leisten kann - die Inspiration, den eigenen Lebensraum aktiv zu gestalten, geht vielleicht von einem Foto aus. Und wenn dann jemand durch die eigenen vier Wände läuft, sich Gedanken macht, wie er sich noch wohler fühlen kann, dann ist das doch auch für meine Arbeit ein Kompliment. (Andreas Tölke, Rondo, DER STANDARD, 21.9.2012)

Marcel Wanders

1963 wurde Marcel Wanders im niederländischen Boxtel geboren. Als Designer legte er einen Fehlstart hin: die Design Academy Eindhoven verwies ihn wegen "Unbelehrbarkeit". 1988 schloss er das Institute of the Arts, Arnhem, cum laude ab. 1996 kam mit dem "Knotted Chair" (Droog) der internationale Durchbruch. Der Sessel ist fester Bestandteil der Sammlung des Moma, New York. 2000 gründete er das Design Studio Moooi (Gründer, Art Director und Mitbesitzer). 2005 gestaltete er sein erstes Hoteldesign für Lute Suites, Amsterdam. Es folgten drei weiter Häuser (Casa Son Vida. Mallorca; Kameha Grand, Bonn; Mondrian, Miami) In seinen Hotels darf es blinken, glitzern und opulent sein. Neben Interieurs, Möbeln und Accessoires hat Marcel Wanders für den italienischen Leuchtenhersteller Flos zwei Lampen entworfen, die Designklassiker sind: "Skygarden" und "Zeppelin". Wanders, der auch leidenschaftlicher Fotograf ist (Editionen bei Lumas), arbeitet in seinem Amsterdamer Studio für Unternehmen wie B&B Italia, Boffi, Magis, Droog Design, Moroso, Bisazza und Cappellini.

Links
marcelwanders.com
amsterdam.prinsengracht.andaz.hyatt.com

Share if you care
1 Posting

i steh auf seine sochn,
bitte mehr so tolle berichte !

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.