Für hundert Stempel um die Welt

  • Der Niederösterreicher Erich Winauer hat bisher 110 Länder besucht, unter anderem die zu Chile gehörenden Osterinseln (links oben), Peru (rechts oben), Nordkorea (links unten) und Thailand.
Weitere Eindrücke von seiner Reise zeigt eine Ansichtssache.
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    foto: privat

    Der Niederösterreicher Erich Winauer hat bisher 110 Länder besucht, unter anderem die zu Chile gehörenden Osterinseln (links oben), Peru (rechts oben), Nordkorea (links unten) und Thailand.

    Weitere Eindrücke von seiner Reise zeigt eine Ansichtssache.

Mindestens 100 Länder muss besucht haben, wer Mitglied werden will im Travelers' Century Club. Weltweit gibt es etwa 1900 erfolgreiche Passstempeljäger, auch fünf Österreicher sind aufgenommen worden

Wien - Erich Winauer war in Ländern, die die meisten Menschen nie besucht haben - und vielleicht nie besuchen werden. Er machte Urlaub in Nordkorea, reiste durch Osttimor und trieb sich auf den Osterinseln herum. Er wurde nicht nur einmal ausgeraubt und bestohlen, in Russland auch schon von Polizisten. "Jedes Land hat seine schönen und seine problematischen Seiten", sagt Winauer, "ich reise einfach gerne."

Winauer (46), Beamter aus Moosbrunn in Niederösterreich, ist kein typischer Tourist. Er ist Teil einer kleinen österreichischen Gruppe, die sich Ultra-Travelers nennt: Menschen, die versuchen, so viele Länder wie möglich zu bereisen - am besten alle Länder der Erde.

Bisher war Winauer in 110 von 193 Staaten der Uno und in 172 von 321 Ländern, die vom Travelers' Century Club anerkannt werden, dem internationalen Pendant der Ultra-Travelers. Die Mitgliedschaft im Club steht nur denen offen, die 100 oder mehr Länder besucht haben. Weltweit hat er etwa 1900 Mitglieder, nur fünf davon leben in Österreich.

"Manche Leute sammeln Briefmarken, unsere Mitglieder sammeln Länder", sagt Klaus Billep, ein Deutscher mit Wohnsitz in Kalifornien, der dem Club vorsteht und viel Zeit darauf verwendet, die Reisen der Mitglieder durch Nachweise wie Passstempel und Fotos zu verifizieren.

Wer der meistgereiste Österreicher ist, hängt davon ab, wie man ein Land definiert: Die Uno und der Travelers' Century Club haben jeweils eigene Auffassungen, ein anderer Club, Most Traveled People, zählt überhaupt 872 Länder, Inseln oder Territorien. Laut dem Verband ist der Wiener Othmar Zendron der meistgereiste Österreicher: Er hat 397 gelistete Ziele besucht.

Torsten Neumann, dessen 78 Länder ihn nur zu einem Aufnahmekandidaten des Travelers' Century Club macht, sagt, dass es nicht wirklich ums Sammeln geht - obwohl er natürlich gerne 100 Länder sammeln würde, um ein offizielles Mitglied zu werden. "Manche Leute denken, dass ich nur reise, um Länder auf der Liste abzuhaken, aber das stimmt nicht. Ich möchte die Welt sehen."

Egal, was die Ziele der Ultra-Travelers sind, man muss viel opfern und arbeiten, um alle diese Länder besuchen zu können. Winauer, zum Beispiel, sucht ständig online nach guten Deals - so hatte er einen Flug nach Washington D.C. für nur 120 Euro ausfindig gemacht. Er reist zehnmal pro Jahr für jeweils neun bis elf Tage.

Mühsame Planung

Manche aber finden einen Weg, die mühsame Planung zu umgehen. Jürgen Preimesberger macht es vielleicht am schlauesten: Der 38-Jährige ist Arzt und bei einer Kreuzfahrtlinie angestellt. Er entschied sich auch deshalb für den Job, um mehr reisen zu können. Auch hilfreich ist, dass seine Freundin als Stewardess arbeitet.

"Es ist wie eine Sucht", erzählt Preimesberger, der 150 Travelers'-Century-Club-Länder besucht hat, bei einem Kaffee in Wien während einer seltenen Pause von seinen Reisen: "Die Gesellschaft sagt mir, dass ich Fuß fassen sollte, dass ich eine Familie gründen sollte, aber das langweilt mich."

Erich Treiber, 53 Jahre, wohnt nicht weit entfernt von Wien und hat 115 Länder der Travelers'-Century-Club-Liste besucht. Er sagt, dass seine Reisen von Brasilien bis hin zu den winzigen pazifischen Inseln des Inselstaates Kiribati gleichsam schön, beängstigend und spannend waren. Er litt an Denguefieber und anderen Krankheiten, aber sagt, dass es sich dennoch gelohnt hat.

"Österreich ist mir manchmal zu langweilig", sagt er, "es geht darum, ein Weltbürger zu sein. Ich wurde einfach zufälligerweise hier geboren." (Moises Mendoza, DER STANDARD, 21.9.2012)

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