Demenz: Wenn die Tür im Kopf zugeht

Reportage | Julia Herrnböck
21. September 2012, 10:24
  • Gut möglich, dass sich die Frau gerade fühlt wie ein siebenjähriges Mädchen. Demenz ist eine Zeitreise durch die Jahrzehnte.
    foto: fischer

    Gut möglich, dass sich die Frau gerade fühlt wie ein siebenjähriges Mädchen. Demenz ist eine Zeitreise durch die Jahrzehnte.

Feste Rituale und die Möglichkeit, Gefühle frei zu äußern, helfen Demenzkranken, mit der neuen Realität besser zurechtzukommen

Wien - Zuerst wird die Tür der kleinen Kapelle im Untergeschoß abgesperrt. Erst dann tritt Beatrice Horvath an jeden einzelnen der fünf Menschen im Sitzkreis heran. "Schön Sie zu sehen", sagt sie und reicht Frau W. die Hand. "Sie haben ganz warme Hände", erwidert diese lächelnd. Diesen Satz wird sie in den darauf folgenden eineinhalb Stunden noch sehr oft sagen.

Frau W. und die anderen vier sind Bewohner des Seniorenheimes in Schönbrunn. Jede Woche kommen sie zur Validationsgruppe, einer speziellen Behandlungsmethode, mit der alte und verwirrte Menschen erreicht werden sollen. Demenz, der zunehmende Verlust des Geistes, stellt Pflegeeinrichtungen vor völlig neue Herausforderungen. "Orientierungslos" nennt Horvath diesen Zustand, der mittlerweile etwa 80 Prozent aller Altersheim-Bewohner betrifft.

"Wie ist es, wenn man alt wird?" fragt Horvath in die Runde. Jede Sitzung hat ein eigenes Thema. "Ich glaube, es ist nicht so arg", antwortet Herr H., der einzige Mann im Kreis. Er ist Anfang neunzig, hat keine Haare und keine Zähne mehr, doch in seiner Wahrnehmung kommt das Altwerden erst auf ihn zu.

Immer wieder schiebt er sein Gebiss im Mund von einer Seite zur anderen. Monotone Bewegungen sind eine Begleiterscheinung der Krankheit, meist in der zweiten der vier Stufen. Sie vermitteln den Betroffenen Sicherheit in ihrer neuen Welt.

"Im Alter ist gar nichts mehr schön"

Das Kernstück der Validation ist das Anerkennen aller Gefühlsäußerungen, ohne diese zu bewerten, zu analysieren oder zu korrigieren. Hinter der Aussage einer 87-jährigen Frau, dass sie zu ihrer Mutter nach Hause müsse, steckt meist die Sehnsucht nach den Eltern und Geborgenheit. Es ändert nichts an der Realität von Demenzkranken, immer wieder klar zu machen, dass die eigene Mutter schon seit Jahrzehnten tot ist. Vielmehr die Frage, welche schönen Erinnerungen mit der Kindheit verbunden sind, kann emotionale Stabilität erzeugen.

"Was ist schön im Alter?", will Horvath nun wissen. "Gar nichts", sagt eine der Teilnehmerinnen. Sie ist erst seit einigen Wochen im Heim, findet sich in dieser letzten Lebensphase nur schwer zurecht. Sie ist fixiert auf ihren Rollator. Als sie gebeten wird kurz auszulassen, damit sie sich in den Sesselkreis setzen kann, protestiert sie und versucht, auf wackeligen Beinen aufzustehen. "Ich muss ihn anschauen", sagt sie verzweifelt. Der Rollator wird neben sie gestellt, ihre Hand ruht immer am Griff, ganz so, als möchte sie flüchten. Zweimal versucht sie es, Horvath und eine Pflegerin beruhigen sie und überreden sie zum Bleiben. Zu erzählen, was ihr Freude bereitet. Ihre Körperhaltung entspannt sich.

Zu Beginn und zum Ende der Sitzung singen die Teilnehmer ein Lied, mit Begleitung aus dem alten CD-Player. Dazwischen gibt es Kuchen, jeder der fünf hat seine immergleiche Rolle: Lied anstimmen, Saft ausschenken, Servietten verteilen, Kuchen aushändigen, Ball werfen. Am Schluss bedankt sich Horvath bei jedem und wiederholt, was sie geleistet haben. Diese fixen Rituale sind der Anker im Meer der Desorientierung.

Schutzfunktion der Seele

Die Kraft des Körpers geht nach und nach verloren, Partner und Freunde sterben. Schon der Einzug ins Heim bedeutet einen Abschied vom bisherigen Leben. Nach Ansicht von Validationsanwendern können - neben den körperlichen Ursachen - die erlittenen Verluste im Alter bei gleichzeitiger Unfähigkeit, mit Trauer umzugehen, die Verwirrtheit verstärken. "Es ist wie eine Tür zuzumachen, wenn der Schmerz zu groß wird", sagt Horvath.

Mittels Validation soll ein Abgleiten in die nächste Phase der Demenz abgefedert werden, aufhalten kann man sie nicht. Aber die Menschen bauen Stress ab, wenn sie sich frei äußern können und brauchen auch weniger Medikamente.

Herrn H.s Aufgabe ist es, die anderen wieder für ein Treffen in der kommenden Woche einzuladen, die Betreuerin erinnert ihn daran. "Meine Damen", setzt er strahlend an, "darf ich Sie bitten, nächste Woche zur selben Zeit wieder so nett zusammenzukommen?" Dann sieht er auf seine Armbanduhr, die Zeiger stehen auf halb zwölf, gleich gibt es Mittagessen. H. ist sich nicht sicher, ob es sechs Uhr Abends ist und er bald schlafen geht. Zeit ist ein dehnbares Phänomen in diesen Räumen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 21.9.2012)

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10 Postings

nicht on topic aber...heute gelesen in mein heimstadt zeitung:
http://www.lep.co.uk/community... -1-4947614

Im Bericht wird leider ein wesentlicher Aspekt ausgeklammert, nämlich dass viele Demenzkranke ihren Lebensabend zuhause verbringen möchten.
Die Unterstützungsangebote seitens des staatlichen Gesundheitswesens sind suboptimal: Heimhilfer und Pflegerinnen von Hilfsorganisationen stehen so sehr unter Zeitdruck, dass kaum Zeit für die ebenfalls wichtige psychologische Betreeuung der Demenzkranken (z.B. Aktivierung, Gedächtnistraining) und für die emotionale und zeitliche Entlastung der Angehörigen bleibt. Einige Privatanbieter stellen qualifiziertes Personal zur Verfügung, allerdings zu Bedingungen, die nur für wohlhabendes Klientel leistbar ist. Gleichzeitig drückt ein Überangebot an Arbeitskräften vor allem aus der Slowakei das Lohnniveau.

Nachsatz

Ich möcht noch eine Buchempfehlung für betroffene Angehörige loswerden:
"Alzheimer & Demenzen - Die Methode der einfühlsamen Kommunikation" von Prof Dr Sabine Engel.
Darin werden die verschiedenen Ursachen für Demenz, die Krankheitsverläufe beschrieben und Tipps für den kommunikativen Umgang mit dem Erkranken gegeben. Auch den Problemen der pflegenden Angehörigen und deren notwendige Unterstützung ist ein Kapitel gewidmet.

Buchempfehlung von mir:

Der alte König in seinem Exil

Eine grausame Krankheit, die ich nicht erleben möchte (und für die es in meiner Familie zum Glück keine Historie gibt).

Seit ich selbst in der Familie einen Demenzfall habe sehe ich erst wie furchtbar diese Krankheit ist.
Ich habe mal wo gelesen, dass Demenz die Krankheit der Angehörigen ist, da diese exterm darunter leiden. Und es ist so, eim Jammer zu sehen wie die eigene Mutter immer weniger von einem mitbekommt und irgendwann dich nicht mehr erkennt.

Vollste Zustimmung! Leider Gottes entwickelt sich diese Krankheit bei meiner Oma immer weiter und weiter. In manchen Momenten ist es einfach nur... herzzerreissend.

Ich gebe Ihnen beiden aus eigenem familiärem Erleben recht, daß es als Angehöriger herausfordernd ist, einen demenzkranken Angehörigen zu begleiten. Manchmal kommt es aber auch zu berührenden Erlebnissen mit Demenzerkrankten. Meiner Erfahrung nach, erleichtert es, wenn man "mitspielt" und sich auf die Gedankenebene der Erkrankten einläßt. Dann bin ich für meinen Großvater uU innerhalb eines Nachmittags die Mutter, Ehefrau, Tochter, Schwester, obwohl ich tatsächlich die Enkelin bin. Es würde ihn mehr verwirren, würde ich ihn vom Gegenteil überzeugen wollen.
Allen betroffenen betreuenden Angehörigen wünsche ich Kraft und Liebe bei der Begleitung ihrer ins Vergessen triftenden Lieben.

Wie Wahr...habe es 10 Jahre selbst bei meiner Mutter miterlebt..
Ich wünsche allen Betroffenen viel Liebe,Kraft und Verständnis

Mein Jammer ist nicht,

dass meine Mutter immer abwesender und auch manchmal aggressiver wird, sondern wie schwer es ist, ihr klar zu machen, dass sie nicht mehr alles alleine kann und macht. Die Gratwanderung zwischen notwendiger "Bevormundung" und würdevollem Leben- und Machenlassen ist m.M.n. der wirklich erste, harsche Knackpunkt bei dieser Krankheit. Das gar nicht mehr Erkennen der Angehörigen ist schlimm, aber wenigstens nicht bedrohlich und selbst gefährdend.

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