Demenz: Wenn die Tür im Kopf zugeht

Reportage |
  • Gut möglich, dass sich die Frau gerade fühlt wie ein siebenjähriges Mädchen. Demenz ist eine Zeitreise durch die Jahrzehnte.
    foto: fischer

    Gut möglich, dass sich die Frau gerade fühlt wie ein siebenjähriges Mädchen. Demenz ist eine Zeitreise durch die Jahrzehnte.

Feste Rituale und die Möglichkeit, Gefühle frei zu äußern, helfen Demenzkranken, mit der neuen Realität besser zurechtzukommen

Wien - Zuerst wird die Tür der kleinen Kapelle im Untergeschoß abgesperrt. Erst dann tritt Beatrice Horvath an jeden einzelnen der fünf Menschen im Sitzkreis heran. "Schön Sie zu sehen", sagt sie und reicht Frau W. die Hand. "Sie haben ganz warme Hände", erwidert diese lächelnd. Diesen Satz wird sie in den darauf folgenden eineinhalb Stunden noch sehr oft sagen.

Frau W. und die anderen vier sind Bewohner des Seniorenheimes in Schönbrunn. Jede Woche kommen sie zur Validationsgruppe, einer speziellen Behandlungsmethode, mit der alte und verwirrte Menschen erreicht werden sollen. Demenz, der zunehmende Verlust des Geistes, stellt Pflegeeinrichtungen vor völlig neue Herausforderungen. "Orientierungslos" nennt Horvath diesen Zustand, der mittlerweile etwa 80 Prozent aller Altersheim-Bewohner betrifft.

"Wie ist es, wenn man alt wird?" fragt Horvath in die Runde. Jede Sitzung hat ein eigenes Thema. "Ich glaube, es ist nicht so arg", antwortet Herr H., der einzige Mann im Kreis. Er ist Anfang neunzig, hat keine Haare und keine Zähne mehr, doch in seiner Wahrnehmung kommt das Altwerden erst auf ihn zu.

Immer wieder schiebt er sein Gebiss im Mund von einer Seite zur anderen. Monotone Bewegungen sind eine Begleiterscheinung der Krankheit, meist in der zweiten der vier Stufen. Sie vermitteln den Betroffenen Sicherheit in ihrer neuen Welt.

"Im Alter ist gar nichts mehr schön"

Das Kernstück der Validation ist das Anerkennen aller Gefühlsäußerungen, ohne diese zu bewerten, zu analysieren oder zu korrigieren. Hinter der Aussage einer 87-jährigen Frau, dass sie zu ihrer Mutter nach Hause müsse, steckt meist die Sehnsucht nach den Eltern und Geborgenheit. Es ändert nichts an der Realität von Demenzkranken, immer wieder klar zu machen, dass die eigene Mutter schon seit Jahrzehnten tot ist. Vielmehr die Frage, welche schönen Erinnerungen mit der Kindheit verbunden sind, kann emotionale Stabilität erzeugen.

"Was ist schön im Alter?", will Horvath nun wissen. "Gar nichts", sagt eine der Teilnehmerinnen. Sie ist erst seit einigen Wochen im Heim, findet sich in dieser letzten Lebensphase nur schwer zurecht. Sie ist fixiert auf ihren Rollator. Als sie gebeten wird kurz auszulassen, damit sie sich in den Sesselkreis setzen kann, protestiert sie und versucht, auf wackeligen Beinen aufzustehen. "Ich muss ihn anschauen", sagt sie verzweifelt. Der Rollator wird neben sie gestellt, ihre Hand ruht immer am Griff, ganz so, als möchte sie flüchten. Zweimal versucht sie es, Horvath und eine Pflegerin beruhigen sie und überreden sie zum Bleiben. Zu erzählen, was ihr Freude bereitet. Ihre Körperhaltung entspannt sich.

Zu Beginn und zum Ende der Sitzung singen die Teilnehmer ein Lied, mit Begleitung aus dem alten CD-Player. Dazwischen gibt es Kuchen, jeder der fünf hat seine immergleiche Rolle: Lied anstimmen, Saft ausschenken, Servietten verteilen, Kuchen aushändigen, Ball werfen. Am Schluss bedankt sich Horvath bei jedem und wiederholt, was sie geleistet haben. Diese fixen Rituale sind der Anker im Meer der Desorientierung.

Schutzfunktion der Seele

Die Kraft des Körpers geht nach und nach verloren, Partner und Freunde sterben. Schon der Einzug ins Heim bedeutet einen Abschied vom bisherigen Leben. Nach Ansicht von Validationsanwendern können - neben den körperlichen Ursachen - die erlittenen Verluste im Alter bei gleichzeitiger Unfähigkeit, mit Trauer umzugehen, die Verwirrtheit verstärken. "Es ist wie eine Tür zuzumachen, wenn der Schmerz zu groß wird", sagt Horvath.

Mittels Validation soll ein Abgleiten in die nächste Phase der Demenz abgefedert werden, aufhalten kann man sie nicht. Aber die Menschen bauen Stress ab, wenn sie sich frei äußern können und brauchen auch weniger Medikamente.

Herrn H.s Aufgabe ist es, die anderen wieder für ein Treffen in der kommenden Woche einzuladen, die Betreuerin erinnert ihn daran. "Meine Damen", setzt er strahlend an, "darf ich Sie bitten, nächste Woche zur selben Zeit wieder so nett zusammenzukommen?" Dann sieht er auf seine Armbanduhr, die Zeiger stehen auf halb zwölf, gleich gibt es Mittagessen. H. ist sich nicht sicher, ob es sechs Uhr Abends ist und er bald schlafen geht. Zeit ist ein dehnbares Phänomen in diesen Räumen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 21.9.2012)

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