Frank Stronach: "Es herrscht ein Machterhaltungssystem"

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  • Er werde "viel eigenes, versteuertes Geld einsetzen, um etwas zu einer Systemveränderung beizutragen", sagt der Gründer des Auto-Zulieferkonzerns Magna, Frank Stronach.
    foto: apa/eggenberger

    Er werde "viel eigenes, versteuertes Geld einsetzen, um etwas zu einer Systemveränderung beizutragen", sagt der Gründer des Auto-Zulieferkonzerns Magna, Frank Stronach.

Kommende Woche steigt Frank Stronach mit der Präsentation seiner Partei offiziell in die Innenpolitik ein

Milliardär Frank Stronach zu interviewen ist ein etwas komplexer Vorgang: Entweder man fliegt zu ihm nach Kanada oder sendet die Fragen per E-Mail. In beiden Fällen muss man sich zu einem "Freigabeprozedere" verpflichten. Interviews dürfen nur erscheinen, wenn eine schriftliche Erklärung unterzeichnet wird, den gesamten Interviewtext samt "Titel und Einleitung" dem Stronach-Institut "zur etwaigen Richtigstellung von Fakten" vorzulegen.

STANDARD: Haben Sie in Kanada die Turbulenzen um den Untersuchungsausschuss mitbekommen? Wenn er jetzt früher abgedreht wird, könnte das Ihnen ja sehr zugutekommen.

Stronach: Nein, das Abdrehen des U-Ausschusses ist sicher nicht in unserem Interesse. Wenn der U-Ausschuss seine Arbeit früher beendet, deutet das darauf hin, dass Dinge vertuscht werden sollen. Wenn Gesetze verletzt wurden, darf man mit der Aufklärung nicht warten, bis die Wahlen vorbei sind. Die Bürger haben ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren.

STANDARD: Die ersten Reaktionen auf Ihre Ankündigung, eine Partei gründen zu wollen, waren nicht nur freundlich. Das heißt, Sie müssen mit einem scharfen politischen Gegenwind rechnen.

Stronach: Mit dem Gegenwind habe ich gerechnet. Die derzeitige Regierung ist entweder unfähig, unser Land gut zu führen, oder sie ändert bewusst nichts, weil sie an der Macht bleiben will. Es herrscht ein Machterhaltungssystem von SPÖ und ÖVP, aufgebaut auf Kammern, Gewerkschaften, Bünden und sonstigen Machtblöcken.

Ich scheue mich nicht davor, auf Missstände aufmerksam zu machen. Leider haben die Machterhalter ein großes Netzwerk in Österreich, vor allem auch in der Medienlandschaft. Viele Magazine und einige Zeitungen sind die Sprachrohre dieser Machterhalter und versuchen mich schlecht darzustellen. Sie haben Angst, weil ich den Leuten die Wahrheit sage.

STANDARD: Wo ist Ihre künftige Partei, wo sind Sie persönlich eigentlich gesellschaftspolitisch einzuordnen? Sind sie etwa für oder gegen ein Kopftuchverbot, für oder gegen gleichgeschlechtliche Ehen, für oder gegen eine Gesamtschule?

Stronach: Die Partei ist weder links noch rechts. Wir machen das, wovon wir glauben, dass es am besten ist für Österreich. Nächste Woche werden wir nähere Informationen zur Partei und zu unserem Programm präsentieren.

STANDARD: Da Herbert Paierl bei der Besetzung des ÖIAG-Chefpostens durchgefallen ist und daher sozusagen wieder "frei" wäre: Werden Sie ihn in Ihr Team holen?

Stronach: Ich schätze Herbert. Ich freue mich über jeden, der sich mit unseren Werten und Vorstellungen, wie man Österreich wieder auf einen guten Weg führen kann, identifiziert und mit dabei ist.

STANDARD: Wie kommentieren Sie eigentlich die Affäre um antisemitische Karikaturen auf Heinz-Christian Straches Facebookseite?

Stronach: Ich benütze Facebook nicht und habe dieses Thema nicht im Detail verfolgt.

STANDARD: Österreich diskutiert derzeit über die Abschaffung der Wehrpflicht. Im Jänner wird es dazu eine Volksbefragung geben. Sind Sie für oder gegen eine all gemeine Wehrpflicht?

Stronach: Ich habe selbst gewisse Vorstellungen, möchte aber unter anderem für dieses Thema einen Weisenrat und ein Ethikkomittee einsetzen, die sich mit dieser Frage befassen sollen. Der Weisenrat soll unserem Parteiprogramm den letzten Feinschliff geben.

STANDARD: Magna distanziert sich von Ihnen, der Konzern will nicht in Verbindung mit politischen Aktivitäten gebracht werden. Schmerzt Sie diese Reaktion Ihres Konzerns?

Stronach: Nein, das schmerzt mich nicht, im Gegenteil, Magna ist ein unabhängiges Unternehmen, das sich nicht in Parteipolitik einmischen soll. Eine Firma hat eine einzige Aufgabe: Sie muss im Rahmen der Gesetze Gewinn erwirtschaften. Nur so kann es Arbeitsplätze geben. Eine Firma, die keinen Gewinn macht, ist eine Last für die Gesellschaft.

Das Management trifft Standortentscheidungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Als ich noch die Kontrolle hatte, legte ich fest, wo wir Werke eröffnen. Die Magna hätte mehr Gewinn gemacht, wenn die Werke anderswo gebaut worden wären. Aber ich bin Österreicher und ich habe zu den Aktionären gesagt, ich baue viele Werke in Österreich. Wenn es euch nicht passt, verkauft eure Aktien und kauft andere Aktien.

STANDARD: Sie investierten auch in universitäre Kooperationen. Wie viel müsste Ihrer Meinung nach Österreich budgetär für die Universitäten bereitstellen, um international wettbewerbsfähig zu sein?

Stronach: Der Staat hat eine Verpflichtung, für die Ausbildung der jungen Leute bis zu einem gewissen Alter zu sorgen. Danach, jedenfalls ab 18, ist es die Entscheidung des jungen Menschen, ob er oder sie gleich arbeiten oder sich zuerst weiterbilden möchte. Ich trete dafür ein, dass nur jene finanzielle Unterstützung erhalten, die sehr gut und fleißig studieren.

Die Allgemeinheit sollte nur für die Kosten für Studien aufkommen, in denen ein Mangel herrscht, etwa in technischen Berufen. Wer unbedingt etwas studieren will, was weniger gebraucht wird, soll dafür selber bezahlen. Er oder sie könnte zuerst arbeiten, sich Geld ansparen und dann studieren. Viele erfolgreiche Leute sind diesen Weg gegangen.

STANDARD: Herr Stronach, es gab viel Kritik und Spekulationen wegen Ihrer Einkommenssituation. Wo und wie viel versteuern Sie exakt?

Stronach: Ich bin ein internationaler Geschäftsmann mit internationalen Unternehmen. Überall, wo ich Einkommen habe, zahle ich Steuern. Alles genau nach den Gesetzen und internationalen Abkommen. Ich habe das meiste Einkommen in Kanada, daher zahle ich auch dort die meisten Steuern. In Österreich verdiente ich letztes Jahr aus Beratertätigkeiten ungefähr zwei Millionen Euro, und ich zahlte daher ungefähr eine Million Euro an Steuern. In der Schweiz habe ich sehr wenige Aktivitäten, daher fallen dort auch nur wenig Steuern an. Ich habe kein Vermögen in der Schweiz veranlagt.

STANDARD: Eine Kandidatur in Österreich würde wohl auch Ihre physische Präsenz im Land voraussetzen. Werden Sie von Kanada nach Österreich übersiedeln?

Stronach: Ich werde viel Zeit in Österreich verbringen, habe aber immer gesagt, ich suche kein Amt und keinen Titel. Ich werde nicht der Bundeskanzler. Ich werde viel Zeit und viel eigenes, versteuertes Geld einsetzen, um etwas zu einer Systemveränderung zum Besseren beizutragen.

STANDARD: Nachdem Ministerin Bures einen Verkauf der ÖBB ausgeschlossen hat: Haben Sie Ihr Kaufangebot wieder ad acta gelegt?

Stronach: Nein, das habe ich nicht, ich glaube nicht, dass die Frau Minister das so entscheiden sollte. Die Frage muss lauten: Wie kann man die ÖBB wieder so organisieren, dass sie gut funktioniert und Gewinne macht? Ein Käufer kann sie ja nicht nach Italien, Polen oder sonst wohin verlegen. Derzeit ist die ÖBB nur ein Abstellgleis für sozialdemokratische Funktionäre. (Walter Müller, DER STANDARD, 21.9.2012)

Frank Stronach (80) wanderte in den 1950er-Jahren nach Kanada aus und gründete eine kleine Werkzeugfirma, die er zum Weltkonzern Magna aufbaute. 2010 verkaufte Stronach sein kontrollierendes Aktienpaket, blieb aber im Board of Directors. In Österreich stieg er unter anderem ins Fußballgeschäft ein.

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