"Die Gesellschaft Weißrusslands ist in einer Depression"

Interview | André Ballin, 21. September 2012, 05:30
  • Offiziell wird erst am Sonntag das Parlament in Weißrussland gewählt,
 doch mehr als sieben  Prozent der Wähler, speziell Angehörige der 
Streitkräfte und staatliche Bedienstete, haben schon abgestimmt.
    foto: apa/epa/senkowitsch

    Offiziell wird erst am Sonntag das Parlament in Weißrussland gewählt, doch mehr als sieben Prozent der Wähler, speziell Angehörige der Streitkräfte und staatliche Bedienstete, haben schon abgestimmt.

  • Alexander Milinkewitsch (65) war Einheitskandidat der weißrussischen Opposition bei der Präsidentenwahl 2006, wo es wegen Manipulationen zu ersten Protesten gegen Staatschef Lukaschenko kam. Milinkewitsch ist Doktor der Physik und war vor seiner Politkarriere als Lehrer und Universitätsdozent tätig.
    foto: ap/grits

    Alexander Milinkewitsch (65) war Einheitskandidat der weißrussischen Opposition bei der Präsidentenwahl 2006, wo es wegen Manipulationen zu ersten Protesten gegen Staatschef Lukaschenko kam. Milinkewitsch ist Doktor der Physik und war vor seiner Politkarriere als Lehrer und Universitätsdozent tätig.

Der Oppositionelle Alexander Milinkewitsch über den Wunsch nach Veränderung und die Chancen der Lukaschenko-Gegner

STANDARD: Zu den Parlamentswahlen am 23. Oktober wurden Sie nicht zugelassen. Warum?

Milinkewitsch: Präsident Alexander Lukaschenko kontrolliert nach wie vor völlig allein die Wahlen. Ob die Opposition zugelassen wird, hängt nicht vom Gesetz ab, weil unsere Wahlen weder gerecht noch fair sind. Es geht allein danach, was die Obrigkeit für zweckmäßig hält. Derzeit hält sie es nicht für zweckmäßig, die Opposition ins Parlament zu lassen, obwohl dieses wenig zu sagen hat. Sie beansprucht die absolute Kontrolle über die Gesellschaft. Die Obrigkeit hat Angst vor einem unabhängigen Parlament.

STANDARD: Einige Oppositionelle wurden aber zugelassen. Wie schätzen Sie deren Chancen ein?

Milinkewitsch: Die Obrigkeit hat vor allem die Politiker zugelassen, die ihre Kandidatur vor den Wahlen zurücknehmen. Diese Politiker führen zwar eine Wahlkampagne, wollen aber die Wahl selbst boykottieren. Wer allerdings bereit ist, bis zum Ende zu gehen, der wird nicht registriert.

STANDARD: Wie soll sich die Opposition weiter verhalten?

Milinkewitsch: Einige fordern den Boykott der unfairen Wahlen. Das ist prinzipienfest, aber unergiebig. Wir müssen der Gesellschaft nicht beweisen, dass Lukaschenko ein Diktator ist. Die Bürger fragen aber auch: "Wird das Leben unter euch Demokraten besser?" Daher ist es wichtig, bei den Wahlen eine positive Alternative aufzuzeigen und Reformen anzubieten.

STANDARD: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Milinkewitsch: Ich habe an hunderten Demos teilgenommen, mich mit tausenden Leuten getroffen. Und alle sagen: "Wir glauben weder an Lukaschenko noch an die Opposition." Es ist wichtig, dass wir die Stimmung im Volk heben, denn die Gesellschaft ist in eine tiefe Depression verfallen.

STANDARD: Wann hat diese Depression begonnen?

Milinkewitsch: Sie herrscht schon lange. Wir haben eine Diktatur, und die Mehrheit der Menschen begreift das. Einige sagen, wir brauchen eine Diktatur. Die können wir nicht überzeugen. Es gibt aber auch Menschen, die demokratisch denken, aber die derzeitige Opposition nicht als alternative Kraft ansehen, die einen Platz im Machtgefüge einnehmen kann.

STANDARD: Hat das auch mit der Präsidentenwahl 2010 zu tun?

Milinkewitsch: Die Opposition hat zwar 30.000 Menschen auf die Straße gebracht, konnte sich aber bei der Wahl nicht auf einen Einheitskandidaten festlegen. Das ist schlecht, denn die Menschen haben gesagt: "Wenn Ihr euch jetzt schon nicht einigen könnt, dann könnt ihr es auch nicht, wenn Ihr an der Macht seid." Die Opposition muss ein einheitliches Bild abgeben, und sie braucht einen Anführer. Das ist sehr wichtig, damit die Weißrussen daran glauben, dass sie ihr Schicksal verändern können. Das Bewusstsein, dass das Land Veränderungen braucht, ist da.

STANDARD: Wird es nach der Wahl wieder zu Protesten kommen?

Milinkewitsch: Ich denke, dass es keine Demos geben wird. Die Weißrussen sind Pragmatiker und wissen, dass das Parlament Dekoration ist. Die Gesetze werden von der Präsidialadministration erlassen. Im vergangenen Jahr hat das weißrussische Parlament nur ein Gesetz verabschiedet, das es auch selbst erarbeitet hat. Real gehen die Menschen nur nach Präsidentenwahlen auf die Straße.

STANDARD: Wie bewerten Sie die EU-Sanktionen?

Milinkewitsch: Ich bin für personelle Sanktionen und Einreiseverbote. Aber ich bin kategorisch gegen Wirtschaftsembargos. Embargos führen nur dazu, dass sich die Staaten einigeln, statt demokratischer zu werden. Außerdem sinkt dadurch die proeuropäische Stimmung in Weißrussland. Die EU muss stattdessen den Kontakt zur Zivilgesellschaft suchen. (André Ballin, DER STANDARD, 21.9.2012)

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Die verherrlichenden Beschreibungen von Belarus im Forum erinnern mich sehr an Syrien vor dem Aufstand ...

(Von der allgegenwärtigen Vermüllung der Landschaft und dem teuren Wohnungsmarkt abgesehen)

Kriminalität niedrig, ich konnte dort in den verruchtesten Vierteln bei Dunkelheit herumspazieren ...

verschlafenes Land mit sympathischer Bevölkerung

subventionierte Lebensmittel und Gas ...

Staatsbetriebe und behutsame Privatisierung

Traditioneller Handel mit LW, Zwischenhändler und Verkäufer

Lohn in die Lohntüte statt aufs Konto

Aber die Korruption wuchert, das allgemeine Lohnniveau ist miserabel und der Geheimdienst in jeder Gasse ...

Auf niedrigem Niveau ist das Leben in einem solchen Staat vlt gegenüber unsozialen Mafia- Staaten vorzuziehen, aber mehr auch nicht ...

Sie haben keine Ahnung, und vergleichen einen Muslim Staat mit Religionskriegen mit einem Staat ohne Religionsprobleme!

Als ich dort war, gab es keinen "Religionskrieg" - das war überhaupt nicht das Thema. Aber sobald das Stichwort Islam fällt, brechen bei vielen Menschen alle Dämme der Vernunft.

Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass in Belarus Stabilität und Existenzsicherheit besser sind als in vielen anderen Ländern, auch in der Region.

Das bedeutet aber nicht, dass dort die Welt noch in Ordnung ist.

Von außen sieht es tw so aus, aber unter der Schale ist vieles verfault.

Wo ist die Welt noch in Ordnung? Haben Sie heute schon die Zeitung ueber Oesterreich gelesen ?

Two wrongs don't make one right

diesmal stimme ich Ihnen vorbehaltslos zu

Hat bei dem Bild noch wer an das Icon der Photo Booth App gedacht?

Eine andere (neutralere) Sicht auf Belarus

http://www.jungewelt.de/2012/09-21/025.php

Wie bitte kann man zu diesem Pamphlet "neutral" sagen? :) Da wird von Menschen mit offenbar altkommunisistischem Selbstverständnis in sowjetischer Tradition einer Parteioligarchie das Wort geredet.

Also für mich klingt dieser Artikel extrem tendenziös. Verstehe nicht, wie man den als "neutraler" einstufen kann ...

"Der Parteienwettbewerb ist für das politische System in Belarus nicht von konstitutiver Bedeutung. Die vom Präsidenten ausgehende Machtvertikale ist an keine bestimmte Partei gebunden." ist ja nur ein Euphemismus für "Diktatur".

Klar, wenn man die gängige Propaganda als "objektiv" auffasst, ist jeder andere Standpunkt "tendenziös"!

Stimmt. Und umgekehrt: Wenn man der gängigen Propaganda glaubt, ist schnell einmal ein tendenziöser Artikel "neutral", selbst wenn er in einer Zeitung steht, die von Ex-Stasi-Mitarbeitern geschrieben wird ...

Zitat:

Belarus war die erste Ex­sowjet­republik, die im Jahr 2005 das Bruttoinlandsprodukt der Ära vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder erreichte: 120 Prozent des Niveaus von 1990. Zum Vergleich: In Rußland waren es 85 Prozent, in der Ukraine 60. Das liegt nicht zuletzt auch daran, daß die Machtvertikale das Entstehen einer oligarchischen Oberschicht zu unterbinden wußte. Der wirtschaftliche Aufschwung erfolgte nicht auf Kosten der sozialen Sicherheit. Die Erfolge des belarussischen Modells stellten somit eine eindrucksvolle Widerlegung der neoliberalen Reformlogik dar. Grund genug für die westliche Reformzentrale, das zwischen EU und Russischer Föderation gelegene Land zu den Schurkenstaaten zu zählen und zum Regimewechsel auszuschreiben.

interessante Behauptungen der "jungen Welt".

Gibt's dafür belastbare Quellen?
Gibt es eine öffentliche Meinung in Belarus mit vergleichbarer Auffassung? Oder etwa eine mit abweichender Meinung?
Ist dieser Quark neomarxistisch oder nur parodistisch? Oder etwa beides?

"Gibt es ..."?

Wer sucht der wird auch fündig!

Viel erfolg!

"Ist dieser Quark neomarxistisch oder nur parodistisch?" - neoliberal und postmodern auf jeden Fall nicht.

Vergleichen sie Weissrussland doch bitte auch mal mit Hausnummer Lettland,

oder mit Bulgarien......

Dann relativiert sich naemlich ihr Schwachsinn!

In welchen Belangen?

http://www.welt-in-zahlen.de/laenderve... eich.phtml

Sie können sich spielen

Wer sind denn die Akteure?

Der Oppositionsführer hält sich sehr bedeckt. Die härteren Fragen, wer die politischen Akteure in und rund um Belarus sind, stellt er nicht.

1. die Regierung und Lukaschenko, 2. die Russen, die ihr Gas durchleiten, 3. westliche politische Stiftungen, die Kontakte zur Opposition haben, bzw. eine Opposition aufbauen wollen, 4. ganz andere, aber auch westliche Banken, die den Gutteil der jetzigen Finanztransaktionen des Landes schultern, 5. die EU, die gegen die Diktatur auftritt (Wenn Kenner noch and. Akteure aufzählen können, nur zu!).

Die Sache mit der Durchleitung der Energie scheint mir der politische Knackpunkt für die EU zu sein. Militärisch ist für das NATO-Land Polen sicher auch die Pufferfunktion vor den Russen bedeutend.

Jetzt wurde es auch in der ZIB 1 gesagt

Die zweitgrößten ausländischen Geldgeber/Investoren in Belarus sind österreichische Unternehmen, Raiffeisen (zu 88 % Inhaber der Prior-Bank) und die Telecom Austria (mein Punkt 4.).

Sie sollten nicht immer alles glauben was d Staats TV ORF vorliest.

Die groessten Investoren sind sicherlich nicht die Oesterr. die haben nicht einmal eine Botschaft in Minsk.
Sie koennen die Statistik als Antwort bei einem anderen Ihrer interessanten Postings finden.

Parlamentswahlen hier wie dort

Was würde sich den ändern wenn die Opposition antritt und gewinnt? Dann sind dort Zustände wie in der Ukraine und das ist das was Belarus nicht braucht.

Abgesehen davon ändert sich das System nicht, nur die Akteure.

Das gleiche sieht man doch auch bei uns in Österreich, in Deutschland ect. Andere Partei an der Macht - selbes Spiel. Wie kann ich schnell und effizient abzocken, nur keine Verantwortung übernehmen und am ende "ich kann mich nicht erinnern" oder " der andere hat doch auch".

Da ist es egal ob man in Belarus die Opposition ist oder ÖVP, CDU, SPÖ, SPD, FDP, FPÖ oder sonstwie heißt.

Neues Blatt - selbes Spiel.

Ändern kann man nur das System damit es "vielleicht" besser wird. Heutige Demokratie - ich denke NEIN!!!!!

Ich habe all Ihre Postings zu diesem Thema gelesen und stimme Ihnen voll zu! Mehr gibts auch nicht u sagen.

Ich habe selbst ein paar Monate in Belarus verbracht. Die Leute dort machen mir einen sehr, sehr glücklichen Eindruck - sicher, denn sie hatten schlimmere Zeiten hinter sich. Ich mag das Land und die Leute dort. Einziger nachteil: Die Konditorwaren dort sind mir viel zu gallig;-)

Was würde sich ändern?

Viel!

Sicher, gleich bleibt, dass viele Politiker auch gerne für sich verdienen wollen und so den Staat betrügen.

Aber: Wohin eine Diktatur führt, haben wir in vielen Ländern zu Genüge erfahren.
Und ich bin tausend Mal lieber in einem Land, in dem ein Minister ungerechtfertigte Inserate schaltet, damit die Zeitungen ihm wohlgesonnen sind, als in einem Land, in dem ich von einem Geheimdienst verfolgt werde, weil der Diktator Angst um seine Macht hat.

bei welcher NGO arbeitens??

ich kann mir erlauben so was zu sagen, ich bin regelmäßig in Belarus, hab dort über 2 Jahre beruflich gearbeitet.

Gedankenanregung:
- das Leben ist sicherer dort = weniger Verbrechen
- Verbrecher werden schnell und hart bestraft = und bei uns???
- Familien werden besonders gefördert und Kinder generell = Beihilfen ect., vergünstigt Wohnraum oder bei mehreren Kindern gratis = und bei uns??
- Opfer von Tschernobyl erhalten kostenlose medizinische Behandlungen und Medikamente = bei uns???

Fazit: kenne beide Länder, hüben wie drüben gibt Vor- und Nachteile.

Unsere Medien - viele unwahre Geschichten

Und warum sollte Belarus Menschen, NGO's einreisen lassen, die sowieso nur Dreck und Schmutz werfen wollen.

Die EU machts ja auch

Saxonia, uebertreiben Sie nicht mit Ihren Jubelpostings. Erst kuerzlich wurden in Belarus d Steuerfreibetraege fuer Tschernobyl Opfer gekuerzt oder gestrichen. Die Medizinische Behandlung ist nicht immer kostenlos. Fuer eine kleine OP warten Sie viele Jahre u muessen selbst noch zuzahlen. Was fuer viele Menschen mit einen Mittleren Einkommen von 300 Euro monatlich unmoeglich ist.
Weissrussland ist kurz als "Preussen mit Russischer oder Weissrussischer" Muttersprache erklaert. Daher weniger Verbrechen, da d Gefaengnisse die Hoelle sind. Aber wer kann schon von "reinen Strassen" allein leben ?
Was richtig ist, in Oesterr wird viel Bloedsinn ueber Belarus geschrieben, dieser Artikel ist jedoch besonders in d Einschaetzung d Opposition OK!

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