"Freuen uns, welchen Blödsinn wir geplant haben"

Interview |

Der Herr der Styria im Interview: Friedrich Santner, Boss der Paar GmbH und Aufsichtsratschef des Grazer Medienriesen

Betriebsrat Michael Lohmeyer stimmte die Belegschaft Mitte September in einer Betriebsversammlung auf Sparmaßnahmen bei ihr und dem Wirtschaftsblatt ein. Zur selben Zeit erklärte Michael Tillian medianet, was er mit den beiden Zeitungsverlagen vorhat, die er ab 1. Oktober zusammenführt: eine „Schlankheitskur", manche Bereiche werde es nicht mehr geben, in manchen sollen Journalisten für beide Blätter arbeiten.

Cut and Grow

Dienstag dieser Woche brachte die Branchenzeitung das Interview mit Tillians eher harter denn herzlicher Parole: „Cut and Grow".

An dem sonst strahlenden Septemberdienstag nimmt sich Friedrich Santner Zeit für Öffentlichkeitsarbeit. Santner, seit 2007 im Aufsichtsrat von Österreichs knapp zweitgrößtem Verlagskonzern Styria, seit 2011 dessen Vorsitzender. Eine Schlüsselfigur beim Abgang des langjährigen Konzernherrn Horst Pirker. Eine Schlüsselfigur beim neuen Kurs der Styria. Cut and grow.

Nach einer Stunde Interview eine große Runde durch Santners erstes Betätigungsfeld. Die Anton Paar GmbH, Grazer Technologiekonzern, globaler Player, Weltmarktführer in der Dichtemessung von Flüssigkeiten. Bier, Wein, Coca-Cola.

Schwiegervater Ulrich Santner hat den Forschungsriesen mit Weltgeltung aufgebaut. Schwiegersohn Friedrich, der bei der Heirat 1981 den Namen Santner annahm, verfünffachte in zehn Jahren Umsatz und Mitarbeiter.

Klingt nach einem, der es der Mitwelt beweisen will. Menschen, die ihn kennen, befreundet, neutral, verfeindet, beschreiben den 52jährigen Steirer aus dem oberösterreichischen Gmunden als ehrgeizig. Sehr ehrgeizig.

„Ich hab nie vorgehabt, in dieses Unternehmen zu kommen", sagt der Marathonläufer ganz oben im eher zweckmäßigen denn design-chicen Paar-Hochhaus in Grazer Industriegebiet, zwischen Rollerdiskont, Plabutschtunnel, Reit- und Autohandel. Hemdsärmel, die Krawatte blieb im Schrank, klein, drahtig, so kurzes wie dichtes graues, einst blondes Haar, blauer, fokussierender Blick. Mit sehr ruhiger Stimme sagt er, er „habe das Leben immer auf mich zukommen lassen." Bei Paar, der Styria, auch für den Vorstandsvorsitz der Steiermärkischen Verwaltungssparkasse fragte ihn jemand, ein anderer, ob er Aufsichtsrat bei Sturm Graz sein will. Wo er, wie an all den Punkten, sehr aktiv mitmischt, wie man in Graz zu berichten weiß.

Santner räumt ein, dass er „was gestalten will". Und scheint doch sehr bemüht um ein ein Bild der Gelassenheit: „Wenn ich morgen rausgehe, und ich bin's nicht mehr und wer anderer macht's, ist's auch okay." Business Plan? „Jedes Jahr freuen wir uns, welchen Blödsinn wir geplant haben." Wachstum? Ergebe sich aus dem klugen Forschen und Entwickeln der Mitarbeiter.

Noch ein Bild ist ihm offenkundig wesentlich: großer Betriebskindergarten, das ganze Jahr offen für den Nachwuchs; jeder Mitarbeiter als Angestellter beschäftigt („arbeiten tun alle"); jeder Mitarbeiter, der zu ihm kommt, sei für ihn ein „Kunde".

An der Belastungsgrenze

Psychologie hat Santner studiert. „Viele glauben, als Psychologe könne man die Menschen durchschauen oder womöglich sogar manipulieren. Irrtum. Es geht vielmehr darum: Mag man die Menschen?" Ja, er mag sie, sagt er. „Mag man Menschen, fühlt man Zuneigung zu ihnen." Und hat man die, will man wissen „wie der tickt". Santner tickt offenbar nicht immer im selben Takt, vielleicht kommt das auch darauf an, wo und wie man zu ihm steht.

Styria-Kenner berichten von massivem Druck des Aufsichtsrats auf den Vorstand, der diesen Druck nach unten weiterleite. Sitzungen des Aufsichtsrats gingen an und über Belastungsgrenzen von Teilnehmern.
„Überhaupt nicht", sagt Santner ganz ruhig: „Das ist ein sehr kollegiales Organ, das in großer Wertschätzung miteinander arbeitet. Wir haben bestes Einvernehmen, auch mit Betriebsräten, mit denen wir letztens sogar gemeinsam abgestimmt haben." So harmonisch klang der Betriebsrat in der Presse nicht.

Horst Pirker hat aus einer defizitären Styria einen überregionalen Konzern geformt. Der Muskel Kleine Zeitung, Marktführer in Steiermark und Kärnten, finanzierte zum wesentlichsten Teil die rasche Expansion nach Wien, in Qualitätsblätter und Magazine, nach Kroatien, Slowenien. "Charme" bescheinigt Santner dem Portfolio. Nun aber gelte es einen Schritt zurück zu machen, zu fragen: „Wie gesund ist alles?" Vorgabe des Aufsichtsrats: jede Unternehmenseinheit muss nachhaltig positiv sein. Auch im Sinne medialer Unabhängigkeit, sagt Santer.

Auch in einer Konjunkturphase wie dieser. In einer Krise wie in Slowenien, wo die Gratiszeitung Zurnal24 ihre Reichweite nicht in Werbegeld umsetzen kann. Wo Kroatiens Werbewirtschaft erneut einknickt. Wird sich die Styria von relevanten Konzernsteilen trennen? Santner verneint: „Größere Arrondierungen sind nur in Krisenzeiten notwendig, wenn man über Jahre vergessen hat, seine Hausaufgaben zu machen." Er räumt ein, die Styria hätte „viel, viel früher" nachsehen sollen, „wo wir optimieren können".

Dienstleister auslagern

Nun versucht man selbst an kleineren Schrauben zu drehen: Dienstleistungen wie Anzeigenproduktion auszulagern, etwa in die neueren deutschen Bundesländer, ist gerade Thema. Bei kolportiert sechsstelligem Einsparungspotenzial. Cut, auch low.

Santner kommentiert das nicht: „Da müssen Sie die Vorstände fragen. Man sagt zwar, der Santner mischt sich operativ überall ein. Aber offensichtlich kenne ich mich nicht aus", lacht er. Die Vorstände schweigen vorerst dazu.

Santner vermisst Innovationen, wie sich Zeitungen und Magazine Geld in digitaler Form finanzieren, sagt er. Findet aber auch Konzepte wie das der Südtiroler Athesia „erfrischend und interessant", die mit Glasfasernetzen und Kraftwerken „Geld verdient, damit sie Zeitungen machen kann".

Geld verdienen werde die Styria auch heuer, verneint Santner „aus heutiger Sicht" Infos, das Ergebnis könne zwischen drei Millionen plus und unter Null liegen nach 14,4 Millionen plus im Vorjahr. „Wir werden unser Bestes geben." Dazu zählen, wie er ja beschrieb, die Mitarbeiter. 

Hier geht's zum Gespräch mit Friedrich Santner

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