Oper in Wien: Eine "Bankrotterklärung"?

20. September 2012, 17:18
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Klangforum-Chef Sven Hartberger schimpft, Operndirektor Dominique Meyer reagiert

Wien - Eigentlich hätte es auf der Pressekonferenz in erster Linie um das Saisonprogramm 2012/13 des Klangforums Wien gehen sollen: 23 Uraufführungen, eine Musiktheaterproduktion bei den Wiener Festwochen, den (bereits fast ausabonnierten) Konzerthaus-Zyklus "Europa global", die neue Porträt-CD des Erste-Bank-Kompositionspreisträgers von 2011 (Gerald Resch, erschienen bei Kairos) und die Vorstellung des Preisträgers von 2012 (Beat Furrer, Uraufführung des Auftragswerks ira-arca bei Wien Modern am 3. 11.).

Das alles kam auch zur Sprache, doch dann widmete sich der Intendant des Ensembles, Sven Hartberger, einem anderen Thema. Unter dem Motto " Musikstadt Wien - eine Bankrotterklärung" hielt er einen ausgefeilten Vortrag über das aktuelle Repertoire der drei großen Wiener Opernhäuser, vor allem der Staatsoper: "Das Publikum wird um das Musikschaffen der letzten 70 Jahre geprellt und betrogen. Das ist eine aggressive Attacke gegen heute lebende und schaffende Komponisten."

Der Zusammenhang leuchtet ein, wenn Hartberger sagt, das Publikum müsse mit den Werken des 20. Jahrhunderts vertraut sein, um mit Musik von heute überhaupt etwas anfangen zu können. Insofern betrifft das Anliegen des erklärten Opernnarren tatsächlich auch die eigentlichen Interessen seines Ensembles.

Ein Treffen mit Staatsopernchef Dominique Meyer hat es kürzlich gegeben, und Hartberger betont, dass er seine Kritik keineswegs persönlich meint ("Er hat ja eine Ruine geerbt"). Im Gespräch mit dem Standard bestätigt Meyer denn auch, dass er ein eigenes Haus für zeitgenössisches Musiktheater unterstützen würde: "Ich würde gern zusammenarbeiten, um mehr Möglichkeiten für neue Musik zu schaffen."

Notwendigerweise hat er aber, was sein Haus betrifft, einen anderen Blickwinkel: "Wir haben schon viele Stücke des 20. Jahrhunderts auf den Spielplan gestellt, und es wird in den nächsten Jahren mehrere Auftragswerke geben. Es ist aber nicht immer leicht, einen Ausgleich zu finden, und manchmal hat man Träume, die man nicht so einfach verwirklichen kann. C'est la vie." (daen, DER STANDARD, 21.9.2012)

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