"Wir brauchen mehr störanfällige Menschen in Unternehmen"

Interview |
  • Harry Gatterer: Jenseits von Facebook und Co entsteht eine radikale Form der Offenheit, des Austauschs und der Kooperation, wie es sie so noch nie gab.
    foto: derstandard.at/türk

    Harry Gatterer: Jenseits von Facebook und Co entsteht eine radikale Form der Offenheit, des Austauschs und der Kooperation, wie es sie so noch nie gab.

Warum wir heute permanent gestört werden, erklärt Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut

Das Zukunftsinstitut Österreich bringt demnächst eine neue Studie zum Thema "The Power of Openness" heraus. Geschäftsführer Harry Gatterer hat vorab exklusiv mit derStandard.at über die Welt der Big Data und die Konsequenzen für die Arbeitswelt gesprochen. Es erklärt, warum wir heute permanent gestört werden und das gut ist und was die neue Offenheit für den einzelnen und ganze Gesellschaftssysteme bedeutet. Bei der Abschlussveranstaltung des diesjährigen STANDARD Mentoring Circle hat er erste Einblicke in die Studie gegeben.

derStandard.at: Noch nie zuvor waren die Menschen so vernetzt und interaktiv wie heute. Ist die Gesellschaft gleichzeitig offener als je zuvor?

Gatterer: Die Welt ist voller Daten und Informationen - im gigantischen Ausmaß. Das ist auch die Grundlage für Austausch und Transparenz: um das Phänomen der Big Data entstehen neue Kanäle der Offenheit, neue Formen der Kommunikation - radikale Offenheit. Und das in allen Bereichen: sei es (wissenschaftliches) Arbeiten, politische Ansätze oder ökonomischen Ideen. Die Massen können sich beteiligen, aus Konsumenten werden auch Produzenten - so genannte Prosumenten. In diesem Sinne ist die Gesellschaft offener denn je.

derStandard.at: Ist das Internet die einzige Instanz, die diese Entwicklung möglich macht oder gibt es mehrere Faktoren?

Gatterer: Natürlich ist es die Informationsmöglichkeit basierend auf dem Internet. Youtube und soziale Medien sind einfache Beispiele für Kommunikation in beide Richtungen. Der andere Faktor: Menschen haben heute mehr Zeit für Interaktion. Die nehmen sie nicht unbedingt aus der Arbeitswelt sondern aus der Freizeit. Das meiste an freier Zeit kommt daher tatsächlich vom Fernsehen, das als primäres Medium immer mehr verliert.

derStandard.at: Gibt es für diese radikale Offenheit konkrete Beispiele in der Arbeitswelt?

Gatterer: Im Beruf etwa, dass man sich aufgrund dieses freien Informationsflusses nicht mehr an bestehende Hierarchien halten muss. In der Wissenschaft merkt man das massiv: immer mehr Forscher betreiben im Sinne von open science in vernetzten offenen Systemen selbstständig Forschung. 

Die extremste Form ist das Biohacking im medizinischen Bereich: Wissenschaftler, die Versuche in der Institution, in der sie arbeiten, nicht machen können, kaufen sich über Ebay altes Equipment und über Amazon Rechenleistung zu und machen im Wohnzimmer ihre Tests. Ein amerikanischer Wissenschaftler, Kay Aull, hat ein Inkubatorgerät gekauft und mit Reiskocher und Wasserkocher, einen Gentest entwickelt, der ihn unter 200 Dollar gekostet hat. Das hat ihn mittlerweile berühmt gemacht.

derStandard.at: Es ist also einfacher aus vorgegebenen Systemen und Mustern auszubrechen? Man nimmt sich, was man braucht?

Gatterer: Menschen werden in einer komplexeren und transparenteren Welt mehr denn je ihrer Intuition folgen, und dabei sichtbarer werden. Gerade für die Karrieren ist das immens wichtig: kann ich das, was ich machen will in meiner Organisation nicht umsetzen, muss ich andere Wege gehen. 

Das sorgt natürlich auch für Probleme. Für die erwähnten Wissenschaftler ist es im Moment nicht gerade einfach ihre Ergebnisse zu publizieren. Denn die meisten Fachmagazine würden diese ablehnen. Aber auch da etablieren sich open access Journale, die dafür eine Plattform bieten. Das ist noch ein kleiner Nischenbereich, der sich aber rasant zu verbreiten beginnt.

derStandard.at: Permanente Informationsmöglichkeit und Interaktion - besteht nicht langsam die Gefahr der Informationsüberflutung?

Gatterer: Derzeit gibt es eine Million Posts auf sozialen Medien pro Tag, man geht davon aus, dass es 2015 eine Billion Geräte geben wird, die im Internet interagieren, und das wird noch steigen. 

Jedes System, sei es Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft funktioniert aufgrund von gewissen Informationsregeln. In dem Moment wo es überflutet wird, wird das System instabil. Aber das hat auch etwas Positives: Instabilität führt zu neuen Lösungen. Die Frage ist nur, was machen wir daraus. Und das ist gerade in der Wirtschaft eine riesen Herausforderung, weil das System davon lebt, dass es klare Sender und Empfänger gibt - hier den Kunden, da den Produzenten - und das wird jetzt empfindlich in Frage gestellt. 

derStandard.at: Wenn Kunden zu Produzenten werden, sich die Rollen immer mehr vermischen, wie wichtig wird der Urheber in Zukunft sein?

Gatterer: Die Copyrightfrage wird eine große, weil in dieser Wahnsinnsüberflutung von Information die Urheber gar nicht so leicht herauslesbar sind. Die Frage ist wie wichtig der Urheber überhaupt noch ist in einer digitalen Verbreitungsmaschinerie. Creative commons hat sich weltweit durchgesetzt - die Idee, dass man geradezu möchte, dass sich ein kreiertes Werk frei verbreitet. Das greifen auch Institutionen auf. 

Die Worldbank zum Beispiel: sie hat das statistische Material, das sie über die Länder dieser Welt sammelt, immer unter Verschluss gehalten. Vor einem Jahr haben sie die Daten komplett geöffnet, weil der CEO davon überzeugt ist, dass das der richtige Weg ist. Auch die NATO öffnet heute ehemals geheime Informationen. Da dreht sich ein grundlegendes Prinzip um. Und das darf man nicht verwechseln mit Offenheit und Naivität. Aber das ist genau diese Gradwanderung, die für Unternehmen und für den Einzelnen anstehen wird.

derStandard.at: Für den Einzelnen bedeutet das permanentes Abwägen: was gebe ich preis und was nicht?

Gatterer: In Bezug auf Karrieren ist das im Moment stressig: wieviel Information gebe ich als Individuum überhaupt weiter, wo bestehe ich darauf, dass ich der Urheber bin und wann geht meine Idee zur Entwicklung ins Kollektiv und wird dort besser. Wahrscheinlich wird es so enden, dass tendenziell Dinge hergegeben werden. Aber mit dem Resultat, dass man dafür direktes Feedback kriegt und davon profitiert. 

derStandard.at: Sie schreiben in der Studie, die Menschen sollen bereit sein sich stören zu lassen. Was meinen Sie damit? 

Gatterer: In dieser Welt werden wir permanent gestört. Das kann man ignorieren, wie das die Politik sehr gerne macht, aber Unternehmen oder Führungskräfte können sich das nicht leisten.
Man wird nicht mehr in einem geruhsamen Büro sitzen und seinen Job machen und als Führungskraft vielleicht noch drei Leute instrumentalisieren. Wenn alles glatt läuft, sollte man irritiert sein.

Der Softwareentwickler Tim O´Reilly hat den Begriff "Permantent Beta" entwickelt - die Idee, dass wir in einem permanenten Entwicklungszustand sind. Und für diese Entwicklung braucht man Störungen. Natürlich braucht aber auch jeder Mensch Erholungsphasen. 

derStandard.at: Welche Art von Störungen ist konkret gemeint?

Gatterer: Führungskräfte müssen sich mit sozialen Medien befassen, das ist neu. Oder sie müssen sich von völlig neuen Trends stören lassen wie crowdsourcing oder open hardware Lösungen. Auch aus der Sicht der Bewerber ist diese Openness eine riesen Chance. Das zeigt sich in dem Mikrotrend "Jobjackpotting", damit werden über Wettbewerbe branchenfremde potenzielle Mitarbeiter angesprochen, die sich auf konventionellem Weg gar nicht auf die offenen Stellen bewerben würden. In Deutschland gibt es auch so genannte pop up Büros: Firmen lassen junge Menschen dort zeitlich begrenzt Neues entwickeln - abseits der konventionellen Standorte.

In Zukunft wird man in Unternehmen mehr Menschen brauchen, die in diesem Sinne störanfällig sind. Also mit neuesten Entwicklungen gut und gerne umgehen. Diese Qualität wird wesentlich wichtiger werden, als sich schnell anzupassen. Mir fällt auf, dass auch junge Menschen ganz früh systemkonform denken, Das ist in Zukunft gefährlich. Für das Individuum, weil es sich in das Glaubensmuster eines alten Systems begibt, ohne es zu hinterfragen. In Unternehmen, die kein Andersdenken zulassen, sind Tür und Tor offen für Zukunftsversagen. Vor allem in Österreich müssen wir dieses Denken schneller etablieren, damit uns nicht Verschlossenheit und Systembeharren die Zukunft verbauen. (Marietta Türk, derStandard.at, 25.9.2012)

Studie

Die Studie des Zukunftsinstituts Österreich  "The Power of Openness - Wie eine neue Offenheit Chancen für Wirtschaft, Politik und Kultur bietet" erscheint am 10. Oktober.

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Abschlussveranstaltung des Mentoring Circle Jahres 2011/2012

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