"ADHS ist die Folge professioneller Vernachlässigung"

Interview14. Dezember 2012, 13:07
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Kinder reagieren meist prompt mit Symptomen auf krankmachenden Druck. Bei ihren Eltern dauert das oft länger, bedauert Familientherapeut Jesper Juul

Die Aufmerksamkeitsstörung ADHS gilt heute als die häufigste Ursache von Verhaltensstörungen und Leistungsproblemen bei Kindern und Jugendlichen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul ist überzeugt, dass die Erkrankung vor allem Folge eines modernen Lebensstils ist, der Kinder krank macht. Er plädiert dafür, Kindern im Alltag unstrukturierte Zeit zu ermöglichen, in der sie Selbständigkeit lernen können. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, warum Kinder erwachsenenfreie Zonen brauchen und wieso Eltern sich keine Erzieher zum Vorbild nehmen sollten.

derStandard.at:  Gibt es das Problem ADHS wirklich in relevantem Ausmaß oder wird da etwas aufgebauscht?

Jesper Juul: Die Diagnose gibt es - und es hat sie vor mehr als 100 Jahren gegeben. Heute wird sie aber gerne verwendet, um von einem Konflikt abzulenken, den es auch gibt: Dass Eltern nämlich nicht wissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen. ADHS ist in vielen Fällen die Folge professioneller Vernachlässigung. Da werden die Kinder unruhig, fühlen sich unwohl, können sich nicht konzentrieren. Und die Kinderpsychiater spielen leider oft mit. Die dänischen Kinderpsychiater haben sogar zugegeben, dass sie 40 bis 45 Prozent der Fälle von kindlichem ADHS falsch diagnostizieren. 

derStandard.at: Welche Rolle spielt der finanzielle, ökonomische und Leistungsdruck, unter dem die Eltern stehen? Begünstigt er ADHS bei Kindern?

Juul: Der Druck spielt eine Rolle. Denn ADHS ist ein Lebensstilsymptom. Vor 30 Jahren hatte unsere Gesellschaft noch Zeit und Raum für Kinder. Wir haben den Kindern in den letzten Jahren rund zwölf Stunden Freizeit pro Woche weggenommen. Mit Freizeit meine ich wirklich freie Zeit, die nicht mit Aktivitäten verplant sind. Kinder werden heute gezwungen, den Lebensstil ihrer Eltern nachzumachen - obwohl die Eltern merken, dass sie selbst unglücklich sind. Nehmen wir zum Beispiel diesen sehr unruhigen Buben, der nicht stillsitzen kann. Man könnte ihm wohl ADHS diagnostizieren. Sein Leben ist überkomplex, da ist die Trennung der Eltern, da ist viel Zeitdruck im Alltag. Seine Eltern haben mir geschrieben. Ich habe ihnen geraten, sich Zeit zu nehmen, nicht mehr vor dem Kind zu streiten, unstrukturierte Zeit mit ihm zu verbringen und gemeinsam auf Urlaub zu fahren. Sie haben das gemacht und mir dann geschrieben: Alle Symptome waren weg.

derStandard.at: Wie schaffen es Eltern, den Druck, den sie selbst spüren, nicht an ihre Kinder durchzureichen?

Juul: Ich werde sehr oft gebeten, etwas zur sogenannten Work-Life-Balance zu sagen. Wenn ich das mache, dauert es zwei Minuten und keiner will es hören. Die Erwachsenen stehen vor einer existentiellen Frage, die im Prinzip ganz einfach ist. Sie lautet: Will ich so ein Leben führen? Will ich gestresst sein, keinen Sex mehr haben und dass das alles nur deshalb funktioniert, weil wir eine gute Struktur haben? Das muss sich ein erwachsener Mensch fragen. Wenn er zum Ergebnis kommt, dass er so leben will, dann hat das eben seinen Preis. Leider auch für die Kinder. Diese Überlegung sollten die Eltern aber für sich selbst anstellen, nicht für ihre Kinder. Wir sehen ja, dass die Menschen, die so leben, sich nach acht, neun Jahren trennen, weil sie das Tempo nicht aushalten.

derStandard.at: Was sagen Sie Eltern, die wahnsinnig gestresst sind, mit ihren Smartphones am Spielplatz sitzen und ihre Kinder im Laufschritt durch die Stadt schleifen?

Juul: Einer der Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Erwachsene teilweise in der Zukunft leben können. Sie können sagen: Ich habe meinen Traumjob bekommen, jetzt arbeite ich zwei Jahre lang wie wahnsinnig, dann können wir uns das Haus, das Auto, was auch immer kaufen. Das können Kinder nicht, die leben im Hier und Jetzt. Sie entwickeln sehr schnell Symptome, die zeigen, dass unser Lebensstil nicht passt. Dann fangen die an, Nein zu sagen und unmöglich zu werden. Kinder machen genau das, was die Erwachsenen eigentlich tun sollten. Denn die Symptome, die Erwachsene durch Druck entwickeln - zum Beispiel Stress, Bluthochdruck, ein schlechtes Paarverhältnis - das kommt meist zeitverzögert.

derStandard.at: Was könnte die Gesellschaft tun, um Kinder vor zu viel Druck zu schützen?

Juul: In Dänemark und Schweden gibt es sogenannte Waldkindergärten. Die waren früher eine Notlösung in den skandinavischen Großstädten, weil es dort keine Gebäude für Kindergärten gab. Man sagte: Wir holen die Kinder in der Stadt ab und fahren sie in den Wald. Dort ist der Kindergarten, da halten sich die Kinder auf. Sie sind dort den ganzen Tag im Freien, ohne Lärm und ohne Staub. Diese Einrichtungen gibt es seit 30 Jahren und sie sind gut erforscht. Man hat also eine Vergleichsmöglichkeit. Und es zeigt sich eindeutig: Den Kindern dort geht es viel besser. Sie entwickeln sich besser, sie sind weniger krank, sie haben seltener ADHS.

derStandard.at: Warum ist das so?

Juul: Weil sie in der Natur sind und dort Raum haben, den sie selbst strukturieren müssen. Sie haben dort auch erwachsenenfreie Zonen. Das brauchen Kinder. Es gibt nicht einmal einen Zaun um das Gelände des Kindergartens. Die Kinder wissen aber genau, wie weit sie gehen können und was sie nicht dürfen. Sie werden dort nicht übermäßig befürsorgt, sondern sind sehr selbstständig. Das macht sie stärker. 

derStandard.at: Sie empfehlen Eltern also, ihren Kindern möglichst viel unstrukturierte Zeit zu ermöglichen.

Juul: Durchaus, das ist sehr sinnvoll. In meinem Buch "Miteinander" geht es vor allem um die Großstadtkinder, die permanent "außer sich" sind, weil sie ständig bespielt und in irgendwelche Aktivitäten gezwungen werden und den Weg zurück zu sich nicht mehr finden. Für diese Kinder ist es unheimlich schwierig, Empathie zu entwickeln, alleine zu spielen oder sich selbst zu beschäftigen, weil sie es gewöhnt sind, dauern abgelenkt zu werden.

derStandard.at: Warum fällt es vielen Eltern so schwer, sich ohne konkretes Ziel mit ihren Kindern zu beschäftigen?

Juul: Viele Eltern haben Erzieher und Pädagoginnen zum Vorbild und fühlen sich verpflichtet, die Kinder ständig anzuregen und dauernd etwas zu unternehmen. Das macht die Kinder krank. Es muss einen für das Kind deutlich spürbaren Unterschied geben zwischen Kindergarten oder Schule und der Familie. Erwachsene sollten natürlich so viel wie möglich für die Kinder da sein, aber sie sollten nicht ständig mit den Kindern spielen. Die Eltern sollen ihr Erwachsenenleben leben. Denn die Kinder können ja nur zuhause lernen, wie man erwachsen ist. Wenn sie aber immer nur Spielonkel und -tanten erleben, dann lernen sie nichts über das Erwachsensein.

Info:

Jesper Juul bestreitet im Herbst 2012 eine Vortragsreihe in Österreich.

 

  • Kinder sollen aktiv, aber bitte nicht hyperaktiv sein. Wünschen sich die Eltern.

    Kinder sollen aktiv, aber bitte nicht hyperaktiv sein. Wünschen sich die Eltern.

  • Familientherapeut Jesper Juul.
    foto: www.family-lab.com

    Familientherapeut Jesper Juul.

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