Mit deutschen Studenten kommt "kritischer Ton"

Interview |
  • "Die waren halt sehr zurückhaltend und manchmal auch ein bisschen lahm", Menschik-Bendele über die Kärntner Studenten.
    foto: gernot gleiss

    "Die waren halt sehr zurückhaltend und manchmal auch ein bisschen lahm", Menschik-Bendele über die Kärntner Studenten.

Professorin Jutta Menschik-Bendele über den Kulturschock, den sie beim Umzug von Berlin nach Klagenfurt erlebte, und wie sie die Uni aufs Dorf brachte

Universitätsprofessorin Jutta Menschik-Bendele wechselte vor fast 30 Jahren von der Freien Universität Berlin an die Uni Klagenfurt. Im Interview mit derStandard.at erzählt die Psychologin, wie sie mit den Menschen vom Land über psychische Krankheiten sprach, während sich über ihr eine Disco-Klugel drehte. Außerdem spricht sie über "lahme" Studenten und den "erfrischenden" Zugang der deutschen Studierenden.

derStandard.at: Sie sind schon 1984 von Berlin nach Klagenfurt gekommen. Wie war für Sie der Wechsel von der Großstadt in die kleine Stadt Klagenfurt?

Menschik: Man kann schon sagen, dass es ein Kulturschock war, von einer großen Universität und aus einer großen, quirligen Stadt in dieses beschauliche Kärnten zu kommen, an eine kleine Universität. Eine Universität, deren Personalstand damals noch so übersichtlich war, dass man wirklich jeden Kollegen und jede Kollegin kannte. Man hatte eine sehr gute Beziehung zu den Studierenden. Das war das Positive. Aber so abgeschnitten zu sein von der kulturellen Fülle der Stadt Berlin, das war schon gewöhnungsbedürftig.

derStandard.at: Ist es Ihnen in Kärnten vorgekommen wie in der Provinz?

Menschik: Schon, aber Provinz kann ja auch sympathisch sein. Doch mit dem Kulturschock meine ich auch, dass die Umgangsformen sehr unterschiedlich waren. In Berlin ist der Ton an der Universität eher direkt. Man sagt sich auch schon einmal etwas Unfreundliches, und ein Nein ist ein Nein. In Österreich und speziell in Kärnten pflegt man eher einen sanften und freundlichen Umgangston. Aber man erfährt dann im Nachhinein, dass die Sachen hintenherum ganz anders weitergegeben oder verstanden worden sind.

derStandard.at: Warum haben Sie sich überhaupt entschieden, nach Klagenfurt zu gehen?

Menschik: In Deutschland ist es so, dass man im Mittelbau - ich war damals Assistenzprofessorin - nicht lebenslang übernommen wird. Die Zeit war abgelaufen. Ich hätte mich auf jeden Fall bewerben müssen und habe das auch getan. In Klagenfurt war eine sehr attraktive Stelle ausgeschrieben, die genau meinem Bereich entsprochen hat, nämlich Psychotherapie und Erziehungsberatung. Ein Kollege aus Berlin, der ein Jahr vor mir nach Klagenfurt gegangen ist, hat mir sehr interessant von der Klagenfurter Uni erzählt und so fand ich das reizvoll.

derStandard.at: In Österreich gibt es viele Vorurteile und Ressentiments gegenüber Deutschen. Haben Sie das auch so erlebt?

Menschik: Subtil schon. In der Universität hat man ja eher einen multikulturellen Zugang zu verschiedenen Nationen. Unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gab es deshalb am wenigsten Vorurteile. Aber beim Personal, da habe ich das schon gemerkt. Ich habe bestimmte Informationen nicht bekommen. Da herrschten große Skepsis und Konkurrenz. In der Bevölkerung war es so, dass in der Nachbarschaft mein Mann, er ist Magister, sofort als Herr Professor angesprochen wurde und ich als Frau Magister. Unser akademisches Gefälle hat man sofort korrigiert.

Ich halte mich für einen freundlichen und aufgeschlossenen Menschen, aber mir wurde oft gesagt, dass die Deutschen so zackig sind und dass sie sich immer durchsetzen wollen und mit ihrer Sprache dominieren. Das erzeugt Misstrauen.

derStandard.at: Wo sehen Sie die Vorteile einer kleinen Universität wie jener in Klagenfurt?

Menschik: Die ganze Bürokratie ist natürlich einfacher. Der größte Vorteil liegt darin, dass man dadurch eine größere Nähe zu den Studierenden hat. Man kennt die Dissertantinnen und Dissertanten mit Namen und kann ihre Fortschritte verfolgen. Man kann auch immer noch Seminare halten, in denen man sehr direkt mit ihnen arbeitet.

derStandard.at: Und die Nachteile?

Menschik: Nachteile ergeben sich natürlich in der Forschung. Ich kann keine große quantitative Forschung machen, ich habe nicht die Möglichkeit, in einer großen Klinik Projekte zu machen. Ich konzentriere mich deshalb auf die qualitative Forschung. Ein Nachteil ist auch die Abgeschiedenheit der Universität Klagenfurt vom restlichen Land. Als ich kam, war die Universität wie ein Fremdkörper. Auf dem Land hat man gewusst, dass die Universität da ist, aber man hat sie nicht besonders geliebt. Die galt dann als "linke Kaderschmiede" oder so ähnlich.

Inzwischen hat sich das verändert. Ich habe mich da auch sehr engagiert. Habe viele Vorträge gehalten, bin aufs Dorf gefahren und habe über Psychologie berichtet, was für die Leute interessant sein könnte. Es gibt, verglichen mit anderen Städten, die eine akademische Tradition haben, kein universitäres Leben in Kärnten. Man kann also nicht irgendwo hingehen und dort wie in Berlin eine Diskussion anzetteln. Das ist hier alles viel formeller und offizieller; es gibt dieses studentische, universitäre Flair nicht.

derStandard.at: Wenn Sie aufs Land gefahren sind, was haben Sie da zum Beispiel gemacht?

Menschik: Ich habe Vorträge gehalten über die Ängste von Kindern, über Depressionen von Kindern, über kindliche Entwicklung, über Krisen in der Paarbeziehung, über Kommunikation. Das ist sehr gut angenommen worden. Die Leute haben sich gefreut, dass jemand kommt und ihnen etwas zu vermitteln versucht, das ihr Thema ist. Ich habe mich auch sprachlich bemüht, das nicht akademisch hochzustilisieren, sondern eine Sprache zu wählen, die hilft, miteinander in Kontakt zu kommen.

derStandard.at: Wie kann man sich das vorstellen? Sie gehen ins Gemeindezentrum und halten einen Vortrag?

Menschik: Ja, zum Beispiel. Ich war auch in Gasthäusern und habe über psychische Krankheiten gesprochen, während sich über mir eine Disco-Kugel gedreht hat. Die Leute saßen am Tisch, und ich hatte Folien vorbereitet. Doch der Projektor war so eingerichtet, dass man die Bilder nur am Fußboden sah. Das waren abenteuerliche Settings, aber ich möchte das nicht missen. Ich fand das sehr schön. Was mich sehr belohnt hat, war die Aufmerksamkeit der Menschen. Die haben zugehört und gefragt und sich ausreden lassen. Das hat man nicht immer im akademischen Betrieb.

derStandard.at: Wo liegt Ihr Arbeitsschwerpunkt - in der Forschung oder in der Lehre?

Menschik: Das möchte ich nicht trennen. Das würde ja bedeuten, dass man das, wozu wir da sind, nämlich junge Leute akademisch gut auszubilden, nicht so schätzt, wie wir es tun sollten. Die Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden, die das Forschen ja immer einschließt, ist manchmal in Gefahr, zu einer Dienstleistungsinstitution zu verarmen. Ich höre manchmal: Die Studenten sind ja Kunden. Das deckt sich nicht mit meiner Auffassung. Studenten sind Menschen, die in einem wissenschaftlichen Lernprozess sind.

Wir haben jetzt übrigens eine Menge deutscher Studierender im Fach Psychologie, und das finde ich richtig erfrischend. Das erinnert mich an meine Berliner Zeiten. Da kommen ein kritischer Ton und so eine Lebendigkeit hinein, die allen Beteiligten sehr gut tun.

derStandard.at: Woran liegt es, dass sich der Unterricht durch die deutschen Studenten verändert?

Menschik: Ich glaube, dass die einen direkteren und unerschrockeneren Zugang haben, etwas zu fordern, das sie lernen wollen. Das empfinden manche Kollegen von mir als unverschämt, ich erlebe das eher als frisch und engagiert. Kärnten ist ja eine besondere Universität. Zuerst war es eine Universität für Bildungswissenschaften, an der sehr viele Menschen, die schon im Beruf standen, sich entschieden haben, noch ein Studium zu machen.

Wir hatten sehr viel Seniorenstudierende und brave Studierende. Die Kärntner Studierenden waren die, die nicht nach Wien oder Graz gegangen, sondern hier geblieben sind. Die waren halt sehr zurückhaltend und manchmal auch ein bisschen lahm. Doch diese Mischung jetzt, in der sie sich gegenseitig ein Stück anstecken und in Kontakt kommen, die finde ich sehr heilsam.

derStandard.at: Psychologie ist ein Massenfach. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Menschik: Weil es ein faszinierendes Fach ist. Wir fragen uns ja, was den Menschen bewegt, warum er fühlt, warum er Ängste hat, warum er verzweifelt. Die Psychologie versucht, Antworten zu geben und die Psyche zu verstehen. Das ist spannend, weil es um den Menschen in all seinen Facetten geht.

Diejenigen, die Psychologie studieren wollen, haben die Idee, mehr über den Menschen zu erfahren und auch sich selbst zu verstehen. Oft erleben sie dann eine Enttäuschung, wenn die Psychologie so gestaltet wird, dass sie sich erst einmal mit Zahlen und Statistik und Methoden auseinandersetzen müssen. Sie verstehen dann gar nicht, was das denn mit Psychologie zu tun hat. Ich verstehe das manchmal auch nicht.

derStandard.at: Wie könnte man das ändern?

Menschik: Ich finde, dass in den ersten Semestern der Mensch als lebendiges Wesen im Zentrum stehen sollte. Und dann, wenn die Neugierde geweckt ist, sollte man dazu kommen, wie man ihn - im guten Sinne - zerlegen kann, damit man die Vorgänge besser versteht. Man sollte am Anfang die Leidenschaft der Studierenden wecken und sie dann in die Mühen der methodischen Arbeit führen.

derStandard.at: Ihr Institut hat im April dieses Jahres die Politik dazu aufgefordert, die Studierendenzahlen für Psychologie zu reduzieren. Schließen Sie sich dieser Forderung an?

Menschik: Ich finde schon, dass die Zahl der Lehrenden und Studierenden in einem angemessenen Verhältnis stehen muss. Es ist einfach nicht schön - weder für die Studierenden noch für die Lehrenden -, wenn man Leute abweisen muss. Wenn man sagen muss: Sie können nicht in mein Seminar, weil es überfüllt ist.

derStandard.at: Das heißt, Sie befürworten die Aufnahmeprüfung an der Psychologie?

Menschik: Ich befürworte, dass die Studierenden angemessen betreut werden können. Bei den Aufnahmeprüfungen ist die Frage, ob man dadurch wirklich die Besten kriegt. Da habe ich meine großen Probleme. Wenn die Studierenden alles gut verstanden haben, was sie da beantworten sollen, müssten sie gar nicht mehr studieren. Es wird ihnen sehr viel Grundlagenwissen abverlangt, das sie auswendig lernen. Ob man dadurch die Besten herausfischt, ist wirklich die Frage.

derStandard.at: Soll man dann überhaupt eine Aufnahmeprüfung machen?

Menschik: Ich spreche jetzt nur für mein Fach. Es ist wichtig, sich anzuschauen, was man da für ein Gegenüber hat. Ist das ein Mensch, der Fantasie hat, der sich gut ausdrücken kann, der auch in Bildern denken kann, der Einfühlungsvermögen hat, der einen angenehmen Kommunikationsstil hat? Das finde ich auch wichtig, um die Besten zu bekommen. Diejenigen, die bei diesen Multiple-Choice-Tests die Besten sind, werden nicht unbedingt die besten Psychologen.

derStandard.at: In Österreich diskutiert man schon lange über den freien Hochschulzugang. Wo stehen Sie da?

Menschik: Ich komme aus einer Kultur, wo der Numerus clausus üblich ist. Man weiß, dass man sich anstrengen muss, um einen Studienplatz zu bekommen, und wenn man sich dahintergeklemmt hat, schafft man es auch.

Insofern war das für mich verblüffend und neu, dass jeder alles studieren kann. Das ist ein schöner Gedanke, wenn man genügend Ressourcen hat. Aber meine Erfahrung ist: Wir haben nicht genug Ressourcen. Insofern bin ich schon dafür, moderat zu lenken. (Lisa Aigner, derStandard.at, 24.9.2012)

Jutta Menschik-Bendele ist Professorin am Pychologischen Institut der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, wo sie die Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse leitet. Von 1971 bis 1984 war sie Universitätsassistentin und Assistenzprofessorin am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, 1984 wurde sie auf den Lehrstuhl für Psychotherapie und Erziehungsberatung in Klagenfurt berufen.

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