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Brandon Flowers (Zweiter von links) und The Killers aus Las Vegas lassen auf ihrem neuen Album den Pappmond über den amerikanischen Highways aufgehen.
Wenn man gewisse Schamgrenzen zu überwinden bereit ist, kann es mitunter richtig gut werden. Keine halben Sachen. Wenn schon schmalzig, dann richtig triefend. Wenn schon Pathos, dann so, dass man sich zum haltlosen Kitsch bekennende Vollgaskünstler wie Bruce Springsteen und Bono oder Chris Martin von Coldplay locker rechts auf dem Pannenstreifen im dritten Gang überholt.
Brandon Flowers und The Killers kommen aus Las Vegas und haben das Zuviel des Guten mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Kunst ist die Kunst der Übertreibung, des nicht Maßhaltenkönnens. In der kargen Wüstenlandschaft Nevadas leuchten nachts nicht nur die Sterne heller als anderswo. Hier brüllen auch die Neonlichter bis weit hinaus ins Weltall. Am Tag mag alles arm und billig, abgerockt und verlogen aussehen. Die Nacht aber gehört dem Showbusiness und seinen Taschenspieltricks. Mache es groß!
Seit gut zehn Jahren sind The Killers nun aktiv. Gegründet auf eine Annonce des Gitarristen Dave Brent Keuning hin ließ man sich zwar eigenen Angaben zufolge mehr oder weniger hörbar vom Britpop der 1990er-Jahre und Bands wie Oasis beeinflussen. Eine Tatsache, die der Band seitdem ungebrochenen Zuspruch in Großbritannien beschert. Allerdings wurde auf Alben wie dem Debüt Hot Fuss oder später Sam's Town das hemdsärmelige Rowdytum und die Beatles-Verehrung von Oasis immer schon von Bono und U2 und einem Drang zum weitausholenden, einfache Harmonik mit überzogenen Gesten aufblähenden Stadionrock überlagert.
Dies macht die Killers unter Beifügung von anspruchsvollerem Material im Stile Queens, New Orders oder Muse' oder zünftigeren US-Ergänzungen wie Tom Petty & The Heartbreakers, Bruce Springsteen oder den ewigen amerikanischen Autofahrer-unterwegs-Königen Cars und überhaupt glattem West-Coast-Rock aus den 1980er-Jahren von Fönfrisur-Trägern wie Rick Springfield oder Don Hensley zu einer über die Jahre beständigen Größe in den internationalen Formatradios.
Nach dem mediokren dritten Album Day & Age legte die Band mit diversen nicht weiter wichtigen Soloprojekten eine Pause ein. Jetzt holt Brandon Flowers mit dem vorab veröffentlichten Jahrhundertsong Runaways und der neuen Songsammlung Battle Born zum bis dato größten Angriff auf den grundsätzlich zwischen Erwartbarkeit und Eingängigkeit und Wiedererkennbarkeit und Bekömmlichkeit angesiedelten Geschmack eines möglichen Weltmarkts aus.
Der bekennende Mormone besingt mit schneidender Stimme nicht nur den Niedergang der amerikanischen Kleinfamilie in der amerikanischen Nacht. Diese ist streng nach Baukastenprinzip mit sämtlichen Klischees zwischen Flucht ins Ungewisse, endlosen Autofahrten, den Verheißungen der Liebe und auch sonst allem derart vollgestellt, dass zwischen dystopischen Hinterhofidyllen, Vorstadttristesse, beständiger Erhöhung der Benzinpreise und dem ewigen Scheitern und überhaupt dem Verlust der Träume gerade noch für zwölf Lieder Platz ist, die speziell Bruce Springsteen unter besonderer Berücksichtigung der größten US-Hits der 1980er-Jahre im Original wie eine farblose Kopie wirken lassen.
Speziell Runaways erweist sich in dieser Maßlosigkeit, in all diesem Bombast zwischen Keyboardgrößenwahn und breitbeinigen Gitarrenakkorden, wuchtigen Drums und dezent Richtung Disco schielender Bass-Mucke als definitiver Bubble Tea unter den heurigen Hitparadensongs. Mehr zuckerlastige Inhaltsstoffe mit Bitteranteilen und dem Mut der Verzweiflung, dieses Zeug auch hinunterzuwürgen, lassen sich nicht in vier Minuten packen.
Mit einer Handvoll einschlägig vorbelasteter Produzenten, darunter Hallraumexperte Daniel Lanois, Madonna-Hilfskraft Stuart Price, der ehrliche Rocker Brendan O'Brien oder Britpop-Breitwandexperte Steve Lillywhite, ist so eine Arbeit entstanden, die den Hörer ebenso mit akustischem Klebstoff zubetoniert wie mit hohlem Pathos und Klischees niedermäht. Am Stück genossen, ist danach erst einmal Stille angesagt. Mehr geht nicht. Mehr kann man nicht ertragen.
Indem The Killers mit ihrem Versuch, das Wahrhaftige durch die Pose und das Pathos aus ihrem Versteck zu locken, jedwede Coolness beherzt fahren lassen, gelingt so das Unerwartete. Wir hören das Mainstream-Album des Jahres. Und das, ohne uns zu schämen. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 21.9.2012)
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Bin extrem enttäuscht von dem Album. Day & Age und das Solo-Album von Brandon Flowers haben mir große Freude bereitet, die hör ich mir auch noch immer an. Aber auf dem neuen Album geht kein einziger Song ins Ohr. Nach einem Durchlauf hab ich überhaupt keinen Bock mehr drauf... das ist so ein belangloses Gedudel ohne einen einzig interessanten Akkord. Aber genau davon lebte Musik der Killers bisher, weil die Stimme vom Flowers allein ist jetzt auch nicht zum Niederknien.
Wie schonmal an anderer Stelle erwähnt:
Es wird ernst, wenn du eine Rockband bist (oder gerne wärst), Amy MacDonald dich live covert und ihre Coverversion hat mehr Eier als dein Original. Ich meine, Amy MacDonald! Du hältst dich für eine Rockband und dann kommt Amy MacDonald und hat mehr zwischen den Beinen als du!
http://www.youtube.com/watch?v=7KBn6WdouZY
... aber bei herrn schachingers kritik frage ich mich, wie schwierig es sein muss, halbwegs klar und verständlich etwas über das album zu schreiben, das man eigentlich zu "kritisieren" vorgibt, und das, ohne dauernde vergleiche mit anderen bands/sängern dazu zu nutzen, auf eben diese anderen permanent einzudreschen. und noch dazu sind's immer die selben. das ist noch fader, als ein killers-album jemals sein kann.
ich gehör ja zu denen, welche den schachinger normalerweise OK finden und geschmäcker sind nunmal bekanntlich verschieden.
ABER: einen 08/15 pompöspopsong wie "runaway" als "jahrhundertsong" zu bezeichnen, halte ich für doch ein bissi zu jenseitig.
bei der "hot fuss" bin ich übrigens vor jahren wieder einmal den diversen musikblättern auf den leim gegangen, welche fast durchgehend die platte als eine DER besten des jahres bezeichnet haben. der einzige grund, warum ich die CD dann doch ein paar mal angehört hab war, weil ich es nicht fassen konnte, dass eine so öde kommerzplatte (ich hab normalerweise genau null gegen kommerz) auf fast allen bestenlisten war.
hab sie dann hurtigst um ein paar euro verklopft.
eine furchtbar langweilige band.
sie machen alles falsch, weil sie alles richtig machen, sie packen alles rein, Pathos, Bombast, Zitate, und dann steht da ein Hänfling auf der Bühne, der linkisch große Gesten nachmachen will, und in dem Moment merkt, wie schlecht kopiert das alles ist, deswegen schaut er einen auch nie an. Mal abgesehen vom Drummer, der grimassiert, als leide er unter Hartleibigkeit. Die Verfallsdatum solcher Musik ist leider sehr schnell überschritten. Früher hiessen die Bands Foreigner, Boston und Meat Loaf, deren Schmalz hat länger als eine Saison gehalten, Killers gibts solange bis nicht nächsten Killers kommen, oder eben Muse
Einspruch: Man mag von Meat Loaf halten was man will, aber "Bat out of Hell" (die erste) war und ist eine Wahnsinnsscheibe. Danach kam zwar viel Mittelmass aber auch hervorragender Bombastrock (z.B. Objects in the rear view Mirror).
Foreigner finde ich z.T. auch nette Hintergrundmusik, nicht weltbewegend, aber gibt sicher schlimmeres.
Boston - war auch nie meins (obwohl "Amanda" immer noch schön schmalzig is).
Die neue Killers ist tatsächlich fad, hab sie grade durchgehört, aber "on Top" von Hot Fuss ist seit Jahren ein echter Favorit von mir
Stimmt, Meat Loaf lebte und lebt ja auch eher von einer charismatischen Person, eine, nunja, präsente Gestalt, die die Killers eben nicht haben. Bei Foreigner und Boston meinte ich auch nicht das gesamte Oeuvre (das ich nicht kenne, und vermutlich schauerlich ist), sondern nur More than a feeling (Boston) und Cold as ice (Foreigner), quasi das schneidige Fundament, auf dem die Momornentruppe aufbaut, sie aber nicht beerben, dafür ist das ganze Konzept zu transparent, The Darkness machen das mE viel besser, weil mit ernsthafter Ironie
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