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vergrößern 645x430Beim Blick von La Restina übers Meer, ist vom Vulkankegel "La Hija", dem aktuellstes Zeugnis vulkanischer Aktivitäten südlich der Kanareninsel "El Hierro", nichts zu sehen.
Info: El Hierro Travel

El Hierros "Tochter" blieb unter dem Meeresspiegel. Aber das Interesse an ihrem vulkanischen Stammbaum ist durch den Ausbruch gestiegen.
Am 12. Oktober 2011 war es mit der Ruhe im Mar de la Calma vorbei. Wochenlang stieg Rauch in den Himmel, Steine flogen durch die Luft, das "Meer der Stille" brodelte. Südlich der Kanareninsel El Hierro entstand ein Unterwasservulkan. Bilder des gewaltigen Ereignisses gingen um die Welt: Sie zeigten gelbgrüne Schwefelteppiche und auf dem Wasser treibende, rauchende Lavabrocken.
Zwar hat es der neue Vulkan namens 1803-02, den die Insulaner nur La Hija, die Tochter, nennen, nicht geschafft, aus dem Wasser zu wachsen. Der Kegel hat sich vom 300 Meter tiefen Grund bis rund 85 Meter unter der Wasseroberfläche aufgebaut. Man sieht also nichts, wenn man in dem Küstenort La Restinga den Blick übers Meer schweifen lässt. Doch die Insel an sich ist schon ein vulkanologischer Erlebnispark.
Die Jüngste der Kanaren ist eine Million Jahre alt und damit 20 Millionen Jahre jünger als die älteste Insel Fuerteventura. Mehr als 500 Kegel ragen aus dem gebirgigen Eiland, in seinem Inneren sind viele von Lavaflüssen geformte Tunnel und Höhlen. El Hierro ist geologisch so jung, dass einige der Lavafelder noch nicht bewachsen sind, während andernorts üppige Nebelwälder aus Farn, Lorbeerbäume, Baumheiden und Kanarenkiefern wachsen, die sich hier zu wahren Riesen entwickeln.
Zaungäste eines Ausbruchs
Der Italiener Paolo Cossovel, der seit ein paar Jahren mit seiner Frau Touren auf der Insel anbietet, hat seit dem Großereignis vom vergangenen Jahr auch Vulkan-Sightseeing im Programm. "Als das Meer brodelte, kamen nicht nur Vulkanologen, sondern auch Neugierige", erzählt er. Der Ausbruch und die unzähligen Erschütterungen davor haben sein Bewusstsein geschärft. "Einmal hat die Erde 40 Sekunden lang gebebt", erzählt er, "dabei wurden wir wachgerüttelt." In den Monaten vor dem ersten Ausbruch hatte sich das Magma unter dem Meeresgrund einen Weg nach oben gesucht und war dabei quer unter der Insel hindurchgezogen, bis es zwei Kilometer vor der Südküste nach oben kam.
Bis dahin lebten viele der knapp 11.000 Bewohner der beschaulichen Insel vom Tauchtourismus, der just dort am besten funktionierte, wo jetzt La Hija thront: im Meeresreservat vor der windgeschützten Südküste. Während sich dort die Unterwasserwelt erholt, führen Paolo und andere Guides die Besucher übers Land.
Paolo zeigt seinen Gästen die Krater, erklärt ihnen den Unterschied zwischen "Aua- und Barfußlava", Begriffe, die die Ureinwohner Hawaiis geprägt haben. Zwischen schwarzem, spitzem Gestein, über das man besser nicht barfuß geht, und glatten, wulstigen Massen wachsen hier und dort erste, leuchtend gelbe Flechten.
Bei der Erkundung begegnet man kaum jemandem. Anders als auf der Nachbarinsel Teneriffa, wo Vulkantouristen auf den 3700 Meter hohen Teide gelockt werden, ist es auf El Hierro ruhig. Das soll es auch bleiben, denn die 280 Quadratkilometer kleine Insel ist Biosphärenreservat.
Verhältnis zum Vulkan
Seit dem großen Beben haben die Insulaner ein neues Lebensgefühl. "Jetzt wissen wir wieder, wo wir leben", sagt Carlos Valenzuela, einer der arbeitslosen Tauchlehrer von La Restinga. Anfangs waren die Herreños sauer auf den Vulkan, denn er schien ihnen das Geschäft zu verderben. Kein einziger Taucher kam, die Zone war komplett gesperrt, auch für Fischer. Doch dann spuckte der Vulkan dunkle Lavasteine aus, die nicht untergingen.
Die Bewohner von La Restinga standen wie jeden Tag während des großen Bebens an der Hafenmauer und blickten aufs Meer hin aus. Als sie die schwimmenden Steine bemerkten, sprangen sie ins Wasser und sammelten sie ein. "Wir haben sie mit bloßen Händen ans Ufer gebracht", erzählt Carlos. Dort bemerkten sie, dass die po rösen Steine innen schneeweiß sind. Sie nannten sie Restingolitas, eine Mischung aus Restinga und Regalito, was auf Spanisch kleines Geschenk bedeutet. "Niemand kennt den Grund für diese Färbung", meint Carlos, "und ich glaube nicht, dass sie ihr Geheimnis preisgeben werden."
Die geheimnisvollen Steine, die man in vielen Größen oder auch zu Lederschmuck verarbeitet kaufen kann, sind allerdings nicht nur Besuchern ein Souvenir. Die Einheimischen erinnern sie an die Zeit, in der sie Zeugen eines einmaligen Ereignisses wurden: Sie erlebten die Geburt eines Vulkans. (Brigitte Kramer, Album, DER STANDARD, 22.9.2012)
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