Bollywood in Badeschlapfen

Diu ist Kulisse für indische Filmschinken und war Schauplatz von Ghandis Salzmarsch. Der Spirit der Insel pendelt zwischen katholischen Kirchen und Whisky-Bars

Geröstete Erdnüsse und Banana-Boat-Rides für umgerechnet einen Euro. Ferner eine Strandbar mit dem whiskybraunen Mr. Johnny, einem recht kratzigen Johnny-Walker-Plagiat. All das bietet Dius bekanntester Strand. Und Familien in knielangen Kurta-Hemden, die fürs Urlaubsfoto Freudensprünge beliebter Filmszenen nachstellen. Auch sie gehören dazu am Nagoa Beach, die auf Bollywood-Sandkiste macht. Ebenso wie ein in Indien bis vor kurzem kaum verbreitetes Hobby, das jetzt mit umso tieferer Hingabe gepflegt wird: die rituelle Zeremonie der zärtlichen Autowäsche nämlich.

Parkplätze für die neuen heiligen Kühe gibt es am beliebtesten Strand der kleinen Insel genügend. Die besten davon finden sich unter den verzweigten Astpalmen der Hyphaene Indica, deren Samen aus Afrika und Arabien stammen, die aber dennoch als lokales Wahrzeichen gelten. An Staub, der sich über die geliebten Maruti Suzukis und Tata Nanos senkt, fehlt es hier jedenfalls nicht. Weder während der Anreise, die durch den trockenen Bundesstaat Gujarat führt, noch auf Diu selbst. Um ein üppiges Tropenparadies handelt es sich bei dieser Insel nämlich keineswegs.

Badetuch mit Meerestieren

Flach, lang und schmal erstreckt sie sich wie ein sandiges Badetuch mit den überschaubaren Maßen von drei mal dreizehn Kilometern vor der westindischen Küste. Und bereits ein flüchtiger Blick hinter die exzentrisch zerfledderten Palmen des Nagoa Beach auf eine plötzlich felsige Küste verrät: Das ist das Land der Krebs- und Schneckensucher.

Während der Ebbe, wenn die schroffen kalkigen Böden quietschgrüne Algenperücken tragen, verwandeln sich die kleinen Pools und Treppchen in Vorratskammern der hier lebenden Fischerfamilien. Und rollt man einige Motorrollertakte weiter, dann kann man in den rustikalen Werften des Fischerorts Vanakbara noch mehr von der traditionellen Fischerei der Region sehen. In Handarbeit und mit einfachen Mitteln werden dort jene Dhaus gezimmert, die in Dubai und Co meist nur zum Barbecue-Cruise angeschippert kommen. In Vanakbara hingegen stellen diese Segelschiffe noch eine ganze Armada, und im buntem Wimpel-Wald riecht es auch so, wie sich das seit Jahrhunderten gehört: zuerst nach Sägespänen, dann nach Schweiß, Öl und frischem Fisch.

Historisch gesalzen

Nur dafür kommen westliche Traveller freilich nicht nach Diu, das sich gemeinsam mit dem weiter östlich gelegenen Daman den administrativen Status eines Unionsterritoriums teilt. Ebenso wenig wegen der weiß gleißenden Salzfelder ganz im Norden der Insel, wo Warzenibisse durch das Brackwasser eines angrenzenden Vogelschutzgebiets staksen. Obwohl: Salz zählt durchaus zu den interessanten Facetten der Region.

Darauf verweist das milde Opalächeln einer Statue, die an dem vom Strandrummel verschont gebliebenen Chakratirth Beach im Südwesten der Insel in der Sonne steht. Dieses Lächeln soll an einen berühmten Nachbarn erinnern: Mahatma Gandhi, der im nahen Porbandar geboren wurde, und den es, wie so viele Gujarati der traditionellen Auswandererregion, ins Ausland verschlug. Ganz in der Nähe hatte 1930 der große Salzmarsch geendet, mit dem Gandhi gegen das britische Salzmonopol mobilisierte. In einer perfekt inszenierten Dramaturgie hielt er hier einen leuchtenden Salzkristall gegen die aufgehende Sonne des Arabischen Meeres - und wurde prompt verhaftet.

Dass viele Einheimische noch immer die weißen Leinenschiffchen der Nehru-Zeit auf den Köpfen tragen, passt bestens zur historischen Dichte dieser weltoffenen Küstenregion. Doch Diu fiel dabei eine besondere Rolle zu - schon vor 1531, als der alte osmanische Handelsposten und Flottenstützpunkt von der portugiesischen Seemacht erobert wurde. Ein mächtiges Fort, dessen doppelte Festungsgräben einst als uneinnehmbar galten, erinnert heute daran. Samt steinernen Kanonenkugeln, die wie verstreute Murmeln zwischen stacheligen Büschen liegen oder neben glänzenden Kanonen mit portugiesischem Emblem.

1961 spielten die Inder hier ein bisschen Krieg, forderten die ausdauerndsten Kolonialisten zum Gehen auf und bombardierten das alte, portugiesische Gespenst im Rahmen der "Operation Vijay". Oder genauer gesagt: Sie griffen nur die Flugpiste bei Nagoa an, auf der jetzt die Mumbai-Flieger der indischen Jet Airways landen - der einzigen Airline, die die Exkolonie ansteuert und dabei perfekte Blicke auf ein lokales Sing-Sing erlaubt: das am engen Meereskanal zwischen Diu und Festland errichtete Fortim-do-Mar. Es diente den Portugiesen als ein von Wasser umgebenes Gefängnis. Dass es die indischen Touristen fanatisch handygrafieren, hat aber einen anderen Grund: Diesen Drehort für den Bollywood-Kassenschlager Qayamat kennt auf dem Subkontinent jedes Kind.

Portugiesische Nachspielzeit

Rollt man durch das orange-rote Zampa-Tor, das Gateway zur verwinkelten Altstadt von Diu-Town, dessen Reliefengel auch den ganz verkommenen Verkehrssündern vergeben, bekommt man das Gefühl: Die Geschichte mit Portugal hat ein Nachspiel. Denn Indizien dafür, dass es sich nicht bloß um eine weitere mittelalterliche, indische Stadt handelt, finden sich hier noch immer genug. Da wäre etwa der gepflegte Eissalon des alten Shri Vijay. Fast möchte man dort nach Pasteis de Nata und Meia de leite, dem portugiesischen Puddinggebäck mit Milchkaffee, fragen - auch wenn der alte Herr lieber Eis aus Feigen und Mandeln serviert. Ferner wären da die gepflegten katholischen Kirchen, die weiß wie Zahnpastalächeln in der Sonne hocken (etwa die St. Thomas' Church) und weiterhin als kommunales Zentrum des umliegenden "Ausländerviertels" dienen. Die 1600 von den Jesuiten gegründete St. Paul's Church unterhält heute jedenfalls nicht irgendeine Schule, sondern immerhin die beste der kleinen Stadt.

Hochgeistiges Erbe am Hafen

Aber nicht nur die Jesuiten wachen über das geistige Erbe der ehemaligen Kolonie. Denn da gibt es ja noch das gute Dutzend jener skurril-schäbiger Bars, die über das hochgeistige Erbe des Westens wachen: Die Moçambique Bar und die Casa Luxo Bar auf dem Marktplatz oder das Night Heron an der Hafeneinfahrt - um nur einige Urgesteine der Weinstein-Szene zu nennen - verleihen dem Reiseziel Diu ihren besonderen Drall.

Über viele Jahrzehnte galten die bizarren Trinkhöhlen als besondere Attraktion der Insel. Zumal es der "trockene" Bundesstaat Gujarat als historische Heimat der als maßvoll bis asketisch bekannten Jain-Religion mit dem Alkohol nicht so hat. Die Brücke nach Diu markierte demnach immer auch die Hintertür ins Whisky-Nirwana, die allerdings durch ziemliche Fuselvorhöllen führt. Den Weg zurück finden Dius eigenwillig kreiselnde Rikscha-Wallahs aber notfalls blind. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 21.9.2012)

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