Wiener Kindergärten sind stark monolingual orientiert

20. September 2012, 09:00
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Kindgerechte Anregungen zum Deutschlernen gibt es kaum

Wie lernen Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache Deutsch im Kindergarten und wie wird Mehrsprachigkeit in den Wiener Kindergärten aktiv anerkannt und unterstützt? Diesen Fragen gingen Experten im Rahmen der 2. Jahrestagung der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung in der Österreichischen Akademie für Wissenschaften nach. Herausgekommen ist dabei, dass Kinder mit großem Interesse Deutsch lernen wollen, aber im Kindergarten nicht dazu animiert werden und die Vermittlung der Wertschätzung der Erstsprache der Kinder nicht genug gefördert wird.

Interessant sind vor allem die Ergebnisse des zweijährigen Forschungsprojekts "Spracherwerb und der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit im Kindergarten", das von einem interdisziplinärem Team aus Bildungs- und SprachwissenschaftlerInnen sowie PsychologInnen in Kooperation mit dem Verein Zeit!Raum im Auftrag der MA 10 und MA 17 durchgeführt wurde. Ziel des Forschungsprojekts war es die sprachliche Situation in Wiener Kindergärten zu untersuchen und herauszufinden welche Faktoren den Spracherwerb von Erst- und Zweitsprache beeinflussen.

In der Praxis nicht mehrsprachig

Dazu wurde in drei Kindergärten, die insgesamt von rund 280 Kindern mit mehrheitlich anderer Erstsprache als Deutsch besucht werden, intensiv geforscht. Es kamen sowohl quantitative als auch qualitative Erhebungsmethoden zum Einsatz, unter anderem wurden mehr als 150 Fragebögen in acht Sprachen an Eltern geschickt, auch die Kindergarten-PädagogInnen, die in den untersuchten Kindergärten mehrheitlich Deutsch als Erstsprache haben, wurden befragt und zuguterletzt das Sprachverhalten der Kinder im Alltag mittels Beobachtung und Videoaufnahmen analysiert.

Für Ines Garnitschnig, Projektmitarbeiterin und Psychologin, ist die Ambivalenz der Einstellungen zur Mehrsprachigkeit und dem Handeln im Umgang mit der Erstsprache bei den KindergärtnerInnen augenscheinlich. So gab es bei den befragten KindergartenpädagogInnen zwar große Zustimmung was die Wertschätzung und Vermittlung der Erstsprache angeht, in der Praxis zeigen sich aber Unsicherheiten im Umgang mit der Erstsprache. Für ein Drittel der befragten MitarbeiterInnen ist es unangenehm wenn die Kinder in ihrer Erstsprache sprechen.

Geringes Prestige der Erstsprache

Auch eine weitgehend monolinguale Orientierung in den Wiener Kindergärten haben die WissenschaftlerInnen festgestellt, laut Garnitschnig sind ein Drittel der befragten KindergartenpädagogInnen sehr rigide auf die deutsche Sprache ausgerichtet. Rund 30 Prozent der KindergärtnerInnen gab an auf die Wünsche der Kinder nur dann einzugehen, wenn diese auf Deutsch formuliert werden.

Nicht nur bei den Kindergarten-PädagogInnen, auch bei den Eltern selbst ist diese Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach mehr Wertschätzung der Erstsprache und dem Wunsch, dass die Kinder nur Deutsch sprechen, vorhanden. 75 Prozent der Eltern wünschen sich einerseits, dass der Erstsprache auch im Kindergarten mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, aber auch zu 90 Prozent, dass im Kindergarten nur Deutsch gesprochen werden soll. Selbst bei den Kindern zeichnet sich das geringe Prestige der Erstsprache ab. Danach gefragt welche Sprachen sie sprechen können, nannten die Kinder Deutsch und Englisch, die eigene Muttersprache wie Serbisch oder Türkisch wurde von den Kindern nicht genannt.

Nicht genug Anregung für Kinder

Ein wissenschaftliches Team rund um Wilfried Datler, Regina Studener-Kuras und Valentina Bruns vom Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Wien hat sich im Rahmen des zweijährigen Forschungsprojekts den emotionalen Faktor beim Spracherwerb anhand von vier Einzelfallstudien genauer angeschaut. Dabei wurden vier Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren, die mit geringen Sprachkenntnissen in den Kindergarten gekommen sind und Türkisch als Erstsprache haben, beobachtet.

Die Ergebnisse der Einzelfallstudie sind eher ernüchternd. Datler gibt an, dass trotz bemühtem Interesse und Vergnügen der Kinder die Zweitsprache spielerisch zu lernen, die Kinder "außerhalb der Sprachfördereinheiten kaum angeregt werden Deutsch zu sprechen". Gespräche und Dialoge mit zunehmender Satzkomplexität, damit die Kinder Fortschritte beim Sprechen der ihnen fremden Sprache machen, kamen laut Datler in der Beobachtung kaum vor. Beobachtet wurde auch, dass sich die Kinder primär in der Erstsprache unterhielten - meist halfen die, die bereits gut Deutsch konnten den Kindern, die Deutsch lernen wollten - ohne Eingreifen und Sanktionieren der KindergartenpädagogInnen.

Spracherlebnisse statt Ermahnungen

Dabei versteht der Datler unter Sanktionieren keine Ermahnungen. Das Sprechverhalten des beobachten Kindergartenpersonals sei sowieso schon viel zu wenig auf Dialoge ausgerichtet. Viel öfter wurde beobachtet, dass in Form von Befehlen, Ermahnungen oder Aufforderungen mit den Kindern gesprochen wurde. "Solch ein Sprechverhalten hat einen sehr geringen Effekt auf den Spracherwerb", weiß der Experte.

Der Bildungswissenschaftler will nicht moralisierend den Zeigefinger gegen die KindergartenpädagogInnen erheben. Schließlich haben diese laut Datler selbst mit schwierigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen. "Sie müssen sich um eine Gruppe von 20 bis 30 Kindern kümmern, haben oft nicht gut ausgebildete Helferinnen zur Seite und tragen die Verantwortung alleine", so Datler. Er plädiert für eine größere Reflexion des Sprechverhaltens der Pädagoginnen im Kindergartenalltag.

Das auffordernde und ermahnende Kommunikationsverhalten ist übrigens kein Zufallsbefund, sondern charakteristisch für die Institution Kindergarten. Laut Datler kommen Studien in Deutschland auch auf dasselbe Ergebnis, nämlich dass es im Kindergarten zu wenig Aug-zu-Aug Kommunikation mit den Kindern gibt. Im Rahmen des zweijährigen Forschungsprojekts an den Wiener Kindergärten wurde auch eine kleine Pilotstudie in einem italienischem Kindergarten durchgeführt. Auch hier zeigte sich ein ähnliches Sprechverhalten der PädagogInnen. Für Datler ein weiteres Indiz dafür, dass der emotionale und spielerische Erlebnisfaktor im vorschulischen Spracherwerb und Kommunikationsverhalten immer noch vernachlässigt wird.

Mehr mehrsprachiges Personal benötigt

Sprachwissenschaftlerin Ewelina Sobczak kommt auf der Tagung zur Migrations- und Integrationsforschung zu demselben Schluss. Sie macht auf die fehlende Anerkennung der frühkindlichen pädagogischen Arbeit in Österreich als wichtige Grundstufe der Bildung aufmerksam. Laut Sobczak habe die Arbeit der KindergartenpädagogInnen in Österreich immer noch viel zu wenig Prestige und das Personal in den Kindergärten mit immer höheren Ansprüchen zu kämpfen. Aus den Befragungen mit den KindergärtnerInnen kommt letztlich auch der Wunsch nach mehr Personal zum Vorschein: 90 Prozent der MitarbeiterInnen in den untersuchten Kindergärten wünschen sich mehr mehrsprachiges Personal zur Seite. (Güler Alkan, daStandard.at, 20.9.2012)

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    Der emotionale und spielerische Erlebnisfaktor im vorschulischen Spracherwerb wird leider immer noch vernachlässigt.

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