Schau genau: Das Sehen als Maß aller Dinge

Tereza Kotyk
19. September 2012, 17:53
  • André Butzers scheinbar perfekte Rechtecke.
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    foto: georg hofer / galerie bernd kugler

    André Butzers scheinbar perfekte Rechtecke.

André Butzer zeigt, wie sich handschriftliche Virtuosität in einem Bild auflösen kann

Wien - Der rechte Winkel stellte für Piet Mondrian ein universelles Symbol dar, weil er die Vertikale (Mensch) mit der Horizontalen (Erde) vereine. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen auszuloten bildete einen Grundsatz von Mondrians 1918 verfasstem Manifest der De-Stijl-Bewegung.

Mondrian ist es auch, der als Bezugspunkt von André Butzer genannt wird. Der 1973 in Stuttgart geborene Künstler zeigt in der Galerie Kugler eine Werkserie aus immer demselben Sujet: je zwei schwarze Rechtecke mit weißen Auslassungen in der Mitte sind im rechten Winkel aneinandergestellt. Nur das Format variiert.

Bereits zum fünften Mal präsentiert man den Künstler in der Galerie, die dessen Entwicklung präzise verfolgt. Zunächst hatte Butzer mit comicartigen, bunten Gemälden auf sich aufmerksam gemacht - abstrahierte Porträts mit ungemischten Farben direkt aus der Tube. 2010 löschte er mit der überdimensionalen Arbeit Ich will erst mal 'ne Cola den Inhalt zugunsten des monochromen Hintergrunds völlig aus.

Fortan verfolgte Butzer mit der sogenannten N-Serie die goldene Regel, dass es eben keine gebe: Das Lineare expandierte er zur grauen Fläche, und statt weiterhin die Farbe mit der Tube aufzubringen, trug er schwarzes Kolorit mit vertikalen und horizontalen Pinselstrichen auf. Er verlagerte sich ganz auf den Farbkontrast, also den Gegensatz von Grau und Schwarz; weg vom figurativen Inhalt. Das bedeutete für ihn vor allem die Vernichtung der eigenen Handschrift.

Die aktuelle Werkserie ist vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung, spielt mit dem extremen Kontrast von Schwarz und Weiß; die Rechtecke sitzen scheinbar perfekt im rechten Winkel. Aber eben nur scheinbar: Butzer will gleichzeitig durch leicht unebene Formen geometrische Regeln unterlaufen. Denn, das einzige Maß aller Dinge "sei das Sehen, das freie Auftragen der Farbe mit dem Pinsel", meint er und weist auf sein Auge. So wie bei den nur vermeintlich präzisen Arbeiten von Mondrian, denn "bei dem schwankt ja auch alles, wenn man nur genau hinsieht". (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 20.9.2012)

Bis 13. 10., Galerie Bernd Kugler

Burggraben 6, 6020 Innsbruck

www.berndkugler.at

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