Der Baukasten erobert die Zertifikatewelt

19. September 2012, 17:46
  • Aus vielen Bestandteilen sein eigenes Produkt bauen: Bei Zertifikaten ist das 
bereits möglich
    foto: epa/robin utrecht

    Aus vielen Bestandteilen sein eigenes Produkt bauen: Bei Zertifikaten ist das bereits möglich

Ein neues Internet-Tool bietet einen Baukasten, aus dem Kunden individuell ihre Struktur wählen können

Der Zertifikatemarkt hat einen neuen Mitspieler: Die Internetseite www.wikifolio.com erlaubt Anlegern, gemanagte Indexzertifikate selbst zu bauen. Der neue Webservice wird die Branche zwar nicht revolutionieren. Aber er weist - wenn auch mit einigen Stolpersteinen - in die richtige Richtung.

Denn der Trend zu maßgeschneiderten Produkten ist in der Zertifikatebranche schon seit einiger Zeit zu beobachten. Sogenannte Meta-Tools, die in der Schweiz bereits gang und gäbe sind, erlauben Anlegern, sich ihre Zertifikate de facto selber zu bauen: Die Anleger bestimmen den Basiswert und den Produkttyp und suchen sich dann die dazu passenden Emittenten aus, die die gewählten individuellen Lösungen zu verschiedenen Konditionen anbieten. Die eigene Strategie, verpackt in individuellen Zertifikaten - so lautet die Idee.

Zurück zu den Wurzeln

Für Experten ist dieser Trend aber weit mehr als eine zufällige Entwicklung. Es ist die Wurzel der Zertifikatebranche, heißt es. Diese ist schließlich aus der Idee heraus geboren worden, für institutionelle Kunden individuelle Anlagestrategien zu verbriefen.

Der neue Mitstreiter wikifolio.com nimmt diese Grundidee wieder auf und verpflanzt sie auf die einfache Anlegerebene: Private Investoren können Aktien, börsennotierte Indexfonds (ETFs) und andere Wertpapiere in ein Portfolio packen. Dessen Wertentwicklung wird vom Emittenten Lang & Schwarz unter bestimmten Voraussetzungen als Indexzertifikat verbrieft. Das Zertifikat ist ab diesem Augenblick auch für andere Anleger frei handelbar, die Papiere notieren allesamt an der Stuttgarter Börse.

Auf den ersten Blick scheint das Konzept schlüssig: Wikifolio wirbt damit, dass unerfahrene Anleger sich die erfolgreichsten Portfolios heraussuchen und darin investieren können. Gleichzeitig schafft das Webportal einen finanziellen Anreiz für Depotentwickler, ihre Portfolios als Zertifikate verbriefen zu lassen und damit auch anderen Anlegern zugänglich zu machen. Die Entwickler können Erfolgsprämien für ihre Indexzertifikate festsetzen. In der Branche sind solche Prämien als High Watermark bekannt.

Wikifolio bietet also nicht nur ein Tool für die Zertifikateentwicklung an, sondern setzt auch auf das klassische Leader-Follower-Prinzip, mit dem einige Finanzportale wie ayondo.com auch im CFD-Markt angetreten sind.

Das Prinzip hat Schönheitsfehler

Das Prinzip hat im Fall Wikifolio aber einige Schönheitsfehler. Erstens das Emittentenrisiko: Herausgeber der Zertifikate ist immer Lang & Schwarz. Im Gegensatz zu den meisten Meta-Tools bietet Wikifolio hier keine Auswahl an Emittenten. Zur Erinnerung: Zertifikate sind Schuldverschreibungen. Schlittert der Emittent in die Pleite, ist das veranlagte Geld nicht geschützt - im Gegensatz zum Fondsvermögen, das als Sondervermögen geführt wird und im Falle einer Bankpleite geschützt ist.

Die Kosten sind ein zweiter Punkt: Eine Grundgebühr von 0,95 Prozent pro Jahr plus High Watermark zwischen fünf und 30 Prozent ist kein Schnäppchen. Klassische Indexzertifikate von der Stange sind deutlich billiger.

Drittens spricht die Erfahrung, dass gemanagte Finanzprodukte selten besser abschneiden als der Markt, gegen das Baukastenkonzept: Es liegt in der Natur der Sache, dass Depotmanagement Geld kostet und Depotmanager deshalb gegenüber einem klassischen Gesamtmarktindex immer im Nachteil sind, wenn es um die Wertentwicklung geht. Denn sie müssen die von ihnen selbst verursachten Kosten und Gebühren erst einmal verdienen, bevor sie überhaupt eine Outperformance gegenüber dem Markt erzielen können. Statistiken zeigen, dass 80 Prozent der Fondsmanager schlechter abschneiden als der von ihnen gewählte Vergleichsindex. Und das sind Investmentprofis, die professionelle Handelssysteme und Risikostrategien nutzen.

Fazit: Die Idee, eigene Portfolio-Strategien als Zertifikat zu verbriefen, weist in die richtige Richtung. Das Ganze als Chance für Börsenanfänger zu verkaufen ist aber gefährlich. Denn kein Depotmanager auf der Welt kennt die Geheimformel für ewige Outperformance. Anfänger, die in Wikifolio-Zertifikate investieren, werden diese Erfahrung schnell machen. (Matthias von Arnim, Reuters, DER STANDARD, 20.9.2012)

Wissen

Wikifolio ist seit August am deutschen Markt aktiv und will laut eigener Definition "frischen Wind in die Branche bringen". Anleger aus Österreich können auf der Plattform ebenso ihre Zertifikate bauen. Mit Vertriebspartnern in Österreich ist man laut Geschäftsführer Andreas Kern bereits im Gespräch. "Seit April haben Anleger knapp drei Millionen Euro investiert", sagt Wikifolio-Chef Andreas Kern zum Standard.

Pro Tag würden 50.000 bis 200.000 Euro veranlagt. Gegründet wurde das Tool von Kern und einem Wiener Entwicklungsteam. "Unser Angebot richtet sich an jene, die sich mit Zertifikaten bereits gut auskennen", sagt Kern. Wer nicht selber bauen will, kann in die Zertifikate mit der besten Performance investieren und diesen Strategien folgen. (bpf)

Cui Bono??

Ich bezweifle den wahren Nutzen für den Anleger. Es sind bereits mehrere hunderttausende Zertifikate am Markt. Da gibt es für jeden Normalinvestor etwas passendes. Mit Sekundärmarkt, garantieretem Spread, handelsverpflichtung , etc...! Jeder Zertifikate Anbieter ist heute bereit, ab 500.000 Euro ein individuelles Produkt zu sehr guten Konditionen zu konstruieren. Da sind die hier publizierten Konditionen nur Teuer. Das ist Publicity für Initiatoren, die nicht wirklich gut informiert scheinen, was die Möglichkeiten betrifft.

...

Der nahegelegte Vergleich mit diesen Customized Product Tools führt eventuell zu Missverständnissen. Bei solchen Plattformen entsteht ab 10.000€ oder 500.000€ ein "mechanisches" Derivat. Bei wikifolio wird eine Handelsstrategie eines Traders Real-Time und OHNE Transaktionsgebühren bei marktnahen Spreads nachgebildet (ab €100). Die aktuellen Top Trader schichten derzeit im Monat ca. das 20-fache des Kapitals um und konnten damit seit Start im August eine gute Performance erzielen (was natürlich nicht automatisch eine Outperformance für die Zukunft beduetet), aber bis jetzt siehts nicht schlecht aus.

Mir ist kein Angebot bekannt, das dies nur annähernd leistet.

Beste Grüße
Andreas Kern

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