"Strukturen des Lebens begreifen"

Interview
18. September 2012, 17:41
  • Karin Reinisch nutzt die Methoden der Kristallografie, um 
Eiweißstrukturen in dreidimensionalen Bildern sichtbar zu machen. Dafür 
beschießt sie Proteine mit Röntgenstrahlen. 
    foto: corn

    Karin Reinisch nutzt die Methoden der Kristallografie, um Eiweißstrukturen in dreidimensionalen Bildern sichtbar zu machen. Dafür beschießt sie Proteine mit Röntgenstrahlen. 

Wie funktionieren Zellen? Dieser Frage ist Karin Reinisch, Biochemikerin an der US-Universität Yale, auf der Spur

Standard: Sie sind aus Yale nach Wien gekommen, um Ihre Arbeit vorzustellen. Wie kamen Sie zur Strukturbiologie?

Reinisch: Ich interessiere mich für die Architektur des Lebens, möchte verstehen, wie der Körper funktioniert. Deshalb befasse ich mich mit Zellen. Jede Zelle ist eine winzig kleine Maschine, die Proteine, zum Beispiel Eiweiße produziert. Der Bauplan dafür ist die DNA. Es geht also um ganz fundamentale Prozesse, ich versuche, die Strukturen des Lebens zu begreifen.

Standard: Was ist dabei Ihr Fokus?

Reinisch: Mein Spezialgebiet ist "membrane trafficking". Jeder Zellkern wird von einer Membran ummantelt, diese Membran kann durchlässig werden, also eine Art Schleuse, um den Austausch von Molekülen möglich zu machen. Mit meiner Forschungsgruppe erforschen wir, wie so ein Austausch stattfindet, welche Signale es braucht, welche Prozesse dann wie ablaufen.

Standard: Wenn Sie den Blick in die Zukunft wagen: Welche praktischen Anwendungen könnte Ihre Arbeit haben?

Reinisch: Für die Medizin ist es sehr wichtig, die Ursachen von Krankheiten zu finden, also die Frage zu klären, was wo wie und warum in den Zellen falschläuft und Krankheiten auslöst. Nur dann hat man ja auch die Möglichkeit, Dinge zu reparieren. Deshalb versuchen wir, solche Fragen auf Zellebene zu klären.

Standard: Könnten Sie ein ganz konkretes Beispiel geben?

Reinisch: Viren. Sie sind Krankheitsauslöser, die von außen in die Zelle eindringen. Wie genau diese Invasion, dieses "Take-over" funktioniert, wissen wir nicht.

Standard: Was konnten Sie in den letzten zehn Jahren darüber schon herausfinden?

Reinisch: Ich habe in Harvard sehr viel mit Reoviren gearbeitet, das sind doppelsträngige RNA-Viren, die in dem Sinn keine Krankheiten auslösen, aber gut zu studieren sind, weil sie groß sind. Viele Forscher arbeiten mit Proteinen, ohne genau zu verstehen, wie diese funktionieren. Anfang der 90er- Jahre beschäftigten sich wenige mit Strukturbiologie. Meine Arbeit wurde für viele insofern wichtig, als ich eine Methode entwickelt habe, die verborgene Strukturen sichtbar macht.

Standard: Das machen Sie über die Kristallografie. Könnten Sie genau erklären, was das ist?

Reinisch: Es ist ein mehrstufiger Prozess. Am Anfang kristallisieren wir Proteine, die wir untersuchen wollen. Dann werden sie mit Röntgenstrahlen beschossen. Das führt dazu, dass sich die Strahlen streuen. Diese Streuung lässt sich mit mathematischen Methoden messen. Aus Bildern mit vielen kleinen Pünktchen drauf visualisieren wir dreidimensionale Modelle, aus denen sich dann Schlüsse ziehen lassen.

Standard: Zum Beispiel?

Reinisch: Wenn die Strukturen erstmal sichtbar sind, lassen sich Ähnlichkeiten erkennen. Viele Viren zum Beispiel sehen nicht nur ähnlich aus, sondern funktionieren auch ähnlich. Daraus lassen sich neue Hypothesen formulieren, die dann mit anderen biochemischen oder biophysikalischen Untersuchungen überprüft werden können. Das ist die Dynamik in der Grundlagenforschung.

Standard: Ist der Druck in der Grundlagenforschung groß?

Reinisch: In Amerika ist er extrem. Wir arbeiten wirklich hart an unseren Publikationen. Das Allerwichtigste ist, in hochrangigen Journalen wie Nature oder Cell seine Arbeiten zu veröffentlichen und dafür wirklich viele Punkte zu bekommen. Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Damit erarbeitet man sich Reputation, die führt dazu, dass man gute Mitarbeiter bekommt, die bei dieser Forschung dabei sein wollen. In den USA haben viele Menschen Angst unterzugehen. Das ist auch in der Wissenschaft so. Die Budgets werden gekürzt, das macht den Wettbewerb sehr hart. Auch unter den Forschern wird ein irres Tempo gefordert. So wie überall in den USA ist das Tempo frenetisch.

Standard: Ist Wissenschaft nur harte Arbeit?

Reinisch: Eben nicht, Glück spielt einfach auch eine sehr wichtige Rolle. Es gibt Forschungsprojekte, die solide sind, aus denen sich aber keine spektakulären Schlüsse ziehen lassen. Das kann jedem Wissenschafter passieren und hat dann aber großen Einfluss auf die Karriere. Das ist dann halt Pech.

Standard: Wie unterscheiden sich die amerikanische und europäische Wissenschaftsszene?

Reinisch: Der Konkurrenzdruck in den USA ist extrem hart und wird, wenn Mitt Romney die Wahlen gewinnt, sicher noch viel härter werden. Da werden Labore schließen. Ich denke, dass es in Europa nicht so extrem ist.

Standard: Auf der Website Ihrer Forschungsgruppe ist aber wenig von diesem Druck zu spüren.

Reinisch: Eine gute Atmosphäre im Team ist wichtig, das versuche ich auf der Website zu vermitteln. Denn die Leute suchen sich ein Labor auch nach den Kollegen, der Atmosphäre aus. Schließlich arbeiten wir mehr als zwölf Stunden am Tag zusammen. Als Leiterin will ich meinen Mitarbeitern ein wissenschaftliches Zuhause schaffen. Nur so kann ich die besten auch halten. (Karin Pollack/DER STANDARD, 19. 9. 2012)


Karin Reinisch (46) ist Chemikerin an der US-Universität Yale und leitet am Department für Zellbiologie eine Forschungsgruppe. Reinisch spricht gut Deutsch, ihre Mutter kommt aus Steyr, ihr Vater aus Hausach in Baden-Württemberg. Sie wuchs in Cambridge/Massachusetts auf, hat in Harvard studiert und arbeitet seit 2001 in Yale. Sie war auf Einladung des vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Doktorratskollegs "Struktur und Wechselwirkungen biologischer Makromoleküle" in Wien.

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1 Posting
"Das Allerwichtigste ist, in hochrangigen Journalen wie Nature oder Cell seine Arbeiten zu veröffentlichen und dafür wirklich viele Punkte zu bekommen."

Ach du meine Guete... was ist aus der Wissenschaft geworden? Grenzt an ein Kasperltheater.

Wenn da nicht so viel Geld dranhaengen wuerde waere die "yuppieeske Mitteilungsheft-Aussage" ja noch lustig. Man hat EINEN Faktor aus dem wissenschaftlichen Schaffen rausgenommen und hebt den nun ueber alles (wo wirds publiziert). Traurig. Beim besten Willen: das hat mit meinem verstaendnis von Wissenschaft nichts mehr zu tun.

Ich fuehl mich eher an firmeninternes Bonisystem erinnert. Dass Leute in der Wissenschaft das mit sich machen lassen ist schon eine Bankrotterklaerung des universitaeren Geistes.

Ich wuensch ihr noch viel Erfolg beim Punktesammeln! Sterne ins Mitteilungsheft!

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