"Manchmal den Mund halten!"

Interview | Eva Biringer
18. September 2012, 17:52

"The King's Speech" heimste mit Colin Firth mehrere Oscars ein. Ab Donnerstag spielt Michael Dangl in der Josefstadt den stotternden George VI.

STANDARD: Wie war die Arbeit an einem so bekannten Stück? Kaum jemand kennt den Film nicht.

Dangl: Uns kann nichts Besseres passieren, als ein Stück zu spielen, das jeder kennt! Auch ich habe ihn gesehen, aber ich habe ihn nicht noch einmal angeschaut, als ich wusste, dass ich die Rolle spielen würde. Denn ich wollte eine eigene Geschichte erzählen. Und die ist toll genug, dass man den Film vergessen wird. Außerdem hat David Seidler "The King's Speech" als Theaterstück geschrieben. Aufgeführt wurde es deswegen erst vor kurzem in London, weil Queen Mum es zu ihren Lebzeiten verboten hat.

STANDARD: Colin Firth als George VI. hat den Oscar bekommen. Belastet diese Konkurrenz?

Dangl: Überhaupt nicht. Es ist doch großartig, wenn jemand diese Rolle schon einmal gespielt hat und dafür belohnt wurde. Ich sehe da keine Rivalität. Alles, was mit Qualität zu tun hat, ist in diesem Beruf bereichernd, weil es positive Energien erzeugt. Wie kann ich da ein schlechtes Gefühl haben? Viel wichtiger als der Film war für mich die historische Figur des Bertie. Als Persönlichkeit, als Mensch.

STANDARD: Wie haben Sie sich diesem Bertie angenähert?

Dangl: Indem ich möglichst viel über ihn in Erfahrung brachte. Und über seinen Defekt, das Stottern. Man weiß noch immer nicht, wie es eigentlich entsteht; man weiß, dass traumatische Erlebnisse das Stottern auslösen, aber jeder stottert anders. Bertie zum Beispiel ist im Umgang mit seiner Frau nahezu stotterfrei, bei seinem Vater bekommt er kaum ein Wort heraus.

STANDARD: Kennen Sie dieses Gefühl der Unzulänglichkeit?

Dangl: Natürlich. Jeder Schauspieler hat Albträume vor Premieren. Egal wie erfolgreich die letzte Premiere war, die Albträume kommen immer wieder. Man tritt vors Publikum und ist einer unsäglichen Blamage ausgeliefert. Ich glaube, wir alle kennen Situationen, in denen es einem buchstäblich "die Sprache verschlägt", aus Traurigkeit, Wut, Zorn, Glück.

STANDARD: Wie gehen Sie damit um?

Dangl: Manchmal den Mund halten, es wird eh zu viel geredet! (lacht)

STANDARD: Machen einen "Defekte" wie Stottern interessanter?

Dangl: So falsch es früher war, den Stotterer zum Idioten zu machen, wäre es unrichtig, ihn heute zu etwas Besonderem zu stilisieren. Gleichwohl ist es so, dass ein Stotterer sein Leben lang viel zurückhält. Er behält mehr von seinem Geheimnis als andere, die gewohnt sind, mehr von sich auszuplappern.

STANDARD: Braucht man gerade als Schauspieler das Geheimnisvolle, um sich von anderen abzuheben?

Dangl: Dieses Geheimnisvolle kann man nicht bewusst erzeugen. Wenn es aufgesetzt ist, desavouiert es sich beim ersten Hinschauen. Wer darauf reinfällt, will darauf reinfallen! Einen Menschen finde ich nicht wegen einer Aura des Geheimnisvollen interessant, sondern weil er interessant ist.

STANDARD: Gibt es eine Rolle nach Bertie, die sie noch unbedingt spielen wollen?

Dangl: Ja - und das werde ich nicht in der Zeitung verkünden! Vielleicht in zwanzig Jahren den Sprachtherapeuten Lionel Logue.

STANDARD: Nach Ihrem monologischen, autobiografisch gefärbten Buch " Rampenflucht" ...

Dangl: Dagegen muss ich mich verwahren: Die Figur hat zwar viel von mir bekommen, war auch Schauspieler, aber: Es war keine Autobiografie!

STANDARD: ... ist soeben Ihr zweiter Roman "Schöne Aussicht Nr. 16" erschienen. Worum geht es da?

Dangl: Es ist vielleicht eine Liebesgeschichte, jedenfalls eine Geschichte über eine Annäherung zweier Menschen. Ich habe das Buch mit viel Wut geschrieben, aber auch mit viel Zärtlichkeit und Humor.

STANDARD: Bei Erscheinen von "Rampenflucht" sagten Sie, es fühle sich noch sehr weit weg an, Schriftsteller zu sein. Und jetzt?

Dangl: Immer noch weit weg, insofern ich das gar nicht so benennen möchte. Ob man dem jetzt das Etikett "Schriftsteller" oder "Schauspieler" gibt, das ist für mich gar nicht so wichtig. All das ist in mir und kommt aus mir. Aber trotzdem ist mir die Bezeichnung "Schauspieler" immer noch sehr nah, weil das ja immer noch mein Hauptberuf ist. (Eva Biringer, DER STANDARD, 19.9.2012)

Michael Dangl (44), gebürtiger Salzburger, Film- und Theaterschauspieler, ist seit 1998 Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt. Sein zweiter Roman "Schöne Aussicht Nr. 16" ist im Verlag Braumüller erschienen.

Share if you care
3 Postings
Kammerspiele !

Falsches Theater in der Überschrift:
Kammerspiele nicht Josefstadt

Oh Mann, Dangl!

Da kriegt man ja beim Lesen das Stottern! Geht's eigentlich noch dümmer und eingebildeter? "Uns kann nichts besseres passieren..." Wer Uns? Der Europäische Schauspielervertreter glaubt wirklich, man wird den Film vergessen, weil er in Wien, im 8.Bezirk Theater spielt.
Manchmal den Mund halten, genau.

Mund halten?

Dangl spielt seine aktuelle Rolle in den Kammerspielen - im 1. Bezirk!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.