Jedes Gehirn ist intersexuell

Männer können einparken, Frauen zuhören: Stereotype wie diese beeinflussen unser Verhalten - Doch die Unterschiede im Gehirn sind viel kleiner als gedacht

Forscherinnen wollen dem Phänomen "Neurosexismus" die Grundlage entziehen.

 

Männerdiskriminierung lautete der Vorwurf in zahlreichen Beschwerden an die Medizin-Uni Wien. Erstmals in sechs Jahren hatte sie heuer mehr Frauen als Männer zum Studium zugelassen. Der Grund: Der Aufnahmetest wurde "genderspezifisch" ausgewertet. Bei männlichen und weiblichen Anwärtern wurden jeweils getrennt Mittelwert und Standardabweichung bei den Testergebnissen ermittelt, sodass in einigen Fällen Frauen insgesamt einen höheren Testwert aufwiesen als Männer mit der identen Punktezahl - und somit bei der Studienplatzvergabe vorgereiht wurden.

Das sei notwendig, um den "Gender Gap" auszugleichen, den ein naturwissenschaftlicher Überhang im Test und jahrelange Versäumnisse im Unterricht verursachen, sagen die Befürworter. Die anderen sprechen von Sexismus und Bevorzugung von weniger geeigneten Kandidatinnen. Das Wissenschaftsministerium prüft nun die Auswertungsmethode, die Med-Unis arbeiten an einem neuen gemeinsamen Test.

Doch das allein gibt keine Antwort auf dahinterliegende Fragen: Liegen solche unausgeglichenen Testergebnisse daran, dass Frauen tendenziell weniger naturwissenschaftliches Verständnis mitbringen, weil es ihnen von klein auf abgesprochen wird? Oder rührt das Problem etwa daher, dass die Gehirne von Männern und Frauen sich grundlegend unterscheiden, wie populäre Bücher zu Einparken, Zuhören und Mars/Venus-Konstellationen immer wieder weismachen wollen?

Kritischer Blick ins Gehirn

Alles Unsinn, sagt die australische Neuropsychologin Cordelia Fine von der Universität Melbourne. Vielmehr seien es gerade neurowissenschaftliche Studien zu vermeintlich großen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, die Stereotype erst recht manifestieren. "Neurosexismus" wird dieses Phänomen genannt, dem Fine vergangene Woche in Wien in ihrem Eröffnungsvortrag zur Konferenz Neurocultures - Neurogenderings auf den Grund ging. An drei Tagen debattierten Wissenschafterinnen - und einige wenige Wissenschafter - auf Einladung des Referats für Genderforschung der Uni Wien und des internationalen Netzwerks Neurogendering einen kritischen Zugang zu den neuen Methoden der Hirnforschung.

"Es war für mich ein furchtbarer Schock zu erkennen, das Wissenschaft nicht immer objektiv ist", sagte Fine, die sich schon in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch Die Geschlechterlüge (im Original mit dem weniger plakativen Titel Delusions of Gender) auf die Suche nach Fakten begab. "Vor allem hat mich erschüttert, wie die Idee, dass es festverdrahtete Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, unsere Selbstwahrnehmung und unser Verhalten beeinflusst."

So variiert die mathematische Leistung von Frauen, je nachdem, wie sie auf den Test vorbereitet werden: Werden sie in irgendeiner Weise mit Rollenbildern konfrontiert - sei es, dass ihnen erklärt wird, dass es genetische Unterschiede gibt, dass sie in einem Raum voller Männer sitzen oder dass sie einfach nur ein Häkchen bei "männlich" oder "weiblich" machen müssen -, schneiden sie schlechter ab als ohne derartige "Stereotyp-Bedrohung", wie Fine diese Hemmung nennt.

Dass auch dieser Art Selffulfilling Prophecy entgegengewirkt werden kann, beweist das Beispiel der renommierten US-Universität Carnegie Mellon: Um den Frauenanteil im Fach Informatik zu steigern, wurden umfassende Interviews mit Studierenden geführt, Highschool-Lehrer geschult und ein neuer Lehrplan entwickelt. Zwischen 1995 und 2000 stieg der Anteil an Studienanfängerinnen von sieben auf mehr als 40 Prozent. Ein Beispiel, das Schule machen sollte, wie die Biologin Sigrid Schmitz meint, die als Professorin für Gender Studies der Uni Wien die fachübergreifende Konferenz federführend organisierte.

Cordelia Fine und ihre Kolleginnen sind überzeugt: Weitverbreitete Ansichten, dass das männliche Gehirn besser für räumliches Denken und knallharte Analyse und das weibliche für Sprachverarbeitung, Kommunikation und Mitgefühl geeignet seien, begründen sich auf konsequent fehlinterpretierte Studien. Als Grundlage dafür dienen oft Hirnscans aus dem Magnetresonanztomografen, die anzeigen, welche Regionen im Gehirn aktiv sind, während eine bestimmte Aufgabe gelöst wird. Betrachtet man die Methodik genauer, relativieren sich viele Geschlechter differenzen, argumentiert Fine. Nicht nur werden stets andere Parameter und Grenzwerte angesetzt, auch die Zahl der Probanden divergiert erheblich.

Problematische Datenlage

Fine hat in einer Meta-Studie, die demnächst im Fachblatt Neuro ethics erscheint, 39 Studien analysiert, die in den Jahren 2009 und 2010 mithilfe von Magnetresonanztomografie kognitive Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellten. Das Ergebnis: 75 Prozent der Studien untersuchten nur 15 Personen oder weniger je Geschlecht und Experiment. Frühere Studien haben längst erwiesen: Je größer die Datenbasis, desto kleiner werden die Geschlechterdifferenzen.

Cordelia Fine bestreitet nicht, dass es tatsächlich signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt - was sie bedeuten, basiere aber mehr oder weniger auf Spekulation. "Wir wissen heute, dass ein mentaler Prozess mehr als eine Gehirnregion involviert", sagt Fine. Weil über die exakten Zusammenhänge von Gehirnaktivität und Verhalten noch vieles im Dunkeln liege, bestehe die Gefahr, "dass Stereotype dafür benutzt werden, um die Lücken im Wissen zu füllen", warnt Fine. Zumal jeder noch so feine Unterschied, der entdeckt wird, viel leichter seinen Weg in die Medien finde als ein Null-Ergebnis.

Hirnscans sind immer nur Momentaufnahmen, fügt Fine hinzu, und können nicht die Plastizität des Gehirns, also seine Lernfähigkeit, die ständige Neuknüpfung neuronaler Verbindungen und Interaktion mit äußeren Umständen widerspiegeln. "Jedes Gehirn setzt sich aus einem einzigartigen, sich ständig verändernden Mosaik aus männlichen und weiblichen Eigenschaften zusammen", dia gnostizierte die Neurowissenschafterin Daphna Joel von der Universität Tel Aviv in ihrem Vortrag. Und schließt daraus: "Jedes Gehirn ist intersexuell."

Zwar gibt es eindeutige Geschlechtsunterschiede, etwa was die Größe des Gehirns oder die Zusammensetzung von Neuronen betrifft, dennoch könnten daraus keine Aussagen über Verhalten und Denkvermögen getroffen werden, sagt Joel. "15 Minuten Stress genügen, um die Eigenschaften der dendritischen Dornen von Nervenzellen im Gehirn bei Ratten umzudrehen. Das heißt, dass die Dornfortsätze bei den Männchen eine weibliche Form annehmen und umgekehrt."

Zu viele Faktoren, darunter Alter, soziales und kulturelles Umfeld, wirken auf die Gehirnstruktur ein, um die vielen individuellen Differenzen auf die Merkmale "männlich/weiblich" zu reduzieren - so ein Tenor der Tagung. Die Debatte um Geschlechtermythen und Neurosexismus ist damit aber noch lange nicht beendet. (Karin Krichmayr /DER STANDARD, 19.9.2012)

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