"Die US-Gesellschaft ist technologieverliebt"

Interview
18. September 2012, 17:31
  • Philipp Marxgut studierte Jus und Politikwissenschaften an der 
Universität Innsbruck und am Institut d'études politiques de Paris. Er 
ist seit 2007 Wissenschaftsattaché in den USA und in Kanada und leitet 
in Washington das Office of Science and Technology (OST).
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    Philipp Marxgut studierte Jus und Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck und am Institut d'études politiques de Paris. Er ist seit 2007 Wissenschaftsattaché in den USA und in Kanada und leitet in Washington das Office of Science and Technology (OST).

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Philipp Marxgut, Wissenschaftsattaché für Nordamerika, sieht die Forschungsförderung der USA in der Krise

Österreich habe Chancen, Experten abzuwerben. Dem Nachwuchs empfiehlt er dennoch den Weg in die USA. Alexandra Riegler fragte.

 

STANDARD: Österreich will bis 2020 zu den europäischen Innovation-Leadern gehören. Gelangt es mit dem derzeitigen Fahrplan tatsächlich dorthin?

Marxgut: Ich bin Optimist und sage Ja. Natürlich gibt es große Herausforderungen, und um ein Innovation-Leader zu sein, müssen viele Dinge zusammenpassen. In der Forschungs- und Technologiepolitik haben wir begonnen, die richtigen Schritte zu setzen, wobei in den letzten Jahren, auch durch die Wirtschaftskrise, der Elan abgeebbt ist. Inzwischen ist die Regierung aber wieder dabei, die Forschungsausgaben anzuheben, heuer um 8,5 Prozent.

STANDARD: Was sind die Herausforderungen?

Marxgut: Entscheidend wird sein, dass auch der private Sektor mitgeht. Der soll ja immerhin zwei Drittel der Investitionen tragen. Derzeit liegen wir bei 60 Prozent. Im Vergleich dazu liegt der Anteil in Amerika fast schon bei 70 Prozent.

STANDARD: Zu den innovativsten Ländern zu gehören bedeutet auch, Risiken einzugehen, die das Mittelfeld scheut, wie etwa Geld für risikoreichere Grundlagenforschung in die Hand zu nehmen. Bringt da Österreich die richtige Einstellung mit?

Marxgut: Grundlagenforschung ist immer riskant und langfristig angelegt. Tatsache ist, dass diese in Österreich im Vergleich zur angewandten Forschung unterfinanziert ist. Das will die Bundesregierung nun ändern und zwei Prozent des BIPs für den tertiären Sektor an den Unis ausgeben. Es geht in einem kleinen Land aber auch darum, sich auf Stärken der heimischen Forschungsszene zu konzentrieren und Großprojekte verstärkt über die EU abzuwickeln.

STANDARD: Wie ist die Situation in den USA? In vie -len Bereichen wird auch hier radikal gespart. Wie wirkt sich das auf die Wissenschaft aus?

Marxgut: Das ist ein zentrales Thema. Stagnation bedeutet nach Einrechnung der Inflation eine Senkung und führt zur drastischen Abnahme der Erfolgsquoten bei wissenschaftlichen Projektanträgen. Bei den National Institutes of Health sind diese innerhalb von zehn Jahren von 32 auf 18 Prozent im Jahr 2011 gesunken. Wenn der Trend anhält, könnte sich Wert auf bis zu 14 Prozent verringern. Bei der National Science Foundation fiel die Zahl der geförderten Projekte von 30 auf 22 Prozent. Bei Verabschiedung des derzeitigen Budgetvorschlags könnten bald nur noch 16 Prozent der Anträge finanziert werden. Das hat massive Auswirkungen auf die Uniforschung, die zum großen Teil über Grants finanziert wird. Dazu kommen die Kürzungen für Unis vonseiten der Bundesstaaten. Die Aussichten sind nicht sehr rosig, bedeuten aber eine Chance für Österreich, den Leuten gute Angebote zu machen.

STANDARD: Besteht also die Bereitschaft, Land und Job zu wechseln?

Marxgut: Mein Eindruck ist, dass sich die Leute bei einem attraktiven Angebot schon darauf ein lassen würden, nach Europa zu gehen, außerdem passiert das ja auch laufend. Es ist wichtig, dass Österreicher weiterhin hierherkommen, die USA sind das Top-Forschungsland der Welt. Aber man sollte jetzt die Chance nützen und gute Wissenschafter nach Österreich holen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

STANDARD: Kehren in letzter Zeit mehr österreichische Wissenschafter zurück?

Marxgut: Das könnte ich nicht bestätigen. Es findet eine gute Zirkulation statt und das seit Jahren. Aktuell wissen wir von rund 930 österreichischen Wissenschaftern in Nordamerika. In den letzten zwölf Jahren waren es weitere tausend Forscher, die Nordamerika inzwischen wieder verlassen haben. 95 Prozent sind nach Europa zurückgekehrt, drei Viertel davon nach Österreich, das offenbar an Attraktivität gewonnen hat.

STANDARD: Was unterscheidet die universitäre Forschung in den USA im Kern von jener in Österreich?

Marxgut: In Österreich wird in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zwischen Lehre und Forschung differenziert, wodurch die Forschungsleistungen der Universitäten untergehen. Dabei sind wir gar nicht so schlecht. Die USA bieten Wissenschaftern ein stimulierendes Umfeld, wo sie mit den Besten der Welt sprechen können - es wird einfach eine kritische Masse erreicht. In Österreich ist auch etwas im Entstehen. Nehmen wir die heimischen ERC-Grants als Beispiel. Da wird Weltklasseforschung betrieben, die sich nicht verstecken muss, auch vor Amerika nicht.

STANDARD: Welchen Stellenwert genießen Wissenschafter in den USA verglichen mit Österreich, wo Kicker und Skifahrer bei Ansehen und Bekanntheitsgrad ganz vorn stehen?

Marxgut: Reine Grundlagenforscher haben auch in Amerika keine Breitenwirkung. Nobelpreise geben zwar eine gewisse Sichtbarkeit, aber auch wir haben einen Penninger, den man kennt, oder einen Zeilinger. Die US-Gesellschaft ist zwar technologieverliebter und steht der Forschung vielleicht offener gegenüber, aber auch in der US-Öffentlichkeit haben Sportler einen höheren Stellenwert als Wissenschafter. (DER STANDARD, 19.9.2012)

Wissen: Raus aus der Regionalliga

"Es gibt keine österreichische Wissenschaft - das klingt nach Regionalliga. Es gibt einfach nur Wissenschaft." So drückt es Dietrich Haubenberger aus, der nach mehrjähriger klinischer Forschung in den USA ans Wiener AKH zurückgekehrt ist und weiter an transatlantischen Kooperationen arbeitet. Haubenberger war einer der Teilnehmer des neunten Austrian Science Talk, der vergangenes Woche in Washington, D.C., stattfand.

Gastgeber der Konferenz war das Office of Science and Technology (OST), das 2001 an der Österreichischen Botschaft in Washington eingerichtet wurde und seither als Schnittstelle für Wissenschaft und Forschung zwischen Österreich und Nordamerika dient. Gleich vier Ministerien sind am OST beteiligt, nämlich Wissenschafts-, Verkehrs-, Wirtschafts- und Außenministerium. Das Netzwerk Ascina, das die österreichischen Forscher in den USA verbindet, hat auch eine Wiener Zweigstelle.

Beim Austrian Science Talk bemühte sich eine hoch karätige Delegation aus Politik, Universitäten, Forschungsinstituten und Industrie, ein ein ladendes Bild von den Möglichkeiten in der heimischen Wissenschaftslandschaft zu zeichnen. In Österreich hat sich in den vergangenen 15 Jahren viel getan, wie man den Österreichern klarmachen will, die ins gelobte Land der Forschung gegangen sind. Alle Jobangebote aus der Heimat fasst die Forschungsförderungsgesellschaft FFG auf einer Website für die US-Wissenschafter zusammen - und zahlt einen Reisekostenzuschuss, sollte sich ein Bewerbungsgespräch ergeben.

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2 Postings
komische Diskussion

Es wird nie output orientiert gedacht - sondern also ob wir lauter Nobelpreisverdächtige verlieren und damit großer Schaden entsteht, das ist eine schwache Hypothese....
In Amerika sind die Aufträge der Regierung klar, die Programme der Auftraggeber in der Forschung konsistent aber wo sie dennoch scheitern ist bei der Konsistenz der politischen Umsetzung damit die Forschungsergebnisse auch genutzt werden.
Die Taxler geführte Regierung aus Politikabhängigen bei uns ist ja ein Laientheather ohne know-how und bring nicht mal konsistente Forschungsprogramme zusammen.

er hat recht. oesterreich sollte halt ueberhaupt schauen, dass es gute forscher kriegt. das muessen nicht unbedingt oesterreicher sein. allerdings sollte man sich auch um oesterreicher bemuehen.

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