Das Geld ist uns schon ausgegangen

Interview | Stefan Binder
19. September 2012, 05:30

Der Vertreter des Flüchtlingshilfswerks der UNO in Jordanien über die verzweifelte Situation an der jordanisch-syrischen Grenze

Entlang der syrischen Grenze spitzt sich die Flüchtlingssituation zu, ein Ende ist nicht in Sicht. Andrew Harper vertritt die Interessen des UNHCR in Jordanien. Mit derStandard.at spricht er über die Arbeit des UN-Flüchtlingshilfswerks, die logistische Herausforderung und die Tatsache, dass der Flüchtlingsstrom schneller wächst als die finanzielle Unterstützung.

derStandard.at: Wöchentlich gibt es Berichte, dass tausende Menschen die Grenze nach Jordanien überqueren. Wie stellt sich die Situation zur Zeit dar?

Harper: Letzte Woche sind die Flüchtlingszahlen etwas gesunken. Etwa 500 Menschen überschreiten täglich die Grenze nach Jordanien. Aber es gibt noch immer Tausende, die auf der syrischen Seite darauf warten, nach Jordanien zu kommen. Das heißt, wir müssen darauf vorbereitet sein, dass es jederzeit wieder einen dramatischen Anstieg geben wird.

derStandard.at: Es fällt auf, dass vor allem Jordanien ein Zielland für syrische Flüchtlinge geworden ist. Warum?

Harper: Es gibt sehr viele Kämpfe im Süden Syriens. Außerdem hat Jordanien sehr enge tribale, familiäre, kulturelle und sprachliche Verbindungen mit Syrien. Das bedeutet, dass auch viele Menschen eher dazu neigen nach Jordanien als zum Beispiel in die Türkei zu flüchten. Nicht vergessen sollte man, dass die jordanische Regierung sehr großmütig zu den Flüchtlingen war. Wir sehen sogar Menschen, die aus weit entfernten Städten, wie zum Beispiel Idlib oder Aleppo nach Jordanien reisen. Das heißt, dass viele Flüchtlinge lange Wege in Anspruch nehmen, um ins jordanische Königreich flüchten zu können.

Viele Menschen sind zuvor in vier oder fünf andere Orte in Syrien geflohen, bevor sie sich entschlossen haben, das Land zu verlassen. Das verursacht auch viele Probleme, weil diese Menschen oft für viele Monate unterwegs waren und zweitens so gut wie nichts mehr besitzen. Wir sprechen hier nicht von Menschen, die einfach die Grenze überquert haben, sondern von Flüchtlingen, die monatelang gereist sind, keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und keinen Kontakt zu Familie und Freunden hatten.

Diese Menschen haben keine Kleidung zum Anziehen und haben nicht genug gegessen. Es kommen also immer mehr und immer verzweifeltere Menschen über die Grenze.

derStandard.at: Wie sieht die Arbeit der UNHCR in Jordanien konkret aus?

Harper: Unsere Aufgabe ist es, die jordanische Regierung bei ihrer Reaktion auf die Flüchtlingskrise zu unterstützen.Wir registrieren die syrischen Flüchtlinge - derzeit rund 1.000 pro Tag. Wir betreuen aber auch noch immer irakische Flüchtlinge, die in Jordanien leben. Wir halfen beim Errichten der Flüchtlingscamps, zum Beispiel Zaatri, wir übernehmen einen Gutteil der Kosten für die Lager und wir haben Mitarbeiter vor Ort.

Wir arbeiten mit anderen Organisationen und Spendern zusammen, um Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Dafür haben wir derzeit in Jordanien rund 160 Mitarbeiter und das bei vermutlich 200.000 Syrern im Land und weiteren 40.000 Irakern. Sie können also davon ausgehen, dass jeder, der hier arbeitet, genug zu tun hat.

derStandard.at: In Zaatri wurde ein riesiges Flüchtlingslager errichtet. An und für sich rät die UNHCR aber dazu, Flüchtlinge nicht in solchen Camps unterzubringen. Was führte letztlich zur Entscheidung ein solches Lager zu bauen?

Harper: Jordanien konnte einfach nicht noch mehr Syrer in den Städten und Dörfern aufnehmen. Man muss bedenken, dass das Land bereits einen riesigen palästinensischen Bevölkerungsanteil hat und viele irakische Flüchtlinge hier leben. Dazu kamen dann vermutlich noch 100.000 oder 150.000 Menschen aus Syrien.

Die Gemeinden haben ihre Ressourcen geopfert, um den Flüchtlingen zu helfen. Sie haben ihre Unterkünfte, ihren Treibstoff, ihre Nahrungsmittel und ihre Schulen mit den Syrern geteilt. Jordanien reagierte außergewöhnlich großzügig auf die Flüchtlingskrise, doch es ist ein vergleichsweise kleines Land. Ab einem gewissen Zeitpunkt trat dann die jordanische Regierung mit der Bitte um Unterstützung an uns heran: Man habe alles Menschenmögliche getan haben, aber man müsse sich auch um die eigene Bevölkerung kümmern.

Dieser enorme Ansturm führte letztlich zur Entscheidung, Flüchtlingscamps einzurichten. Camps sind nicht die beste Option, aber wenn es keine andere Möglichkeiten mehr gibt, ist es schlichtweg die einzige Option. Viele andere Länder hätten ihre Grenzen längst geschlossen, doch Jordanien hat sie offen gelassen und solange werden wir versuchen die Regierung bei ihren Bemühungen zu unterstützen.

derStandard.at: In Zaatri leben derzeit 30.000 Menschen, wie groß kann das Camp eigentlich noch werden?

Harper: Wir haben Platz für circa 80.000 Menschen. Das wäre dann aber ein wirklich sehr, sehr großes Flüchtlingscamp. Daher suchen wir derzeit nach alternativen Orten, um möglicherweise in Zukunft weitere Camps zu gründen. Zaatri ist nicht unbedingt der beste Ort für ein Flüchtlingscamp, aber es ist der einzige, den wir derzeit haben.

derStandard.at: Sie waren schon sehr oft in Zaatri und kennen das Camp sehr gut. Wie ist die Situation vor Ort?

Harper: Ich werde keine Schönfärberei betreiben: Es ist hart. Es ist ein staubiger Ort in der Wüste. Hätten die Menschen eine andere Möglichkeit, wären sie wohl nicht dort. Die Flüchtlinge werden mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgt.

Um Ihnen eine Vorstellung vom Ausmaß zu geben: Wir liefern eine Million Liter Wasser ins Flüchtlingscamp, täglich. Jeden Tag werden 50.000 Mahlzeiten im Camp verteilt, es gibt fünf medizinische Einrichtungen. Es ist eine riesige logistische Operation, de facto haben wir innerhalb eines Monats eine Stadt mit 30.000 Einwohnern errichtet, und jetzt versuchen wir, diese Stadt am Laufen zu halten.

derStandard.at: Zuletzt gab es vermehrt Berichte über Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften in Zaatri. Wie gehen die jordanischen Behörden damit um?

Harper: Für die Flüchtlinge ist es eine frustrierende Situation. Viele sind demoralisiert und wissen nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Viele wollen einfach nicht in einem Flüchtlingscamp sein, in einigen Fällen schlägt diese Frustration in Konflikte um. Aber die jordanischen Sicherheitskräfte haben Außergewöhnliches geleistet. Sie versuchen vieles zu absorbieren und nicht für weitere Verärgerung unter den Flüchtlingen zu sorgen. Man sollte nicht vergessen, dass bei den Gewaltausbrüchen 28 Polizisten verletzt wurden, die Sicherheitskräfte aber trotzdem extreme Zurückhaltung gezeigt haben.

derStandard.at: Der Winter steht auch in der jordanischen Wüste vor der Tür. Wie sehen die Vorbereitungen in Zaatri dafür aus?

Harper: Wir können uns darauf nur mit den Mitteln, die wir haben, vorbereiten. Wir haben nicht genug Geld und nicht genug Zeit. Es kann zwar auch in der Wüste schneien, doch das Schlimmste werden wohl die Winde werden. Wir versuchen so viele Menschen wie möglich bis zum Wintereinbruch in Containern unterzubringen, genügend Decken zu haben und vor allem einen soliden Untergrund für das Camp zu bauen. Die große Unbekannte ist, wieviele Menschen noch über die Grenze kommen werden.

derStandard.at: Sowohl von der jordanischen Regierung als auch vom UNHCR gibt es verzweifelte Spendenaufrufe. Geht Ihnen das Geld aus?

Harper: Uns ist das Geld schon ausgegangen. Das Problem ist, dass wir mit der Flut an Flüchtlingen nicht mehr schritthalten können. Wir haben Geld bekommen und sind sehr dankbar dafür. Aber wir sind nicht mit einer gleichbleibende Anzahl an Flüchtlingen konfrontiert, sondern jede Woche überqueren Tausende mehr die Grenze. Ich bin zuversichtlich, dass wir genug Geld haben werden.

Das Problem ist, dass die Flüchtlingspopulation schneller wächst als wir neue finanzielle Ressourcen erschließen können. Wir haben zwar Unterstützung bekommen, aber nicht genug, um mit den Flüchtlingen, die schon da sind, fertig zu werden; erst recht nicht genug, um die Flüchtlinge ausreichend zu unterstützen, die noch kommen werden. All das in einer Zeit, wo der Winter vor der Tür steht. Das ist beängstigend. (Stefan Binder, derStandard.at, 19.9.2012)


Andrew Harper ist seit Februar 2012 Repräsentant des UNHCR in Jordanien und koordiniert dort von Amman aus die Arbeit des UN-Flüchtlingswerks. Davor war der australische Diplomat Koordinator beim UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten, danach Chef der UNHCR Support Unit für den Irak.

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21 Postings

Saudi-Arabien könnt ja mal für Flüchtlinge was Spenden anstatt Millionen an Djihadisten von Mali bis Syrien zu verteilen...

Wer den Krieg finanziert, kann sich auch um die Flüchtlinge kümmern...

ja das geld geht uns in europa auch schon aus

Bezug Ihres postings zur Problematik der syrischen Flüchtlinge?

completly off topic

Irgendwie schaut der Typ aus wie Matthew Perry ohne Haare

Die liebe Not

Wer 25 Millionen Euro Kopfgeld http://derstandard.at/134749282... ausgesetzt über hat, dem ist Finanzielle Not nicht zu glauben.

Denken sie immer so "vereinfachend" ? Was haben die Menschen, die vor einem Bürgerkrieg fliehen ihnen getan, dass sie sich so abwertend über diese Menschen äussern ?

lasst uns ein bissi was spenden - uns gehts eh so gut! ich fang mal mit 100 an

"Jordanien reagierte außergewöhnlich großzügig auf die Flüchtlingskrise, doch es ist ein vergleichsweise kleines Land"

Ich werde es wahrscheinlich nie verstehen. Da gibt es einen Konflikt, der seit mehr als einem Jahr die Welt beschäftigt. Es gibt Konferenzen, Initiativen, Gespräche und Hilfszusagen. Saudi-Arabien und andere geben Geld für Waffen. Der Iran unterstützt Assad. Und wer unterstützt die Flüchtlinge?
Warum ist immer Geld für Waffen da, aber nicht für Menschen?
Wer es ernst meint mit Humanität und irgendeiner Form von Intervention, sollte hier anfangen. Die Saudis haben genug Geld (für Extremisten). Oder steckt wieder das Kalkül dahinter, dass der Druck dann noch mehr steigt und man die Flüchtlinge ähnlich wie die Palästinenser nicht zurückkehren lässt, um eine Manövriermasse im nächsten Konflikt zu haben?
Diese Menschen brauchen schnell Hilfe!

Das syrische Flüchtlingscamp Zata'ari in Jordanien

http://www.youtube.com/watch?v=NEXV78enQXw

Schweiz nimmt syrische Grossfamilie auf

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/s... y/22733718

Das Geld für die Flüchtlinge sollte man aus Assads eingefrorenen Konten entnehmen.

Das Problem ist das sich weder UNO, noch die einzelnen Staaten in den Konflikt einmischen wollen. Hier gilt es zu bedenken ob das was nach Assad kommt wirklich besser ist. Es gibt sicher bereits mehrere Angriffspläne der Nato die beide Seiten, die Rebellen, wie auch Assad innerhalb kürzester Zeit ausschalten könnten. Nur denken sie mal darüber nach: Wenn die Rebellen gewinnen, was passiert dann? Die Syrier gehen um einiges aggressiver vor als die zB noch die Lybier, da wird auf beiden Seiten gebrandschatzt, geplündert und vergewaltigt. Glauben sie wirklich das die es schaffen eine ordentliche demokratische Regierung zu bilden?

"Das Geld ist uns schon ausgegangen"

Anleihen auflegen und vom Draghi kaufen lassen!

Aber nur auf dem "Sekundärmarkt"!

Danke, dass ich helfen durfte!

Der korrupte Assadsche Familienclan und Konsorten hat sicher mehr als genug Geld

Ja, aber die Saudis auch. Wenn sie Waffen schicken um Frieden in das Land zu bringen, dann sollten sie auch den Flüchtlingen ein paar Mio. Dollar spenden, aus Solidarität. Immerhin geht es den Saudis ja um das unterdrückte Syrische Volk, oder?

Ja, sicher haben die Saudis auch genug Geld

Ich denke aber, wenns ums eingemachte geht, hört sich ja doch oft die Solidarität auf. Da wird nichts geldmäßiges kommen.Aber wie Manuel Eder gepostet hat: Eine Möglichkeit wäre aus Assads Konten Geld für die Flüchtlinge zu entnehmen.

Natürlich wäre eine Möglichkeit das Geld aus Assads Konten zu nehmen.
Aber wie in Libyen ist es so, dass es nicht Gaddafis oder Assads Geld ist das eingefroren wurde. Sondern das Geld der Regierung.
Dass diese zum Teil mitverantwortlich für die Lage ist, möchte ich nicht bestreiten.

Aber was legitimiert die EU eigentlich dazu das Geld fremder Länder einzufrieren und dann auch noch auszugeben?

Genügend Länder unterstützen die 'Rebellen', inzwischen mit dreistelligen Millionenbeträgen.
Da wird von humanitäre Hilfe gefaselt aber in wirklichkeit werden Waffen geliefert.
Würde nur ein bruchteil davon den Flüchtlingen zu hilfe kommen - das wäre wirkliche humanitäre Hilfe.

Aber was legitimiert die EU eigentlich dazu das Geld fremder Länder einzufrieren?

Na ja, über diese Frage könnte man tatsächlich diskutieren.

man sollte aus der unhcr eine bank machen

denen geht ja bekanntlich nicht das geld aus. :-(

Was die UNHCR den Flüchtlingen zum Überleben gibt. Teil2

Ich habe alle Waren nach Einzelverkaufspreis taxiert und bin auf Kosten von US$ 0,50 pro Person und Tag gekommen.

Dem gegenüber stehen Lohnkosten der UNHCR Angestellten im Gebiet der Flüchtingslager von US$ 3.000 - 5.000 pro Monat. Der Tagesverdienst beträgt also zwischen US$ 100.- und 166.- Hohe Angestellte sind dabei nicht berücksichtigt.

Das sollte zu Denken geben, wenn ein UNHCR Sprecher behauptet, daß es kein Geld mehr gäbe.

Euer frustrierter

Pepi Berger

Was die UNHCR den Flüchtlingen zum Überleben gibt. Teil1

Dies ist ein offizielles UNHCR Dokument im Exel-Formular.

Food & Non-Food Assistance Package with Price

1. WFP Basic Food
Item Description Qty /person/2 month
1 Rice 25 kg
2 Lentils 5 kg
3 Oil 2 lit

2. UNHCR Complementary Food
Item Description Qty /person/2 month
1 Sugar 2 kg
2 Tea 450 gm
3 Spaghetti 2 kg
4 Tomato paste 1 kg
5 Bulgur 2 kg

3. UNHCR Non-Food Items
Item Description Qty/person
1 Mattresses 1 pcs
2 Blankets 1 pcs
3 Quilts 1 pcs
4 Bed Sheets with pillows 1 pair
5 Soap 1 bar (250 gm)
6 Laundary Detergent 1 kg
7 Dish washing Detergent 1 kg

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