Bettelmigration als Naturkatastrophe: Studie analysiert Medienbilder

18. September 2012, 13:38
  • Protest gegen das Bettelverbot in Graz im Februar 2011.
    foto: apa/leodolter

    Protest gegen das Bettelverbot in Graz im Februar 2011.

Vergleich von Medienberichterstattung mit sozialer Realität anhand des Beispiels Graz - Katastrophenbilder erzeugen Bedrohungsszenarien

Wien/Graz - "Bettlerflut", "Einwanderungswelle" oder "Belagerung" - Medien und Politiker setzen Migration häufig mit Naturkatastrophen gleich oder verwenden militärische Begriffe. Am Beispiel der Bettelmigration von Menschen aus der Südslowakei in die Steiermark untersucht eine Studie den Umgang von Printmedien mit diesem Phänomen sowie die tatsächliche soziale Praxis. "Das Bedrohungsszenario, das in den Medien konstruiert wird, findet sich in der Realität auf der Straße nicht wieder", erklärte Barbara Tiefenbacher, Slawistin und Romistin an der Universität Wien. Ihre Ergebnisse wird sie im Rahmen der am Dienstag beginnenden 2. Jahrestagung zu Migrations- und Integrationsforschung in Österreich in Wien präsentieren.

Bis zum Inkrafttreten des Bettelverbots im Mai 2011 kamen Menschen aus der Südslowakei, häufig Roma, im Zwei- bis Drei-Wochen-Rhythmus nach Graz, so Tiefenbacher, die zahlreiche Interviews mit Bettlern durchgeführt hat. In Graz übernachteten sie meist in Notschlafstellen, untertags bettelten sie auf der Straße. Das diente dem schlichten Gelderwerb, so Tiefenbacher weiter, daheim wurde das Geld in Lebenserhaltungskosten investiert, Notsituationen wie Krankheit finanziell ausgeglichen oder die Ausbildung der Kinder und Enkelkinder ermöglicht. Reich sei damit aber niemand geworden, der durchschnittliche Verdienst habe zwischen drei und dreißig Euro am Tag betragen - je nach Wetter und Standort.

"Menschen werden austauschbar"

Nach Graz migrierten sowohl junge als auch ältere Menschen, Männer und Frauen. Viele der älteren hatten eine normale Erwerbsbiografie im Kommunismus hinter sich. "Meist fuhr jene Person nach Graz, die im Haushalt am entbehrlichsten ist", sagte Tiefenbacher. Deshalb sah man auch Männer oder Großmütter. Organisiert sei dabei niemand gewesen, abgesehen von Fahrgemeinschaften und geteiltem Benzingeld, so die Wissenschafterin.

Die Wahrnehmung der Medien sehe allerdings ganz anders aus. "Generell werden alle Bettler zu Roma und alle Roma zu Bettlern", stellte Tiefenbacher fest, "die Menschen werden austauschbar und zum Kollektiv, ihnen wird die Individualität abgesprochen." So entstehen Begriffe wie "Bettlerflut", "Einwanderungswelle" oder "Belagerung".

Von Fakten losgelöst

Ihr Kollege, Stefan Benedik, Historiker an der Universität Graz, hat sich mit zwanzig Jahren Medienberichterstattung zum Thema Bettelmigration auseinandergesetzt. "Die Tradition, von Migranten als Naturkatastrophe zu sprechen, ist nicht auf Bettelmigrationen beschränkt. Damit signalisiert man: Migration ist katastrophisch, bedrohlich und muss bekämpft werden", so Benedik. Diese Imagination von Bedrohung sei völlig losgelöst von den Fakten, sagt Benedik. Auch in der Medienberichterstattung selbst sei oftmals im selben Bericht von "Massen" und von "etwa zwanzig Menschen" die Rede.

Die Argumentation und der Vorwurf, die Bettler in Graz würden einer Masse angehören, seien organisiert und kriminell, "entspricht dem Wunsch, Argumente gegen Bettelei zu finden und die Bettler zu Täter zu machen", erklärt Benedik. Dabei würden sich diese Bilder und Vorwürfe von mafiaähnlichen Organisationen und Menschenhandel in allen Medien finden: In katholisch geprägten Zeitungen genauso wie in Qualitätsmedien und im Boulevard. An den gleichen Stellen gebe es jedoch auch durchaus um Verständnis bemühte, seriöse Berichterstattung. "Die kann jedoch die Macht der Bilder kaum entkräften", so der Historiker.

Die Erhebungen von Tiefenbacher und Benedik, die demnächst auch in Buchform erscheinen, fanden vor Einführung des allgemeinen Bettelverbots 2011 in Graz statt. Heute vermutet Benedik eine schlechtere Überschaubarkeit der Situation und eine Veränderung der Herkunftsländer der Bettelmigranten. Wissenschaftlich seien die Auswirkungen des Verbots jedoch noch nicht erforscht. (APA, 18.9.2012)


Link

2. Jahrestagung zu Migrations- und Integrationsforschung in Österreich, 18. und 19. September, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz Seipl Platz,

Stefan Benedik, Barbara Tiefenbacher und Heidrun Zettelbauer: "Die imaginierte 'Bettlerflut'. Konstruktion, Organisation und Positionierungen in temporären Migrationen von Roma und Romnija", Verlag Drava, 96 Seiten, 14, 80 Euro, ISBN 978-3-85435-689-9

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25 Postings
zwischen 3 und 30 euro am tag

macht ein Maximum von 930 Euro im Monat, bei einer gleichen durchschnittlichen Verteilung sind das immer noch 511 Euro. Unversteuert.
ist jetzt noch die Frage, wie lange ein "Arbeitstag" dauert und was hier als Stundenlohn 'rauskommen würde...

Allerdings ...

... ohne Kälteschutz im Winter, ohne Versicherung, kein Urlaub, kein 13. u. 14. Monatsgehalt, und die Kälte der Menschen muss auch ertragen werden. Eigentlich sollte ein Magistratsbeamter durch die Stadt ziehen und jedem Bettler 20 € alleine für die CO²-Einsparung aushändigen, einmal pro Monat. Teuerungen muss man auch berücksichtigen - Je teurer das Bier, um so weniger geben die netten Leute. Es gilt nach wie vor: Ein Lächeln am Morgen
vertreibt Kummer und Sorgen.

Mir wurde gerade erzählt, dass ein Bekannter von mir vorgestern auf der Mariahilfer Str. aufgehalten und des Bettelns beschuldigt wurde. Soweit so klar, er ist Roma und über die Beschuldigung könnte man diskutieren. Aber was sehr eigenartig anmutet: die 80 Euros, die er bei sich hatte, wurden von den Polizisten einbehalten. Dürfen die das ? Zudem hat er auch einen Strafverfügung bekommen über weitere 120 Euro. Wo kann ich mich da genau hinwenden, wenn ich das hinterfragen möchte ?

meine mutter wollte mal einem bettler (mit hunger-schild) eine jause kaufen.

die hat sich was anhören können....

immer diese Gschichteln.. so oft, wie das hier steht, muss das ja unglaublich oft passieren. Ich geb Bettlern oft Essen, und bisher hat sich ausnahmslos jeder dafür bedankt, Sicher haben manche noch versucht, auch Geld rauszuschlagen, aber beschwert hat sich keiner.

ich wollte einem mal ein stück pizza geben, er wollte aber nicht.

vielleicht hat ihm ja vor mir gegraust, kann ja sein.

Es ist jetzt eine Wohltat

durch die Herrengasse flanieren zu können.

Die neoliberale Politik der Slowakei hat die Probleme verursacht, daher gehören sie auch dort gelöst und nicht durch Betteln in Graz.

Wer im Ausland bettelt bringt Schande über sein Land. Sollen sie in Bratislava betteln und von mir aus für eine vernünftige Sozialpolitik demonstrieren.

Warum soll Graz für eine verfehlte Politik anderswo büßen müssen?

Wieso müssen sie büßen, wenn gebettelt wird? Sie müssen ja keinem was geben.

Was meinen Sie mit "büßen"?
Ist der Leidensdruck durch Bettler denn wirklich so groß, dass wir mutmaßlich sehr bedürftigen Menschen eine der letzten Einkommensmöglichkeiten verwehren müssen?
Die neoliberalistisch inszinierte Gehirnwäsche der letzten zwei Jahrzehnte hat nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse millionen von Menschen prekär gemacht, sondern auch unsere Gemüter verhärtet.

Ja

wenn in einem Staat 40 % der erwirtschafteten Arbeitseinkommen direkt in die soziale Absicherung fließen, was auch gut so ist, dann sehe ich nicht ein, warum sich dessen Bürger alle 5m exportierte, hier nich verschuldete Armut anschauen müssen.

Betteln ist keine Lösung!

Erschreckend, welche sozio-emotionalen Grubenmolche der österreichische Überfluss-staat hervorbringt. Die österreichische Tea-Party erfreut sich stetigen Zulaufs. Das ist die einzige Schande im Kontext mit Betteln.

Armut anschauen müssen, das tut schon weh, gell? Habens schon mal darüber nachgedacht, warum das so wehtut und ob es wegleugnen wirklich eine menschliche Alternative ist?

Sie bleiben die Antwort schuldig,

warum diese Leute genau hier betteln sollen. Wir haben deren Leid nicht verursacht und das Betteln ist keine Lösung. So schwer zu verstehen?

Genau! Eure Armut kotzt mich an!

Was wäre denn Ihrer Meinung nach eine Lösung und was würden Sie - als viel reicheres Land - zu deren Hilfe beitragen?

Die Lösung liegt in der Slowakei

1. Neoliberale Politik aufgeben
2. Lücken im Sozialsystem schließen
3. Aus- Weiterbildung für die Betroffenen
4. Beenden der Ausgrenzung (Mentalitätswandel)

Und bis das alles erledigt ist, erlauben wir uns die Arroganz, denen nicht mal einen Bettelplatz bei uns auf der Straße zu gönnen?

wo sollen sie sonst betteln, dort wo die anderen leute auch kein geld haben?

Wäre mir neu,

dass die Leute in Bratislava auch kein Geld haben

Um die Weihnachtzeit im Jahr 2004 saßen zwei c.a. achtjährige Kinder vor dem Kastner. Ohne Schuhe, barfuß. Und das fand ich, mit Verlaub, verlogen: in Ö muss kein Kind ohne Schuh laufen. Wenn wirklich kein Geld dafür da ist, gibt es Sachen von der Caritas.

Dass man das Betteln mit Kindern danach verboten hat, geht in Ordnung.

Wenn Erwachsene die Strapaze auf sich nehmen, und den ganzen Tag in der Kälte aushalten, dann sollen sie es auch dürfen. Es wird ja niemand zum Spenden gezwungen.

Ich habe nichts gegen ruhig bettelnde Menschen, die herumsitzen, aber viel gegen aggressives Betteln, das in Wien sehr verbreitet ist. Einige selbst erlebte Beispiele:

Zeitungsverkäufer, die bei Ablehnung um "eine Spende" betteln.
Direkte Aufforderung: "I am an african student and need money...", "Ich bin eine Romni, wollen Sie mir nicht etwas spenden?", "Ich bin bestohlen worden und benötige Geld für eine Fahrkarte nach...". In der favoritenstrasse verstellen einem Männer mit Krücken ( die 5 Minuten davor problemlos ohne diese herumgelaufen sind) den Weg und fordern einen zum geben auf, in de ru-Bahn wird man von schlecht spielenden Musikanten belästigt usw.

Bei Ablehnung wird man teilweise laut beschimpft.

Ich schenk solchen Leuten immer ein Lächeln und winke ab - noch nie wurde ich beschimpft oder wurde jemand mir gegenüber aggressiv, ganz im Gegenteil, haben mir ein Lächeln zurückgeschenkt.

Was an Ihren Beispielen ist bitte aggressiv?

Richtig ist, dass das Betteln unangenehm ist. Allerdings genügt nach meiner Erfahrung ein schlichtes "Nein!", um den Bettler abzuweisen.

Am schlimmsten finde ich aber die in der Linzer Innenstadt herumlungernden Punks: "Hast du ein paar Münzen für mich?" Nein, hab ich nicht! Warum auch...
Die Punker sollen hackln gehn, Geld ist dann part of the game.

Die sind jung und können arbeiten, ich sehe nicht ein diese mit dem von mir erarbeiteten Geld zu beschenken. Da geb ichs lieber den Roma, oder dem VGT.

lg mensch

Ist mir noch nie passiert, bei mir hat ein klares Nein immer gereicht!

stimmt, bei Missbrauch von Kindern egal welcher Art hört sich jedes Verständnis auf.

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