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vergrößern 538x800Joannis Avramidis zählt zu den wichtigen europäischen Bildhauern: "Das Abstrakte wurde zur Genüge vorexerziert."
Wien - Documenta, Biennale von Venedig, Großer Österreichischer Staatspreis, nun das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich. Dennoch. "Es genügt nicht, dass man vielleicht etwas Besonderes macht", sagt Joannis Avramidis, "es muss auch einer sehen. Gerade das Besondere sehen aber viele nicht." Vermutlich ist das der Grund, weshalb weder das Mumok noch das Belvedere noch die Albertina den Bildhauer zu seinem 90. Geburtstag am 26. September mit einer Ausstellung ehren. Das tut das Kunsthistorische Museum: In der Antikensammlung (bis 2. 2. 2013) halten Avramidis' Köpfe, Figuren und Figurengruppen Zwiesprache mit antiken Skulpturen. Gut so, denn wenn, dann lassen sich in seiner Kunst Bezüge auf die frühe Antike herstellen.
"Das ganz Abstrakte, auf nichts Bezogene wurde zur Genüge vorexerziert, Gefühl oder Geschmäcklerisches ist zu wenig, es braucht ein Objekt. Aber natürlich muss man von der Natur abstrahieren. Ganz naturalistische Dinge sind wertlos, das gab's weder in der Antike noch in der Renaissance; eventuell im 19. Jahrhundert, das hat aber zu einer ungeheuren Schwäche in der Darstellung des Menschen geführt", sagt Avramidis, der zunächst Malerei studierte, ehe sein bildhauerisches Talent eher zufällig von Fritz Wotruba entdeckt und gefördert wurde. Und der später selbst, zwischen 1968 und 1992, die Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste leitete.
Kein bisschen altersmüde, führt er durchs Atelier, natürlich arbeite er noch immer, allerdings nicht mehr so viel wie früher, vor allem, weil er seine um viele Jahre jüngere, schwerkranke Frau selbst zu Hause pflegt. Er erläutert die geometrischen Berechnungen und Konstruktionen, das System aus vertikalen und horizontalen Platten, die Kreissegmente, das Richtungskreuz als wichtigste räumliche Orientierung, die skulpturalen Skelette aus geschichteten Metallplatten, seine überlebensgroßen Skizzen, die grundlegend andere Herangehensweise an stehende und bewegte Figuren. Sie sind, sagt er, wie bewegte Linien im Raum: "Die Linie ist das Erste, wenn wir an die Bewegung denken."
Einzigartig seine Polis, die Bürgerversammlung aus streng konstruierten, aneinandergeschmiegten Rundfiguren: "Was Rodin gemacht hat, waren verschiedene Figuren. Aber bei der Polis müssen alle gleich sein", sagt Avramidis, dessen Lebensgeschichte von den humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt ist: Seine griechischen Eltern lebten in der Türkei, flohen aber nach dem griechisch-türkischen Krieg nach Georgien, wo Joannis Avramidis 1922 geboren wurde. Wenige Monate später wurde Georgien der neugegründeten Sowjetunion einverleibt, 1937 der Vater von Stalin-Schergen verhaftet.
Die Mutter floh mit den vier Kindern 1939 nach Griechenland, vier Jahre später, 1943, wurde der damals 21-Jährige von den Nazis als Zwangsarbeiter nach Österreich verschleppt: "Unterwegs wurden immer wieder Leute aus dem Zug geholt. Mich hat es in Wien ereilt, wo ich in einer Waggonfabrik in Simmering arbeiten musste."
Nach Griechenland zurückkehren wollte er nie, "es war ja nie mein Zuhause, höchstens vom Ethnischen her. Doch ich empfinde es als eine gewisse Pflicht, dass ich etwas tu." Er, der lange Jahre ein bitterarmes Dasein führte, von zwei Euro am Tag lebte, überwies von seinen ersten großen Einnahmen umgerechnet rund 50.000 Euro zur Rettung der Akropolis.
Nein, Joannis Avramidis ist kein lauter Künstler. Aber er ist, in jedem Sinn des Wortes, ein guter Künstler. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 18.9.2012)
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