So klug kombinieren Geradschnabelkrähen

  • Die kluge Krähe isst mit Stäbchen – und denkt dabei.
    foto: mick sibley

    Die kluge Krähe isst mit Stäbchen – und denkt dabei.

Darwin dürfte mit seinen Spekulationen recht gehabt haben: Die schwarzen Schlaumeier sind fähig, über verborgene Ursachen nachzudenken - mit Video

Washington/Wien – Schon der große Charles Darwin machte sich seine Gedanken über das Phänomen, das einigen Tierbesitzern nicht unbekannt sein dürfte: In seinem Klassiker "Die Abstammung des Menschen" (1871) spekulierte der englische Naturforscher darüber, ob Hunde, die einen herrenlosen, sich im leichten Wind fortbewegenden Regenschirm anbellen, sich womöglich Gedanken über einen verborgenen Beweger des Schirms machen würden.

Das würde auf komplexes Denken schließen lassen, denn im Grunde ist das Räsonieren über verborgene Ursachen ja auch die Voraussetzung für religiöses Denken. Wir Menschen sind dazu schon sehr früh fähig: Bereits Babys im Alter von sieben bis zehn Monaten wundern sich, wenn hinter einem Schirm ein Jonglierball hervor geworfen wird und – nach Verschwinden des Schirms – ein unbelebtes Ding zum Vorschein kommt, anstatt zum Beispiel einer Hand.

Bei Tieren standen experimentelle Bestätigungen des Nachdenkens über verborgene Ursachen bisher noch aus, auch wenn es etliche einschlägige Beobachtungen gibt, die darauf schließen ließen. Doch nun gelang der Beweis – und zwar nicht etwa mit unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, sondern mit Geradschnabelkrähen, die auf einer Insel im Südpazifik westlich von Australien leben.

Dass die glänzend-schwarzen Gesellen ziemlich hell im Oberstübchen sind, ist der Wissenschaft seit langem bekannt: Geradschnabelkrähen verwenden verschiedene Werkzeuge, essen quasi mit Stäbchen, können sich selbst und Menschen erkennen und kapieren einige Grundprinzipien der Physik. Wie aber beweist man, dass die gefiederten Schlaumeier über verborgene Ursachen nachdenken und logisch kombinieren können?

Alex Taylor und Russell Gray von der University of Auckland (Neuseeland) sowie ihre an der Uni Wien tätige Kollegin Rachael Miller dachten sich dazu folgendes Experiment aus: Insgesamt acht Krähen sollten sich mit einem Stäbchen Futter aus einem Holzstück herausfischen, doch konnten sie dabei gestört werden: Unmittelbar vor dem Holzstück war eine Wand mit einer Öffnung.

Bis zum ersten Versuch blieb es in der Öffnung ruhig, und die Krähen kamen unbehelligt an ihr Futter. Dann konnten die Krähen beobachten, wie eine Forscherin in ihren Käfig kam, hinter der Wand verschwand, ein Stecken durch die Öffnung kam und sich bedrohlich bewegte. Dann verschwand der Stab und die Forscherin kam wieder hinter der Wand hervor. Die Krähen schlossen daraus, dass ein Mensch hinter der Stabbewegung stecken musste, beachteten die Öffnung nicht weiter und kümmerten sich mit dem eigenen Stäbchen um ihr Essen.

In der zweiten Versuchsreihe mussten die Krähen dann mitansehen, wie der Stecken ohne offensichtlichen Grund durch die Öffnung kam und sich bewegte. Als die Krähen anschließend nach dem Futter stocherten, unterbrachen sie dies rund ein Dutzend Mal, um das Loch im Auge zu behalten.

Wie die Forscher im Fachblatt PNAS folgern, düfte Darwin mit seinen Spekulationen also recht gehabt haben – und das tierische Nachdenken über verborgene Ursachen sehr viel weiter verbreitet sein als bisher gedacht. (tasch, DER STANDARD, 18.9.2012)

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