"Tatort Kinderheim": Erziehungsheime waren "Zentren der Gewalt"

17. September 2012, 11:54
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Hans Weiss hat in seinem neuen Buch Vorgänge in 135 Einrichtungen untersucht und liefert einen erschütternden Befund

Wien - Bis weit ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hinein waren die Kinder- und Jugendheime in Österreich "Zentren der Gewalttätigkeit und des sexuellen Missbrauchs". Zu diesem Befund kommt Hans Weiss in seinem Buch "Tatort Kinderheim", das am Montagabend in der Wiener Hauptbücherei präsentiert wird. Bei einigen Heimen habe es sich um regelrechte "Kindergulags" gehandelt, hält Weiss fest.

Der mit Titeln wie "Bittere Pillen", "Schwarzbuch Markenfirmen - Die Machenschaften der Weltkonzerne" und "Schwarzbuch Landwirtschaft" bekanntgewordene Autor hat für sein aktuelles Buch die Vorgänge in 135 Heimen und Internaten untersucht. Mit 45 Zöglingen, die psychische, körperliche und sexuelle Gewalt erlebt haben, hat Weiss persönlich gesprochen. Der Autor hat auch Täter und Täterinnen mit den gegen sie erhobenen Vorwürfen konfrontiert.

Sein Bericht fällt erschreckend aus. Mehr als 100.00 Kinder und Jugendliche sind seit 1950 durch geistliche und weltliche Erziehungsheime gegangen, wo etliche von ihnen weitgehend hilflos struktureller Gewalt zum Opfer fielen. Sie hätten Demütigungen, Übergriffen und Folter über sich ergehen lassen müssen, wobei weibliche Erzieher genau so grausam gewesen seien wie Männer. Buben seien eben so häufig vergewaltigt worden wie Mädchen. Einige Institutionen wie das Klosterheim Edelhof in Rohrbach an der Gölsen (Niederösterreich) entwickelten mit dem "Beinahe-Ertränken" eigene Foltermethoden.

Amputationen und Stromstöße

In der psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation Innsbruck wurden einem fünfjährigen Mädchen wegen vorgeblichen Onanierens zwei Fingerglieder amputiert. Kinder, die in die Hose machten, wurden dort mit Stromstößen "behandelt". Dutzende Minderjährige bekamen das Hormon Epiphysan gespritzt oder wurden Versuchen mit Röntgenstrahlen ausgesetzt.

Kam es in kirchlichen Heimen oder Internaten zu Übergriffen, waren diese laut Weiss in zwei Drittel der Fälle sexuell motiviert. Im Klostergymnasium Mehrerau im Bregenzerwald trieb ein Pater sein Unwesen, der bereits 1967 wegen sexuellen Missbrauchs eines dreizehnjährigen Buben gerichtlich verurteilt worden war. Obwohl er weiter an Heimkinder missbrauchte, wurde der Mann 1981 sogar zum Internatsleiter bestellt.

1982 vergewaltigte der Pater erneut einen Buben. Er wurde in weiterer Folge vom Mehrerauer Abt suspendiert. Der Abt brachte die Eltern des Buben dazu, auf eine Anzeige zu verzichten, indem er ihnen versicherte, der Pater werde keinen Kontakt zu Kindern mehr haben und keine Messen mehr lesen.

Unbehelligter sexueller Missbrauch

Nachdem der Pater nach Tirol versetzt worden war, wurde aber seine Suspendierung nur ein paar Monate später wieder aufgehoben, weil er sich einer Psychotherapie unterzogen hatte und seinen Angaben zufolge von seinen pädophilen Neigungen "vollends geheilt" war. Der Kinderschänder bekam in einem Dorf im Ötztal eine Pfarre übertragen und durfte wieder Kinder betreuen und Religionsunterricht erteilen.

Obwohl insgesamt drei Innsbrucker Bischöfe die Vorwürfe gegen den Geistlichen kannten und sich das 1982 missbrauchte Opfer mit seiner Leidensgeschichte sogar persönlich an den damaligen Innsbrucker Oberhirten und nunmehrigen Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser gewandt haben soll, blieb der Pater unbehelligt. Selbst als die Staatsanwaltschaft Feldkirch 2004 neuerlich Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs aufnahm und der Verdächtige im Zuge einer Einvernahme gestand, in Mehrerau "fünf bis zehn Schülern" missbraucht zu haben, blieb er im Ötztal Pfarrer. Erst 2010 wurde er suspendiert, nachdem zahlreiche weitere Opfer des Paters an die Öffentlichkeit gegangen waren und zwei von ihnen das Kloster Mehrerau zivilrechtlich auf Schadenersatz geklagt hatten.

Justiz mitverantwortlich

Weiss macht deutlich, dass er in all jenen Fällen, wo Vorgesetzte und Verantwortungsträger die Zustände in den ihnen unterstehenden Institutionen kannten bzw. kennen mussten, für mitschuldig am Leid der betroffenen Kinder und Jugendlichen hält. Zu den "Schreibtischtätern" rechnet Weiss demnach auch die jeweiligen Justizminister, denen bis 1974 die berüchtigten Erziehungsheime Kaiser Ebersdorf und Wiener Neudorf direkt unterstanden. Auch der prominente Wiener Psychiater Erwin Ringel, der von 1952 bis Anfang der 1970er-Jahre im Mädchenheim Wiener Neudorf als beratender Psychiater tätig war habe von der "vorbildlichen Arbeit der geistlichen Schwestern " geschwärmt, während die untergebrachten Mädchen in Wahrheit rohe Gewalt erdulden und unbezahlte Zwangsarbeit verrichten mussten.

Weiss' Fazit: "Wer Berichte ehemaliger Zöglinge über den Alltag in dieser Erziehungsanstalt liest, muss zu dem Schluss kommen, dass Professor Ringel während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit offenbar mit geschlossenen Augen durch die Anstalt tappte und die Realität nicht wahrnahm oder nicht wahrnehmen wollte." (APA, 17.9.2012)

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