Kletterkurs auf der Hohen Wand

Ganz in der Nähe Wiens lernt man Klettern nach allen Regeln der Kunst. Martin Prinz hat sich an- und abgeseilt

Der Rand der Alpen im Osten ist eine kleine grüne Wiese. Ein Strand aus Gras vor einem Meer aus Luft. So sitzt man am Morgen vor dem Hubertushaus da, sieht auf die kleinen Bauerndörfer am Meeresgrund hinunter, auf Kirch- und Feuerwehrtürme und den Morgendunst über dem Grün der Futterwiesen, dem Hellbraun der Äcker und dem letzten Nachtschwarz der vereinzelten Wälder.

Eine Espressomaschine ist aus der Küche zu hören, sonst ist es in der Hütte noch still, nur der Hüttenwirt ist leise vor den Eingang getreten und atmet durch, bevor in den Lagern und Zimmern das Rumoren beginnt.

Es ist Kletterkurswochenende, wie es auf der Hohen Wand an jedem Wochenende im Spätfrühling und Sommer ist. Gleich werden sie die großen Holztische vor der Hütte bevölkern, die Anfängerkurse, die Familienkletterkurse, die Klettersteiggruppe oder die der Fortgeschrittenen.

Je nach Alpenvereinssektion von staatlich geprüften Bergführern oder ebenso staatlich geprüften Kletter-Instruktoren geleitet, duzen sich hier bunt zusammengewürfelte Menschen, die es auf so unterschiedliche Weise, wie ihnen ihre Temperamente, ihre Sehnsüchte oder Lebensgeschichten es vorgeben, alle dorthinaus zieht, wo der kleine grüne Strand in die Felsen der Hohen Wand abbricht.

Nach Halt suchen

Es geht um das Senkrechte, auch wenn es einem im zweiten oder dritten Schwierigkeitsgrad zumeist bloß im Verhältnis zum eigenen, nach Halt suchenden Körper so senkrecht vorkommt, während man aufgrund der tatsächlichen Felsneigung nicht einmal einen guten Meter ins Rutschen käme, verlöre man tatsächlich Griff und Tritt.

Trotzdem geht es beim Blick zwischen den eigenen Beinen hindurch weit genug hinunter für das Gefühl, anstatt eines Bodens unter den Füßen nur mehr eine steile Felswand vor dem eigenen Körper und seinen im Alltagsleben oft nur allzu maskierten Urinstinkten zu haben.

Mastwurfknoten, Achter und Halbmastwurf - nicht nur blutigen Anfängern gehen nach dem ersten Kurstag die Namen der Sicherungsknoten und die zugehörigen Finger- und Handbewegungen durch den Kopf, während man sein Tischgegenüber höflicherweise fragt, was er denn so mache, es in Wirklichkeit jedoch nicht unbedingt wissen will, so unübersehbar war er am Vortag einer, der immer nur Erster sein kann.

Noch aber ist keiner da. Der Himmel ist blau. Die Sonne steigt langsam, und die Wahrscheinlichkeit, dass alles, was man am anderen nicht mag, in einem selbst steckt, ist hoch.

Schule der Ruhe

Klettern ist zwar immer auch Abenteuer, vor allem aber ist es eine Schule des Vertrauens, der Verantwortung und der Ruhe. Am gefährlichsten sind stets die Meter bis zur jeweils ersten Zwischensicherung. Nur das Setzen dieser einen Expresse sollte der am Stand sichernden Kletterpartnerin oder dem Kletterpartner noch laut und deutlich mitgeteilt werden, erklärte uns der Bergführer im Unterschied zu dem bislang in Kletterkursen Gelernten: Danach müsse nichts mehr gesagt oder gar geschrien werden. Stattdessen ziehe man das Seil nach dem Setzen der Selbstsicherung am nächsten Standplatz einfach untypisch schnell und weit ein, gute fünf Meter etwa, lasse es gleich darauf wieder fallen, was ebenfalls keiner anderen Kletterbewegung entspreche, sodass die Partnerin am letzten Standplatz unabhängig aller akustischen Verhältnisse beruhigt die Sicherung des bisherigen Vorsteigers auflösen könne, der daraufhin das Seil einhole, bis er an den Sicherungsknoten der nun mit dem Nachstieg an die Reihe Kommenden stoße. - Das vor Augen, könne diese nun die Selbstsicherung durch den Zug von oben ersetzen und nachkommen.

Und es hatte tatsächlich funktioniert, ohne jedes Schreien, besser als je davor. Mithilfe eines Seils, das einen eben nicht bloß gegenseitig versichert und bindet, sondern das Eigene dem anderen übersetzt, und umgekehrt. Auf eine Weise, die einem nicht nur in der Senkrechten etwas erzählt, für das tatsächlich manchmal jedes Wort zu viel ist. (Martin Prinz, Album, DER STANDARD, 15.9.2012)

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