Diversity: Von der Rhetorik zur Realität

  • Vielfalt
 managen: Gleichstellungskämpferin Manuela Vollmann (abz*), Ursula 
Rosenbichler, Attila Zia (Erste Bank), Helene Pigl (Justizanstalt 
Josefstadt), Barbara Blaha (Momentum), Johanna Hummel- brunner (Bosch 
Österreich) (v. li.).
    foto: standard/christian fischer

    Vielfalt managen: Gleichstellungskämpferin Manuela Vollmann (abz*), Ursula Rosenbichler, Attila Zia (Erste Bank), Helene Pigl (Justizanstalt Josefstadt), Barbara Blaha (Momentum), Johanna Hummel- brunner (Bosch Österreich) (v. li.).

Der rhetorische Umgang mit "Diversity" ist offen und willig. Wie heterogen das Verständnis und der Entwicklungsstand sind, zeigte eine Matinée im Wiener Haus der Gleichstellung

"Diversität ist nichts Romantisches, sie braucht die Auseinandersetzung, und mit Widerständen ist zu rechnen", sagt Migrationsforscher Mark Terkessidis. Es gebe zwar eine rhetorische Offenheit, in der Realität bewege sich aber wenig, sagt er. Denn es gehe nicht darum, bestimmte Gruppen zu vermessen und zu schauen, wo sie von der Norm abweichen, sondern vielmehr darum, den individuellen Referenzrahmen der Person zu erkennen. "Niemand ist nur Frau oder nur Migrant", ergänzt er. Und Organisationen müssen sich an die Vielfalt anpassen und nicht umgekehrt.

Bei der zweiten Matinee anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Gleichstellungsvereins abz*Austria wurde das Thema auch vielfältig beleuchtet. Petra Gregorits, Vorsitzende von Frau in der Wirtschaft Wien, hat auch Zahlen parat. Jedes dritte Unternehmen in Wien werde von Personen mit Migrationshintergrund gegründet, 38 Prozent seien Frauen.

Plattes Diversity Management arbeitet mit Klischees

"Bis 2017 soll der Anteil auf 50 Prozent erhöht werden. Dafür muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert werden", sagt Gregorits. Das Berufsbild Diversity-Manager sei im Trend und werde von der Sehnsucht getrieben, sich dem verändernden Umfeld anzupassen, sagt Ursula Rosenbichler, Expertin für Gender und Diversity, bei der anschließenden Diskussion. "Dabei muss sich das Unternehmen nur eine Frage stellen: Sind meine Strukturen so, dass es zu einem systematischen Ausschluss von Personen kommt, deren Kompetenzen ich eigentlich brauche?", sagt sie. Für die Beantwortung brauche es aber Raum und Zeit. "Plattes Diversity-Management arbeitet mit Zuschreibungen", sagt sie. Genderfragen werden gegen Diversity-Themen ausgespielt.

Für Barbara Blaha, Gründerin und Leiterin des Polit-Kongresses Momentum, sind beides keine konkurrierenden Themen, sondern eher eine Vernunftehe. Und: "Schulungen zum Thema Diversity lassen sich leichter verkaufen als zum Thema Frauenrechte, und inhaltlich ist es ja kein Ausschluss." abz*-Gründerin und Geschäftsführerin Manuela Vollmann gibt sich in der Benennung auch begrifflich offen: Letztliche gehe es um Gleichstellung, sagt die unermüdliche Feministin.

Diversität ist nicht nur Trennung sondern auch Gemeinsamkeit

Diversity hat viele Dimensionen, und Frauen sind eine davon, der man sich bei der Bosch-Gruppe Österreich im Besondern widmet, sagt die Personalleiterin Johanna Hummelbrunner. So werden die Abschlussquoten an technischen Hochschulen nach Geschlechtern erhoben. "Bei der Rekrutierung, möchten wir eine 20-prozentige höhere Quote als die Abschlussquote der Hochschule", erklärt sie. Veränderungen kommen aber nicht von heute auf morgen, dafür brauche es konsequentes Arbeiten.

Für Attila Zia, Leiter für Zielgruppenmarketing, Erste Bank, ist Diversität nicht nur Trennung sondern auch Gemeinsamkeit. Aber dafür müsse sich auch unser Mindset ändern, müssten Bewertungen einmal hintangestellt werden: Wenn Diversity-Management nur als Feigenblatt herhalten soll, wird das schnell durchschaut."

Helene Pigl, Leiterin der Justizanstalt Josefstadt, hält ihre Vollzugsanstalt für recht fortschrittlich im Umgang mit Diversität, sagt sie zum Management von Gefangenen aus 54 Nationen mit 49 Sprachen und kulturell wie religiös sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Optimal, keine Frage, so Pigl, wäre: "Wenn Diversity-Management nicht mehr gebraucht wird." (Gudrun Ostermann, STANDARD, 15./16.9.2012)

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