Spiel mit dem Feuer

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  • Gedenken an den US-Botschafter in Libyen, Chris Stevens, vor der US-Botschaft in Tirana, Albanien.
    foto: epa/armando babani

    Gedenken an den US-Botschafter in Libyen, Chris Stevens, vor der US-Botschaft in Tirana, Albanien.

Missbrauch von Symbolbildern - gezielter Zynismus oder fatale Fahrlässigkeit

Der Missbrauch von Symbolbildern kennt kaum noch Grenzen. Was den einen heilig ist, dient anderen für Spott und Hohn. Bar jeden Skrupels. Jüngstes Beispiel: die Verunglimpfung des Islam durch einen bedenkenlos hin gerotzten Film amerikanischer Wichtigtuer. In Libyen kostete dieses Machwerk US-Diplomaten das Leben, die Bedrohung anderer Botschaften geht in anderen Ländern weiter. Ein Flächenbrand wurde losgetreten, nicht minder skrupellos und völlig außer Rand und Band. Westliche Vertretungen werden attackiert, Pauschalverurteilungen gefällt, Menschen mutwillig getötet wegen eines in den USA privat produzierten Videos. Keine Religion heißt so etwas gut.

In Europa zieht der Zynismus andere aber nicht minder fatale Kreise. Hier wie dort wird ein fahrlässiges Spiel mit dem Feuer betrieben. In Europa vor allem beim Schüren scheinbar vergangener Ressentiments und der Verletzung entsprechender Tabus.

Estland. "Ein, zwei, drei ... die Diätpillen von Doktor Mengele bewirken Wunder. In Buchenwald gab es keine Übergewichtigen". Eine Print-Anzeige in der Wochenzeitung "Eesti Ekspress". Illustration: Auf Haut und Knochen abgemagerte KZ-Häftlinge. Nach scharfen Protesten entschuldigt sich "Eesti Ekspress": das Inserat sei ein "antifaschistischer Witz" gewesen, eine "Scherz-Anzeige" auf der Satire-Seite des Blattes, die das estnische Unternehmen Gas TermEesti ins Visier genommen habe. Dieser Gasanbieter hatte im Monat zuvor auf seiner Website tödliches Gas mit Haushaltsgas verglichen. Illustriert mit Bildern aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Beides ist widerlich. Der Geschmacklosigkeit sind offenbar keine Grenzen gesetzt.

Zur Erinnerung: Josef Mengele, der "Todesengel von Auschwitz" war in den KZs des Hitlerregimes für Selektionen, sprich Tod oder Leben, für Folterungen durch medizinische Experimente an Menschen, für Massenvergasungen von Menschen verantwortlich. Nach 1945 wurde er nicht gefasst, blieb als Kriegsverbrecher unbehelligt und starb 1979 im sonnigen Brasilien bei einem Badeunfall an Herzversagen.

Polen/Deutschland: Ein Warschauer Bezirksgericht zitierte ebenfalls in dieser Woche die angesehene deutsche Tageszeitung "Die Welt" auf die Anklagebank. Ihr nachlässiges Vergehen: Sie hatte das Hitlersche KZ Majdanek nicht damalig deutsches sondern "polnisches Konzentrationslager" genannt. Kläger ist der Enkel zweier polnischer Majdanek-Opfer. "Es hat besonders wehgetan, dass gerade Deutsche so etwas schreiben". Der Enkel verlangt abgesehen von bereits erfolgten Entschuldigung eine Geldstrafe - nicht für sich, sondern humanitären Zwecken gewidmet.

Sorry, danebengegriffen, war ja nicht so gemeint, wir entschuldigen uns. All dies ist ja nun auch schon sehr lange her, nur noch eine Minderzahl hat diese Zeiten erlebt, die Mehrzahl weiß darüber nur noch aus dem Geschichtsunterricht und allenfalls aus Erzählungen. Das Leben geht weiter - so mögen die Entschuldiger denken.

Frage: Ist das tatsächlich so einfach vom Tisch zu wischen oder steckt nicht einiges mehr dahinter: bedenkliche Nachlässigkeit und gefährliche Fahrlässigkeit gegenüber der eigenen Geschichte. Warum bedenklich, warum fahrlässig, warum nachlässig? Auch Opfer haben nicht minder traumatisierte Nachfolger und Staaten eine nicht mindere Verantwortung für eine nachhaltige Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Vergangen ist kein stichhaltiges, es ist ein bedenklich zynisches Argument.

Ohne Vergangenheit keine Gegenwart

Ohne Vergangenheit keine Gegenwart, keine Zukunft. Selbst ein Kreisverband der gewiss nicht links einzuordnenden bayerische CSU hat diesen Merksatz in diesem Jahr als Neujahrsbotschaft auf seine Fahnen geschrieben. Ebenso gültig ist Theodor. W. Adornos Analyse, "die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung".

Österreich: Dass ein Rechtsaußen-Politiker sich als "Künstler" geriert, hatte das Land schon einmal. Adolf Hitler bevorzugte Gebäude und Landschafts-Sujets. Aktuellem Zeitgeist entsprechend ist nun ein von, wie es scheint, entsprechender politischer Hand entworfenes antisemitisches Comic im Umlauf. Wieder einmal werden rassistische Vorurteile und Aburteilungen bösartig geschürt. Antisemitische Comics stacheln bekanntlich niederste Gefühle an. Offensichtlich mit Erfolg.

Amtsakt mit Bildungslücken

Siehe jüngst das Verhalten von Wiener Polizisten angesichts übler antisemitischer Pöbeleien gegenüber einem Rabbiner. O-Ton des Randalierers: "Juden raus. Heil Hitler." Der Rabbiner bat Polizisten, die in der Nähe standen, um Hilfe. Sie rührten sich nicht. Aus Nachlässigkeit? Aus rechtsstaatlicher Fahrlässigkeit? Aufgrund mangelnder Geschichtskenntnis? Aufgrund ihrer Erziehung und allgemeiner Bildungsstandards? Laut Verbotsgesetz ist die Verbreitung und Verherrlichung von nationalistischem Gedankengut in Österreich verboten. Das sollte doch auch der Exekutive bekannt sein.

Beim "Abführen" gescheiterter Asylwerbern sind die Sicherheitsorgane perfekt. Ebenso beim finanzorientierten Abstrafen von Parksündern. Zumindest bei diesem Amtsakt tun Bildungslücken nicht weh. Generell wäre jedoch eine nachhaltige Wissensvermittlung in Sachen Geschichte, Menschenrechte und Humanität mehr als angebracht. Bei manchen Politikern ebenso wie bei der Exekutive. Demokratiepolitisches, rechtsstaatliches Denken basiert nicht auf x-beliebigem "Law and Order"-Empfinden. Es sei denn, Misfits haben das Sagen. Siehe die Neonazi-Abgründe, die sich in den Reihen deutscher "Sicherheitsverantwortlicher" auftun. (Rubina Möhring, derStandard.at, 16.9.2012)

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