Ein Slogan zum Wutablassen

Kommentar16. September 2012, 18:33
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Die arabischen Revolten haben die Ressentiments gegen den Westen nicht geheilt

Eine Frage geistert durch die Kommentare über die neuen Proteste in der arabischen Welt: Ist es nun wirklich genuiner religiöser Furor, der diese Menschen auf die Straßen treibt, oder sind sie Marionetten in der Hand von politischen Manipulatoren? Befragt, antworten sie ja alle das Gleiche, von Marokko bis in den Jemen: Sie protestieren für ihren Propheten.

Gleichzeitig deutet der neue ägyptische Premier Hisham Kandil an, dass "eine Anzahl" von Demonstranten in Kairo bezahlt waren. Beweise bringt er dafür nicht und nennt auch nicht den oder die Auftraggeber. So wie Libyens Vizeinnenminister nach dem Tod des US-Botschafters reflexartig auf "Gaddafi-Anhänger" zeigte, so sind es in Ägypten die Mubarakisten, die schuld sind, wenn in Assuan ein Fahrrad umfällt. Böser Spaß beiseite, vielleicht flüchtet Kandil in die Verschwörungstheorie, weil am Sonntag, dem ersten Tag der Woche und des neuen akademischen Jahres in Ägypten, die wirklichen Probleme über seiner Regierung zusammenschwappten: Benzinnotstand, Energiekrise, Streikdrohungen aus unterschiedlichsten Sparten, Krieg auf dem Sinai etc.

Ein Geschenk ist der Anti-Mohammed-Film zweifelsohne für die Salafisten, die in Ägypten, Tunesien und Libyen vorführen konnten, dass sich die neuen Führungen insofern nicht von den alten unterscheiden, als sie den politischen Notwendigkeiten - zu denen ein gutes Verhältnis zu den USA gehört - Priorität vor der Islam-Verteidigung geben. In der Innenpolitik ist es diesen Gruppen nicht gelungen, die gemäßigten Islamisten in einen islamischen Wettbewerb zu treiben. Auf eine supranationale Ebene versetzt, gegen die USA, haben sie es geschafft. Und ihn gewonnen.

Dennoch sind auch nicht alle Demonstranten Salafisten, wie auch nicht alle Salafisten demonstrieren gehen: Nicht alle Ultra religiösen haben ihren politischen Quietismus, der mit Respekt für die jeweilige Obrigkeit verbunden ist, aufgegeben. Und es sind auch nicht ausschließlich Revolutionsverlierer am Werk wie die Fußball-Ultras in Ägypten, deren kritischer Beitrag zum Umsturz nie gewürdigt wurde und die nun ihre Wut ablassen. Säkulare und Liberale, ebenfalls Verlierer im politischen Prozess, stehen völlig abseits. Übrigens fehlt auch in Syrien das Verständnis für die Proteste, obwohl der Aufstand dort ja teilweise religiös geprägt ist: "Idioten in Kairo! Wo seid ihr, wenn sich Assad-Truppen in Syrien in Moscheen entleeren und sie niederbrennen?", lautet ein Tweet.

Im Grunde genommen sind die heutigen Demonstranten - deren Masse man keinesfalls überschätzen sollte - den Revoltierenden von 2011 nicht unähnlich: Ein gemeinsamer Slogan verbindet sie, kratzt man etwas daran, dann wird man auf unterschiedliche Hintergründe und Motivationen stoßen. Aber sie entlarven einmal mehr als Kitsch, was bei Ausbruch der Revolutionen medial verkündet wurde: Die Zeit der Fixierung der Region auf konstruierte äußere Konflikte sei vorbei, die Probleme würden als innere erkannt, benannt und bearbeitet werden.

Auch wenn bei den Revolutionen keine US-Fahnen brannten, so waren die alten Regime ja doch auch deswegen verhasst und delegitimiert, weil sie als Marionetten einer imperialistischen Politik galten. Die Ressentiments wurden nicht geheilt, es sind sogar noch neue hinzugekommen: die der Säkularen und Liberalen, die die USA beschuldigen, nun mit den Islamisten zu packeln. (DER STANDARD, 17.9.2012)

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