"Es ist Land in Sicht"

ÖFB-Damen-Teamchef Thalhammer nerven die Vergleiche mit den Männern - Bei den Frauen gehe es jedenfalls "gerechter" zu

Wien / St. Pölten - Eine SMS jagte die andere. Und Dominik Thalhammer hat es überhaupt nicht genervt. Der 41-Jährige ist seit April 2011 Teamchef der österreichischen Frauennationalmannschaft, und am Tag nach dem 3:1-Sieg in St. Pölten gegen Dänemark war er äußerst gut gelaunt. " So viel positive Resonanz hat es noch nie gegeben. Die Leistung war auch sensationell, phänomenal. Aber ich darf nicht der österreichischen Mentalität auf den Leim gehen. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Die Wahrheit liegt in der Mitte."

Ins schmucke Stadion waren 2700 Zuschauer gekommen, ÖFB-Präsident Leo Windtner und Sportdirektor Willi Ruttensteiner inklusive. Der ORF hat auf seinem Spartenkanal Sport plus live übertragen. Thalhammer: "Ich denke, dass die Leute beim nächsten Mal wieder einschalten werden. Da waren 22 Frauen zu sehen, die Fußball beherrschen."

Für die EM 2013 in Schweden wird sich das ÖFB-Team eher nicht qualifizieren, obwohl die Hoffnung leicht gewachsen ist. Den Gruppensieg werden die Däninnen holen, am Mittwoch reicht gegen Portugal ein Remis. Abgesehen davon ist von einem lockeren Sieg auszugehen. "Denn die Dichte ist nicht sehr groß, es gibt ein ziemliches Gefälle."

"Geschlechtsneutraler Sport"

Österreich hat in der Qualifikation fünfmal gewonnen, je einmal remisiert und verloren. Im Playoff gegen einen anderen Gruppenzweiten ist man trotzdem nicht gesetzt. Die Uefa und die Fifa machen es den Damen immer noch schwer. Thalhammer: "Die Teilnehmerfelder sind knapp gehalten, die Kleinen haben es nicht leicht, man will den Niveauunterschied nicht zeigen." Erst bei der EM 2017 wird von zwölf auf 16 Nationen aufgestockt.

Den Teamchef nervt der Vergleich mit den Männern. Die sind 49. in der Weltrangliste, die Frauen 35. "Trotzdem kann man nicht sagen, dass wir im Verhältnis besser sind." Fußball sei ein geschlechtsneutraler Sport. " Auch bei uns geht es um Taktik, Athletik, Technik, Selbstvertrauen. Wobei es natürlich Unterschiede gibt. Die Frauen sind Gerechtigkeitsfanatikerinnen, sie bringen mehr Idealismus mit. Kann ein 15-jähriger Bub dreimal gaberln, stehen die Manager schon Schlange." Thalhammer kennt quasi das andere Geschlecht, er jobbte einst bei der Admira und beim LASK.

Miete und Studium

Gegen die Däninnen, sie sind die Nummer zwölf (bei den Herren ist es übrigens Brasilien), standen acht Legionärinnen in der Startformation. Sie betreiben den Sport zumindest halbprofessionell. Thalhammer: "Sie können sich die Miete leisten und ihr Studium finanzieren." Die zweifache Torschützin Nina Burger ist daheim bei der Übermannschaft Neulengbach (zuletzt neunmal Meister) engagiert, ihr Einkommen bezieht sie als Polizistin. Thalhammer. "Hat man so einen Job, geht man nicht ins Ausland." Die Liga sei durchaus verbesserungswürdig, "aber es ist Land in Sicht". Der Verband hat investiert, in St. Pölten entstand ein Frauenleistungszentrum, Thalhammer leitet es. 35 Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren werden dort ausgebildet. Unlängst hat die U17 Deutschland mit 1:0 geschlagen. "Es ist zwar nicht aufgefallen, aber es war eine Weltsensation."

Bei den Zusammenkünften der ÖFB-Trainer referiert Thalhammer, analysiert Spiele. "Marcel Koller hört aufmerksam zu." Es handelt sich übrigens um kein Entwicklungshilfeprojekt. "Es wurde Vorarbeit geleistet." Thalhammer erinnert an seinen verstorbenen Vorgänger Ernst Weber. "Ihm war es ein großes Anliegen."

17.000 Fußballerinnen sind in Österreich gemeldet. "Wie viele tatsächlich aktiv sind, weiß keiner." Es gehe nur "Schritt für Schritt". Thalhammer fragt sich selbst: "Warum spielen die Mädchen in der Schule nicht Fußball?" Das 3:1 gegen Dänemark sei "phänomenal" gewesen. "Und es lag hoffentlich nicht nur an der außergewöhnlichen Tagesform." (Christian Hackl, DER STANDARD, 17.9.2012)

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