Mit Sturkopf und dunkler Stimme

16. September 2012, 18:13
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Andrea Eckert lässt Einwände gegen "Bon Voyage" verstummen

Wien - Es ist schade, dass Bon Voyage, der Liederabend auf den Spuren der Chansonnière Greta Keller, anlässlich seiner Uraufführung einen Beipackzettel braucht. Die famose Keller (1903-1977) hatte dergleichen niemals nötig. Die sang in New Yorker Hotelkellern ("Chez Greta") mit dunklem Jazz-Timbre derart hinreißend lasziv, dass sich Stars wie Cole Porter oder Igor Strawinsky gegenseitig die Klinke in die Hand drückten.

Die Wienerin "Greta" war ein Star aus eigenem Recht. Wer ihr jemals dabei zugehört hat, wie sie "die Sonne hinter den Dächern" versinken sieht (in dem berühmten Chanson von Peter Kreuder), wird die ebenso schlichte wie formvollendete Bekräftigung des Keller'schen Überlebenswillens nie mehr aus dem Kopf bekommen. Dann ist die Diseuse " mit meiner Sehnsucht allein".

Doch allein ist sie wenigstens posthum nicht geblieben. André Heller, ein Bewunderer der Keller in deren späten Lebensjahren, hat eine Hommage an die Sängerin beim Wiener Volkstheater in Auftrag gegeben. Er hat, so viel vorweg, Andrea Eckert damit ein wunderbares Geschenk gemacht. Geschrieben hat den Keller-Abend Rupert Henning (auch Regie). Womit es Zeit geworden ist, den Beipackzettel aus der Schachtel zu ziehen. Denn Bon Voyage - immerhin ein mustergültiges Vehikel für Eckerts feinnervigen Gesang - krankt erheblich an dramaturgischen Nebenwirkungen.

Nicht allein die in allen Schicksalsfarben gleißende Biografie der Keller darf es sein. Zu der Exilantin aus freiem Entschluss gesellt sich noch eine "Josefine" aus Hernals, die wie ein fiktiver Schatten an ihrer berühmten Generationskollegin klebt. Josefine, wiederum von Eckert gespielt, flüchtet vor den Verdrießlichkeiten ihres Proletarierlebens (Justizpalastbrand, frühe Witwenschaft) auf einen Dachboden. In dessen Obhut verfasst sie Briefe an den Schallplattenstar, die sie niemals abschickt.

Die Einrichtung der Bühne (Georg Resetschnig) muss diesem arg verkrampften Erzählumstand Rechnung tragen. Einige Aufbauten lassen das Jazz-Lokal erkennen und die Reling des Passagierschiffes, das die Keller nach New York bringt. Eine kuriose Hühnerleiter führt aber auch hinauf in Josefines Wolkenkuckucksheim, in dem die Enkelin (wiederum Eckert) den Nachlass sichert.

Es war offenbar der Wunsch aller Beteiligten, mit der Hinterlassenschaft Greta Kellers auch gleich ein ganzes Jahrhundert zu besichtigen. Eckert aber unterläuft die notwendig gewordenen Einwände. Sie trägt das arg raschelnde Papier des Dramatikers gefasst, mitunter resigniert vor.

Sie wirft aber auch das gesammelte Liedgut - 19 Songs in allen Preis- und Stillagen - wie ein Bukett herrlicher Blumen vor sich in die Luft. Markiert das Dummchen, wenn sie nölt: "Benjamin, ich hab nichts anzuziehen ...". Singt schüchtern werbend: "Wenn ich mir was wünschen dürfte ...". Streift wie im Vorübergehen die Gefilde des Kunstliedes und gibt ohne Scheu vor bombastischer Übertreibung die Femme fatale.

Alle, alle scheinen sie auf in Eckerts Tour d'horizon: die Greco, der Brel und der Brecht. Unter der famos swingenden Assistenz von Imre Lichtenberger-Bozoki und Ensemble hat Eckert alias Greta Keller nach den Sternen gegriffen. Tosender Applaus. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 17.9.2012)

18., 24. 9.

  • Greta Keller (Andrea Eckert) kehrt Europa den Rücken.
    foto: apa/georg hochmuth

    Greta Keller (Andrea Eckert) kehrt Europa den Rücken.

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