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vergrößern 600x400Appell ans kollektive Gedächtnis: Der US-Amerikaner Joshua Oppenheimer lässt in "The Act of Killing" indonesische Männer ihre Morde über Filmszenen reimaginieren.
Vergangene Woche trat Werner Herzog vor eine Kamera von CNN und sprach ein Lob aus: "Mindestens seit zehn Jahren habe ich keinen so kraftvollen, surrealen und erschreckenden Film gesehen." Die Rede war von Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm The Act of Killing, in dem indonesische Männer sich an die Zeit vor fast fünfzig Jahren erinnern, in der sie auf Kommunistenjagd gingen. Hunderttausende wurden damals getötet, und an die Verdrängung dieser Morde aus dem kollektiven Gedächtnis rührt der gebürtige Texaner Oppenheimer mit seinem Film.
Werner Herzogs Lob kann man nach der Vorführung von The Act of Killing beim Filmfestival in Toronto durchaus zustimmen, wenngleich er selbst in diesem Fall nicht ganz ohne Eigeninteresse gesprochen hat. Denn gemeinsam mit Errol Morris, einem anderen Experten für das Kraftvolle, Surreale und Erschreckende, fungierte er bei The Act of Killing als Produzent. Sein Urteil ist also auch geschäftlich inspiriert, aber das passt ganz gut zu einem Filmfestival, bei dem man am Ende nicht die Entscheidung einer Jury verkündet bekommt, sondern ganz schnöde die Verkaufszahlen, die während der betriebsamen Woche in der kanadischen Metropole erreicht wurden.
Ob The Act of Killing auch in einer regulären Kinoauswertung Chancen hätte, steht dahin. Klar ist, dass Oppenheimer auf eine prekäre Weise unterhaltsames Kino macht. Er versuchte nämlich, seine Protagonisten, vor allem die beiden Männer Anwar und Herman, auf dem Umweg über Inszenierungen an eine Reflexion über ihre Taten heranzuführen. Sie gehen von filmischen Vorbildern wie Coppolas Der Pate aus und drehten dabei "Filme", eben über den eigenen "Akt des Tötens". Dabei regt sich bei dem einen eher das schlechte Gewissen als bei dem anderen, am ehesten scheint Anwar noch betroffen zu sein von seinen Erinnerungen, vielleicht hat er aber auch nur das ausgeprägteste Bewusstsein dafür, was vor einer Kamera zu tun ist.
The Act of Killing ist ein herausragendes Beispiel für unsere globalisierte Gegenwart, von der auch das Kino längst erreicht wurde und in der es eben möglich ist, dass ein Amerikaner in Indonesien mitten in die Abgründe der lokalen Politik zu stoßen vermag. Oppenheimer schärft mit seiner Methode die Aufmerksamkeit dafür, dass Film auch ein herausragendes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung ist. Und welches Land auf der Erde hätte da nichts zu bewältigen?
Sogar Mosambik, bisher als Filmnation kaum hervorgetreten, war in diesem Jahr in Toronto vertreten. Virgin Margarida zielt in repräsentativer Form auf die Gräuel, die in der ehemaligen portugiesischen Kolonie nach der Unabhängigkeit im Jahr 1975 geschahen. Die Freiheit ist gewonnen, aber "der Kampf geht weiter", wie zu Beginn ein Transparent verkündigt. Eine Gruppe leichter Mädchen wird in einer nächtlichen Razzia eingesammelt, interniert und nach Norden verbracht. Währenddessen sitzt eine Freiheitskämpferin einem Vorgesetzten gegenüber und lässt sich von ihm zu "revolutionärer Geduld" vergattern. Statt nach Hause zu gehen und eine Familie zu gründen, wie sie es vorgehabt hatte, leitet sie nun ein Lager im Busch, in dem die "putas" zu "neuen Frauen" umerzogen werden sollen.
Neue Frauen gehen geeint
Der Regisseur Licinio Azevedo stammt aus Brasilien. Er kam 1975 nach Mosambik und nahm dort an dem Versuch teil, eine nationale Filmwirtschaft aufzubauen. Im Gegenteil zu Jean-Luc Godard, der sich damals auch mit Ideen einbrachte, blieb Azevedo aber. Virgin Margarida ist ein simpel gehaltener, klar geschichtspolitischer Film, der sich spät, dann aber klar gegen den revolutionären Furor wendet, der - wie in The Act of Killing auch - eindeutig männlich dominiert ist. Die "neuen Frauen" marschieren schließlich vereint gegen den Vergewaltiger los, der sinnbildlich für eine politische Ordnung steht, in der Menschen zu einer " neuen Mentalität" gezwungen werden.
Vor dem Hintergrund solcher Filme traf es sich gut, dass Deutschland mit einem Film über die "Banalität des Bösen" in Toronto vertreten war. Margarethe von Trottas Biopic Hannah Arendt kann als erzählerischer Erklärungsversuch dieser so häufig missverstandenen Formulierung verstanden werden, und wenn die Erklärung auch nicht ganz funktioniert (weil sie, anders als etwa Oppenheimer, zu wenig Inszenierung riskiert), so verweist sie doch auf einen Punkt, an dem das ganze 20. Jahrhundert zusammenhing: Das Böse verlor vielfach seinen furchteinflößenden Charakter. Es wurde tatsächlich banal. Das Kino vermag den Bann dieser Banalität zu brechen. In Toronto ist das in diesem Jahr mehrfach gelungen. (Bert Rebhandl aus Toronto, DER STANDARD, 17.9.2012)
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"Punkt, an dem das ganze 20. Jahrhundert zusammenhing: Das Böse verlor vielfach seinen furchteinflößenden Charakter"
Und früher war das anders? Im 30jährigen Krieg etwa?
Was ist überhaupt "das Böse"? Die Apachen haben das sicher ganz anders gesehen als Herr Rebhandel. Karl V. wird wieder einen anderen Standpunkt gehabt haben, die Islamisten von heute einen weiteren.
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