Folgen der Wiener Rabbinerbeschimpfung

Blog | Irene Brickner
15. September 2012, 14:01
  • Dass es 13 Tage gedauert hatte, um einen Protest auf die Straße zu bringen, ist Ausdruck der Kraftanstrengung, derer es in Österreich für so etwas bedarf.
    foto: christian fischer

    Dass es 13 Tage gedauert hatte, um einen Protest auf die Straße zu bringen, ist Ausdruck der Kraftanstrengung, derer es in Österreich für so etwas bedarf.

Eine parlamentarische Anfrage listet weitere Vorfälle auf: Bei einem Auschwitzgedenken etwa sollen PolizeibeamtInnen lautstark Judenwitze gerissen haben.

Mit einer als Flashmob bezeichneten Kundgebung haben vergangenen Mittwochabend am Wiener Schwedenplatz rund 150 Menschen klargestellt, dass dort, an diesem Ort, ebenso wie im ganzen Land, „kein Platz für Antisemitismus" sein soll. Sie kamen trotz akuten Herbsteinfalls mit Schnürlregen: Ausdruck ihrer Besorgnis darüber, dass Polizisten einem Wiener Rabbiner am 30. August nicht gegen die Verbalattacke eines judenfeindlichen Fußballfans geholfen haben. Sie kamen als Vertreter der Zivilgesellschaft, die Derartiges missbilligt: ein wichtiges politisches Bekenntnis. 

Trotzdem: Dass es 13 Tage gedauert hatte, um solchen Protest auf die Straße zu bringen, ist Ausdruck der Kraftanstrengung, derer es in Österreich für so etwas bedarf. In Berlin dauerte es nur 72 Stunden, um nach dem dortigen Überfall auf einen Rabbiner wenige Tage vor dem Ereignis in Wien ähnlich viele Menschen öffentlich zu mobilisieren: spontaner Protest, ein echter Flash. Die vergleichsweise Behäbigkeit in Wien zeigt, wie stark in Österreich die politische Passivität gegen rechts inzwischen geworden ist: das Bedürfnis, sich nicht behelligen zu müssen, zu ignorieren.

Jenen, die sich jetzt mobilisieren ließen, gebührt umso mehr Respekt. Doch in Hinblick auf das kommenden Wahljahr und die Nähe der „großen Herausforderin" FPÖ zu rechtsextremen Inhalten (siehe das neue Buch von Hans-Henning Scharsach: „Strache. Im braunen Sumpf") - mit dem Antisemitismus als „Klassiker" - ist dieses Sich-Abfinden eine Hypothek.

Nicht weit nach Ungarn

Der Wiener „Flashmob" wandte sich gegen das Wegschauen, den wahren politischen Skandal in Zusammenhang mit der Wiener Rabbinerbeschimpfung: Dass sich AntisemiteInnen öffentlich so gebärden, ist schlimm, aber dass Polizisten als Ordnungsmacht sie gewähren lassen, ist darüber hinaus auch noch gefährlich. Immerhin ist es nach Ungarn, wo sich Judenhass inzwischen regelmäßig und offen manifestiert, von Wien aus nicht weit. 

Doch dass das Verhältnis mancher heimischer PolizeibeamtInnen zu den Juden und ihrer schrecklichen Geschichte im 20. Jahrhundert indifferent bis problematisch ist, hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur am Schwedenplatz manifestiert. Zwei weitere Zwischenfälle listen Grünen-Abgeordneter Karl Öllinger und seine SP-Funktionskollegin Petra Bayr in einer vor wenigen Tagen eingebrachten parlamentarischen Anfrage an Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) auf:

Einmal war es eine Einsatzleiterin, die laut AugenzeugInnen am 10. November 2011, anlässlich eines Rundgangs zum Gedenken an das Novemberpogrom durch den 6. Wiener Gemeindebezirk durch aggressives und störendes Verhalten auffiel. Sie habe vor Häusern Gedenkreden unterbrochen, in denen es 1938, während der von den Nazis als „Reichskristallnacht" bezeichneten antisemitischen Gewaltorgie, zu Enteignungen und Plünderungen gekommen war. Besonders penetrant, ja einschüchternd, habe sie sich vor der Polizeiinspektion Stumpergasse/Schmalzhofgasse benommen, die sich in einem damals „arisierten" Haus befindet.

Auf Beschwerde keine Antwort

In nämlicher Polizeiinspektion beschwerten sich die RundgangorganisatorInnen tags darauf. Antwort bekamen sie nie.

Immerhin einen Aussprachetermin in der Bundespolizeidirektion am Wiener Schottenring gab es hingegen nach dem in der Anfrage geschilderten Vorkommnis Nummer zwei. Doch wer die PolizeibeamtInnen gewesen waren, die laut TeilnehmerInnen an der Feier anlässlich der 54. Wiederkehr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Jänner 2009 auf dem Wiener Judenplatz lautstark antisemitische Witze gerissen und sich über „jüdisches Aussehen" alteriert haben sollen, wurde offiziell nie eruiert.

Die politische Stimmung sei in diesen Tagen ohnehin schon aufgeheizt gewesen, für drei Tage später seien der WKR-Ball der Burschenschafter und Rechten angesetzt und Gegendemonstrationen angekündigt gewesen. Also habe man darauf verzichtet, die Öffentlichkeit von dem Vorkommnis in Kenntnis zu setzen, erinnert sich ein Mitorganisator. Stattdessen habe man schriftlich im Ministerium, bei der zuständigen Polizeiinspektion und der Bundespolizeidirektion protestiert: Ohne über Worte hinausgehende, erkennbare Konsequenzen.

Ob es für besagte Einsatzleiterin und die witzereißenden BeamtInnen Schulungen, Belehrungen, Einvernahmen gegeben habe, wollen Öllinger und Bayr von der Innenministerin wissen - und wenn nein, warum nicht. Die Fragen sind auch in Hinblick auf den polizeilich ungestraft „Juden raus!" rufenden Fußball am Schwedenplatz höchst berechtigt. Denn die Aufarbeitung dieses jüngsten, öffentlich gewordenen Zwischenfalls lässt sich polizeiintern schwerfällig an. Dabei sollte es doch gerade auf dem Schwedenplatz ein Leichtes sein, den Ablauf der Ereignisse minutiös zu rekonstruieren - gilt dieser Platz doch als einer der mit Video bestüberwachten von Wien.

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Wie viele der Demonstranten wohl selbst antisemitisch sind, weil sie die Ausübung der jüdischen Religion unterbinden wollen (Verbot der Beschneidung)....

Uiiii....

7 Gutmen***en Antisemiten...

Wäre ehrlicher sich mit Bomberjacke hinzustellen, als angeblich gegen Antisemiten zu demonstrieren und heimlich selbst gegen den jüdischen Glauben zu agitieren...

Also zu diesem Zeitpunkt offenbar 2... ^^

Herr Polizeipräsident ....

...gibt es schon Ergebnisse von diesem Vorfall oder rechnen Sie mit dem Mantel des Vergessens?

ich als deutscher habe jüdische grosseltern, werde als piefke beschimpft. ist das auch antisemitismus?
die jüdische gemeinschaft sollte sich nicht so wichtig nehmen. es sind auch deutsche in österreichischen kz ermordet worden. lutheraner, falls sie an die lehren ihres gurus glauben sind auch antisemiten, wiederbetätigung? sollte man mal hinterfragen. wie oft werden die zeugen jehowas verspottet? da regt sich die ikg nicht auf, sind nur gegen veungimpfung ihrer religion. ich möchte nicht wissen wie die jüdische gemeinde über islamisten spottet, der jüdische witz ist ob seiner scharfen klinge bekannt. das ablehnen andersdenkender dito.

Ja, das hat die jüdische Gemeinde aber auch nie bestritten. Wieviele Lutheraner sind ermordet worden und wieviele Juden, Jüdinnen und Roma und Sinti?

Juden und Jüdinnen, sowie Roma und Sinti wurden ermordet, weil die Nazis sie vernichten wollte, die Nazis wollten sie ausrotten. Die Nazis wollten aber nciht die Lutheraner und auch nicht die Österreicher ausrotten.

Mit Verlaub, ich bin auf ihrer Seite, aber die Anzahl der Opfer bestimmt nicht die "Klasse" eines Massenmords...
Ab wie vielen ist es ein Genozid, bis wie viele sind es noch „nur“ viele Opfer?

Wollten nicht die Österreicher ausrotten und dennoch waren die mosaischen Opfer, die röm. Kath. , Zeugen Jehovas auch Österreicher…
Ist der Massenmord in Katyn durch die UdSSR gleichzusetzen mit dem Holocaust, Stalin wollte die Elite Polens ausrotten.

warum fragst du grade mich ob der opferzahl?
kennst du google?
da wirst du infos bekommen falls du es wünscht.

bei 8 000 000 opfern in d+Ö ist deine behauptung wohl ein hohn. die deutschen faschisten haben die eigene bevölkerung absichtlich verheizt. die jüdische gemeinde hat ca. die gleichen opferzahlen dieses wahnsinnsregimes.

8 Millionen sind von den Nazis im KZ ermordet worden?

Sind sie betrunken? Das ist die Kriegsopferzahl derer die Hitler zu gejubelt haben und für ihm in den Krieg gezogen sind.

Sie verwechseln da Kriegstote mit Opder der nationalsozialistischen Massenvernichtung.

Sie verharmlosen die Shoa, jüdische Großeltern hin oder her (was sie ja sehr leicht hier anonym behaupten können).

woher weißt du wer wem zugejubelt hat?! glaubst du wirklich, jeder der in den krieg gezogen ist war nazi???
dann bist ein depp. die deutsche bevölkerung litt genauso unter diesen faschisten. oder willst du das ignorieren? und aus welchem grund wurde a.d. angejubelt? hättest du es nicht getan, na dann servaz. schau mal den bockerer, ist eh nur eine verharmlosung, aber treffend!

magic - lern geschichte! vor den juden wurden deutsche ins kz geschickt. die deutschen waren genauso opfer der nazidiktatur! oder willst du das leugnen? fallst als deutscher nicht mitgemacht hast an diesem wahnsinn, dann wurde dir und deiner familie auch der graraus gemacht. halt diktatur. grossvater und grossmutter von mir sind im kz ermordet wurden. beides deutsche!!!

Die Deutschen waren Täter - genau das sagt das Gechichtsbuch. Ihre Großeltern wurden nciht im KZ ermordet, weil sie Deutsche waren, sondern weil sie Juden waren.

die deutschen waren täter. vollkommen richtig! viele deutsche und auch juden waren opfer! was verstehst du nicht an meiner aussage. nicht jeder deutsche war nazi, viele sind an die front geschickt worden bzw wurden gleich hingerichtet, weil sie keine "mit ausgestreckem arm - güßenden" waren. die opferzahl der jüdischen bevölkerung macht mich traurig, die opferzahl in russland war um einiges höher. jammert ein russe bei uns falls der tirolerbua sagt: de scheiss russen......
man kann nicht immer geschichtsdaten so drehen wie sie in den büchern stehen; wer hat diese geschrieben?

sie waren deutsche juden! was begreifst du nicht?
also wenn ein deutscher jude im kz ermordet wurde: 1 deutscher, 1 jude...
ist so wie bei den wiener linien, da bin ich auch 2 fahrgäste: wenn ich in die arbeit fahre und von der arbeit fahre.
und noch was: es gab unzählige deutsche nichtjuden die von nazis ermordet wurden. halb deutschland wurde opfer, schau dir mal die wahlergebnisse an, herr gscheit! und falls du glaubst ganz österreich hat den adi am heldenplatz begrüßt, dann liegst du vollkommen daneben.

auch viele deutsche kamen in kz um! denk mal an die deutschen juden: deutsche und juden. also kann man sämtliche deutschen juden auch als deutsche opfer hernehmen. aber piefkeschimpfen ist in ö noch immer salonfähig, siehe sportnachrichten! danke fürs rote!

Keinen Flashmob gab's, als Günter Grass "mit letzter Tinte" den Juden pauschal unterstellte, den atomaren Erstschlag gegen "iranische Volk" zu planen, wohingegen er den Mann, der ständig mit der Auslöschung Israels droht, bloß zum "Maulhelden" verharmloste.
Da stand das Standard Forum geschlossen hinter dem großen deutschen Dichter mit dem kleinen braunen Schönheitsfehler in der Biographie.

Offenbar wird Antisemitismus bei uns nur dann akzeptiert, wenn er mit der feinen Feder und bebenden Stimme des Literaten vorgetragen wird, aber nicht, wenn er von betrunkenen Fußballfans gegröhlt wird.

Dann wird flashgemobt.
Und die Brickner wachelt dazu, wie es sich gehört, empört mit dem erhobenem Zeigefinger.

Auch komisch: Sie regen sich über Proteste gegen Antisemitismus auf - bei denen es nicht nur um den Vorfall vor dem Fußballspiel ging (! lernes lesen!) - und machen hier auf dicke Hose,w enns um den Grass geht (meiner Überzeugung nach ein Antisemit) und wenn Moslems einen antisemitsichen Übergriff machen. Ihnen gehts gar nicht um Antisemitismus, ihnen gehts darum, Antisemitismus zu nutzen, um ihren eigen Rassismus zu bestätigen.

Bin ich jetzt schon ein Rassist, weil ich den iranischen Diktator für ungleich gefährlicher halte, als irgend einen angesoffenen, dem Vernehmen nach, deutschen Fußballfan?

Ich rege mich über eine Empörungskultur auf, die einen Vorfall, wie den vor dem Fußballspiel, weit über seine tatsächliche Bedeutung aufbauscht, während die selben Empörten einen ungleich gefährlicheren Antisemiten wie Grass verteidigten, als dieser Israel vorwarf einen Massenmord zu planen, und dann auch noch die Chuzpe besaß, diesen antisemitischen Ausfall auch noch mit Verantwortung, die die deutsche Geschichte ihm "aufgebürdet" hat, zu begründen.

Zu Grass gab es keinen Blog von Brickner und auch keinen Flashmob. Das ist es, was mich so stört!

Nein, nicht deswegen. Aber sie verwenden das Argument "Antisemiismus" um ihren antimuslimsichen Rassismus zu bestätigen.

Wenns um österreichichen Antismeitismus geht, dann verharmlosen sie den mit gleich mehreren Postings. Sie bezeichnen Proteste wenns gegen den österreichsichen Antisemitismus geht als "Empörungskultur" und lügen hier weiter: Es geht nicht nur um den griechischen Fussballfan - es geht - wenn sie lesen könnten - um mehrere Fälle.

Und wer von den Empörten hat Grass verteidigt? Ich war dort, ich verteidige Grass nicht und meine Freunde die dort waren auch nicht. Auch die Politikerdie dort waren haben Grass nicht verteidgt - sie reden einfach Müll.

Ihnen gehts nicht um Antisemitismus, sondern sie wollen nur ihren Rassismus damit bestätigen - das ist ein Unterschied.

Mehrere Fälle?

Sie meinen eine Einsatzleiterin, die "durch aggressives und störendes Verhalten auffiel" (Was soll das bedeuten?) und der Polizeibeamte, der vor drei Jahren einen antisemitischen Witz gerissen haben soll? Nicht daß ich ausschließen will, daß es so war, aber daraus gleich eine antisemitische Polizei zu konstruieren ist im höchsten Maße anfair.

Und ich werfe nicht den Flashmob Teilehmern vor, Grass verteidigt zu haben, sondern dem Standard Forum!
Zur Erinnerung, falls sie schon vergessen haben, wie es damals hier zu ging:
http://tinyurl.com/9zncuoh

PS.: Wenn sie mich schon des Rassismus zeihen, sollten sie das höflicherweise auch belegen.
Das einzige, das ich in letzter Zeit zum Islam gepostet habe, war das:
http://tinyurl.com/8u2mm9

Der link funktioniert nicht. Hier der richtige:
http://tinyurl.com/8u2mm98

Kritik an Israel ist nicht gleich Antisemitismus

...und das schreibst Du jetzt bitte 100x ...:)

LG,

Ri

Und sie schreiben 100x, dass was der Grass da erbrochen hat war keine Kritik, sondern Vorurteile.

Eine Unterstellung ist keine Kritik. Eine Verharmlosung ist auch keine Kritik.
...und das schreibst Du jetzt bitte 100x ...:)

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