"Riesentorlauf ist harte Arbeit geworden"

Interview |
  • Marcel Hirscher will das Hirn zwischen den Torstangen eher nicht ausschalten.
    foto: apa

    Marcel Hirscher will das Hirn zwischen den Torstangen eher nicht ausschalten.

Es herbstelt. Auf die heimischen Gletscher fällt Schnee - Marcel Hirscher, der amtierende Weltcupsieger, spricht über sein Leben

Standard: Wie viel Winter war in Ihrem Sommer?

Hirscher: Das ist Auslegungssache. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als in den vergangenen Jahren. So 20 bis 25 Schneetage.

Standard: Ist im Training alles nach Plan verlaufen?

Hirscher: Wir haben das untergebracht, was wir uns vorgestellt haben. Das Wetter in Neuseeland war ein bisserl unbeständiger als im Vorjahr, aber grundsätzlich haben wir gut trainiert.

Standard: Hatten Sie in Neuseeland auch Zeit, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit dem perfekten Schwung?

Hirscher: Nicht wirklich. Wenn ich in Neuseeland bin, gehört der Fokus komplett dem Sport. Das ist ja meine Aufgabe. Dafür bin ich auch hingeflogen.

Standard: Sie haben aber schon Zeit gehabt für einen Urlaub nach dem Weltcupfinale in Schladming.

Hirscher: Bis dato leider noch nicht. Aber deswegen tu ich mir nicht leid. Besser so als anders.

Standard: Das Programm ist also weitergelaufen.

Hirscher: Ich war mit Terminen zugedeckt, mit viel Medienarbeit. Logisch, dass das nach so einem Erfolg mehr ist als nach einer schlechten Saison. Gut so.

Standard: Macht der gestiegene Bekanntheitsgrad mitunter auch Schwierigkeiten?

Hirscher: Überhaupt nicht. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mit der Situation immer besser umzugehen. Das ist mein Leben, das ist "part of the game". Ich würde die Popularität schon vermissen.

Standard: Sind Sie hundertprozentig fit, oder zwickt es einen Spitzensportler immer irgendwo?

Hirscher: Mir geht es sehr, sehr gut. Aber vielleicht würde der eine oder andere das, was ich spüre, als Zwicken bezeichnen. Das ist Auffassungssache.

Standard: Ist vom Autounfall im Mai nichts zurückgeblieben?

Hirscher: Nein, nur die Erinnerung an einen großen Schock.

Standard: Sonst noch etwas? Stichwort Berichterstattung, in der es automatisch geheißen hat, dass Skifahrer immer rasen.

Hirscher: Ich würde wahrscheinlich genauso handeln. Es war sicherlich eine gute Schlagzeile. Das gehört fast dazu. Mit dem muss man sich abfinden, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Es war verkraftbar.

Standard: Wo steht der depperte Kristallbecher, wie Sie die Trophäe für den Gesamtweltcup bezeichnet haben, und wo sein kleiner Bruder, die Riesenslalomkugel?

Hirscher: Die haben schon einen besonderen Platz bei mir daheim. Aber das Besondere ist nicht der Platz, das Besondere sind die Kugeln. Im Rückblick sind sie gar nicht deppert, sondern recht nett.

Standard: Nach dem Weltcupfinale haben Sie gesagt, dass es unfassbar sei, dass Sie dem Druck standgehalten haben. Wie sehen Sie das aus der zeitlichen Distanz?

Hirscher: Ich habe mir im Nachhin ein die Berichterstattung sehr oft angeschaut. Es war sauspannend, es verwundert mich immer mehr, dass es geklappt hat. Wenn ich mir jetzt die Fakten auf den Tisch lege, denke ich, eigentlich ist es nicht machbar. Unbeschreiblich.

Standard: Ist der Druck jetzt nicht noch viel größer? Ist es nicht wesentlich schwieriger, den Titel zu verteidigen?

Hirscher: Ich habe meine Ziele schon vor einigen Jahren weitaus übertroffen. Sicher haben sie sich Stückerl für Stückerl weiterentwickelt. Ich hab zwar geträumt, dass ich Weltcuprennen gewinnen kann, aber geglaubt habe ich es niemals. Und jetzt ist es auch nicht so, dass ich mir sage, ich muss das noch zehnmal gewinnen. Ich bin keine Maschine. Ich werde wieder mein Bestes geben. Und wenn ich das tue, bin ich keinem Rechenschaft schuldig.

Standard: Bei den Olympischen Sommerspielen gab es Aufregung um Markus Rogan, der sinngemäß gemeint hat, dass das Hirn beim Gewinnen im Weg ist und Hermann Maier als Beispiel genannt hat, dem es quasi nicht im Weg gewesen sei. Muss man das Hirn ausschalten, um gewinnen zu können?

Hirscher: In meinem Sport vielleicht nicht. Ich glaube auch, dass er sich ein bisserl falsch ausgedrückt hat. Was Rogan vielleicht rüberbringen wollte, ist, dass es positiv ist, mit freiem Kopf am Start zu stehen. Ich will aber prinzipiell nicht über andere Sportler urteilen.

Standard: Wie sieht es bei Ihnen mit den schnellen Disziplinen aus? Den Super-G hatten Sie schon im Programm, was ist mit der Abfahrt?

Hirscher: Super-G werde ich wahrscheinlich vereinzelt fahren, zur Abfahrt sage ich grundsätzlich Nein. Die würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen, auch während der Saison. Drei Trainings tage und ein Rennen sind vier Tage. Da würde ich meine Stärken im Slalom und Riesenslalom ex trem vernachlässigen.

Standard: Wird dem Zuschauer ein neuer Stil auffallen mit dem neuen Riesenslalom-Ski?

Hirscher: Der komplette Laie wird nicht viel Unterschied sehen, der interessierte Skisportfan aber durchaus. Der Radius war 27 Meter, jetzt ist er 35 Meter. Wenn man sich dann den Kreis vorstellt, ist das schon ein Riesenunterschied.

Standard: Was spürt der Sportler?

Hirscher: Es ist um einiges anstrengender. Riesentorlauf ist harte Arbeit geworden.

(Benno Zelsacher, DER STANDARD, 14.9.2012)

Marcel Hirscher (23), Salzburger aus Annaberg-Lungötz, Absolvent der Ski-Hotelfachschule Bad Hofgastein, gewann im Vorjahr Gesamt- und Riesenslalom-Weltcup. Hält bei je sechs Weltcupsiegen im Slalom und im Riesenslalom.

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