Öffentliches Echo

  • Nicht Paris, sondern New York: LED-Graffiti-Aktion des US-amerikanischen
 Künstlers Evan Roth (GRL) 2006 im  Washington Square Park.
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    foto: evan roth

    Nicht Paris, sondern New York: LED-Graffiti-Aktion des US-amerikanischen Künstlers Evan Roth (GRL) 2006 im Washington Square Park.

Der in Paris lebende amerikanische Künstler Evan Roth etabliert Graffiti mit seinen Technologien zu einem weithin sichtbaren und medial effektiven, demokratischen Medium

Nun ist der 34-Jährige beim Wiener Street Art Festival BLK River zu Gast.

Wien - Licht-Graffiti, das sich live über ganze Hochhausfassaden schreibt - schnell, unkompliziert und vor allem temporär. Kritische Botschaften, deren Lettern so zerfließen, als würden sie tatsächlich von gigantischer Geisterhand auf Gebäude gesprüht. Die Laser-Tags sind eine Widerstandsgeste, die nicht um Erlaubnis fragt und auch noch aus der Ferne sichtbar ist.

Das L.A.S.E.R.-Tagging-System, zerstörungsfreie Alternative zum Graffiti, besteht im Wesentlichen aus Laser, Kamera und Projektor, erklärt Evan Roth, der zusammen mit James Powderly vom Graffiti Research Lab - kurz GRL - diese Open-Source-Technik entwickelt hat. Seither fließen Licht-Graffiti von Gebäuden und Feuermauern in Los Angeles, Hongkong oder Barcelona. Oder von Wänden im Museum of Modern Art.

"Oft müssen Richter darüber entscheiden, ob Graffiti nun Kunst oder Vandalismus ist", so Evan Roth im Standard-Gespräch. "Wenn man aber Fotos seiner Kunst auf den Wänden des Momas zeigen kann, ist das ein mächtiger Beweis dafür, dass das eigene Schaffen als Kunst akzeptiert ist." Die Performance im Moma habe tatsächlich jemanden das Gefängnis erspart.

"Wir haben die Laser-Tags nicht erfunden, um Sprühfarbe zu ersetzen, aber was den Laser-Tags in Permanenz fehlt, machen sie mit ihrer Größe wett", erklärt Roth die Vorteile der Technik. Der in Paris lebende Amerikaner ist seit Freitag Gast des BLK River, dem zum vierten Mal stattfindenden, von Sydney Ogidan organisierten, autonomen Street-Art-Festival, das sich über ganz Wien erstreckt. "Ich wollte ein System entwickeln, das es erlaubt, einen Tag so groß wie ein Hochhaus zu schreiben."

Wie Flöhe verbreiten sich auch die LED-Throwies von GRL: kleine, bunte Lichter, die zusammen mit Knopfzellen und Magneten an jedes Objekt im öffentlichen Raum gepickt werden können. Jeder Brückenpfeiler, jede Hausmauer kann so zum Träger temporärer Botschaften werden. 2007 startete GRL die erste LED-Throwie-Aktion in New York, wo sie die kleinen Dinger am Manhattener Astor Place an Passanten verteilten und sie anwiesen, sie auf eine Metallskulptur zu werfen: Ruckzuck entstand ein buntes Lichtermeer.

"Mich interessiert ganz generell, wie billige und frei zugängliche Technologien als Verstärker für marginalisierte Stimmen verwendet werden können." Ob nun LED, Laser, einfache Lautsprecher, Gaffaband oder Kabelbinder, all das könne verwendet werden, um Menschen zu ermächtigen und „Individuen eine Stimme zu geben". Positiver Nebeneffekt sei die mediale Attraktivität dieser Aktionen: 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking bildete eine Gruppe von Aktivisten ein strahlend blaues Zeichen. Als Foto fand es sich dann prominent in der New York Times wieder.

Nachdem das Equipment immer billiger werde, könnten diese alternativen Botschaften auch mit den Werbebotschaften konkurrieren, die den öffentlichen Raum dominieren. Roth: "Das Aussehen und auch der Sound urbaner Zentren wird nicht von den dort lebenden Menschen bestimmt, sondern vielmehr durch Reklame von Politik und Unternehmen." Hier setzte 2006 in New York auch das Projekt "Light Criticism"(gemeinsam mit Anti-Advertising Agency) an: Denn der Umstand, dass kommerzielle Werbung erlaubt ist, Graffiti aber verboten, sei nicht nachvollziehbar. Die flimmernden Werbebildschirme wurden mit schablonierten Masken versehen, sodass vom hellen Screen nur noch die ausgestanzte Botschaft "Werbung = Graffiti" erleuchtet wurde. 

Als Teil des Graffiti Research Lab gewann Roth 2010 in Linz den Prix Ars Electronica für den "Eyewriter". Der "Eyewriter" ermöglichte dem vom Halswirbel abwärts gelähmten Graffitikünstler Tony Quan, den Entwurfsprozess von Tags am Computer mit den Augen zu steuern. Roth entwickelte auch eine Software zum Aufzeichnen und dreidimensionalen Visualisieren von Graffiti ("Graffiti Analysis"), deren Ergebnisse 2010 im Rahmen der Ausstellung "Street and Studio" in der Kunsthalle Wien präsentiert wurden. In diesem Jahr erhielt er, überreicht durch Michelle Obama, sogar den Smithsonian-National-Design-Preis. "Die kulturelle Bedeutsamkeit von Kunst ist sehr schwer zu quantifizieren, daher kann die institutionelle Würdigung manchmal hilfreich sein." Er sei aber überrascht gewesen, sagt Roth, wie wenig solche, als „Meilensteine" empfundenen Auszeichnungen tatsächlich für den Künstler ändern.

In Berlin realisierte Evan Roth als Teil des Fat Lab (Free Art and Technology Lab) 2010 eine Kampagne gegen Google Street View. Man fakete einen solchen, mit Kameras ausgestatteten Wagen und ließ ihn herumfahren. Die Route des angeblichen Google Street View Cars veröffentlichte man auf einer Internetseite und wartete auf Reakionen der Bevölkerung. Und die sahen recht unterschiedlich aus, reichten von für die Kameras entblößten Popos und obszönen Gesten bis zu Versuchen, den Fahrer mit Gewalt aus dem Wagen zu zerren. In einem Dokumentationsvideo zum Projekt wird das vermeintliche Google-Gefährt von der Polizei aufgehalten. Der Lenker rechtfertigt sich mit den Worten: "But I am Google". Daraufhin antwortet der Berliner Polizist auf Deutsch: "Und wir sind das Volk". 

"Free Speech", das heurige Festivalmotto von BLK River, passt perfekt zu den Arbeiten und Aktionen von Evan Roth. Und "Free Speech" ist auch der Titel seiner neuesten Aktion: Mit einem Kleinbus, auf dem Lautsprecher montiert sind, fährt er ab Samstag durch Wien. Wer die am Bus notierte Telefonnummer anruft, ist direkt mit den Lautsprechern verbunden und kann das Echo der eigenen Worte auf der Straße hören.
"Eine der wenigen Regeln, die wir für die Laser-Tag-Aktionen hatten, war, dass es nie einen Zensurknopf geben wird", sagt Roth. Was Laser-Tagging und "Free Speech" so aufregend mache, sei der Umstand, dass Beschränkungen, wie sie üblicherweise für Kommunikation auf großen Plattformen gelten, nicht existieren. Graffiti sei als Kunstform noch immer reizvoll, weil ihr Inhalt keiner kuratorischen, politischen oder rechtlichen Restriktion unterliegt. 

Auf die Frage, wie er reagieren würde, falls in Wien Rassistisches über Lautsprecher skandiert werde, antwortet Roth: "Ich wäre nicht sehr glücklich, wenn "Free Speech" nur zum Senden von Hassbotschaften verwendet würde. Aber zum einen glaube ich nicht, dass dies passiert, zum anderen ist es wichtiger, dass das System unzensuriert ist, als sicherzustellen, dass niemand beleidigt wird." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Langversion 15./16.9.2012)

Info

Neben Evan Roth sind auch die Street Artists Florian Rivière, Isaac Cordal, Mark Jenkins und Zukclub beim BLK River-Festival zu Gast.
Rivière, "Urban Hacktivist" aus Straßburg, gestaltet am Montag (17.9.) einen Workshop (Anmeldung erforderlich) und gestaltet so wie die anderen Künstler einen Ort im öffentlichen Raum. Gemäß dem Motto "Free Speech" wird erforscht wie weit künstlerische Intervention sowohl im öffentlichen, urbanen als auch im öffentlichen, digitalen Raum gehen kann. 

Um Staus an den Aktionorten zu vermeiden, werden an zwei Tagen (Di, 18. 9. und Fr., 21. 9. Jeweils 14 Uhr) geführte Fahrradtouren zu den Kunstwerken angeboten (ebenfalls Anmeldung erforderlich). 

Die Ergebnisse der filmischen Dokumentation von "Free Speech", der Aktion von Evan Roth, werden am Samstag (22. 9., ab 19.00) im Rahmen einer Ausstellung in der Kunsthalle Wien (Museumsquartier) präsentiert.

Mehr Wissenwertes, Kontaktdaten und Anmeldungen auf blkriver.at

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