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Exhibitionisten muss so ein Wettersturz schwer zu schaffen machen, dachte ich. Ein Blick aus dem Fenster: dezentes Grau und kühler Schnürlregen. Gestern war es noch warm gewesen. Da wandelten viele das Donauufer entlang oder durch Weingärten. Lauter Orte, an denen es sich wunderbar aus dem Gebüsch hervorspringen lässt.
In Venedig wurde ich gleich nach meiner Ankunft von einem solchen willkommen geheißen. Dabei wollte ich nur zwei Jugendlichen Kunst und Kultur näherbringen. Die Kirchen, die Statuen. Die Gegenwartspositionen der Biennale. Nach Venedig fuhren beide gern mit, aber - das stellte ich fest, sobald wir den Schlafwagen verließen und die schwüle Luft mit einem Hauch Meer und einem Schuss brackigen Kanalwassers uns in die Gesichter schlug - hauptsächlich, um sich dort mit Sonnenbrillen und Schuhen einzudecken.
Ich gedachte meines Vaters, der seinerzeit albtraumhafte Tage mit mir in der Lagunenstadt verbracht hatte, und büßte für meine Sünden. Bis zum Ende der Lista di Spagna hatten sie je zwei Paar Billigstsonnenbrillen zusammengerafft. "Schaut euch die schönen Statuen an", sagte ich und drückte ihnen die Malblöcke in die Hände. "Guck mal, Sandalen", sagte die eine. Die andere war schon weg. Unsere Eistüten durften nicht in die Ausstellung mitgenommen werden. In den Giardini ließen wir uns in Kassanähe neben einem konisch zugeschnittenen Busch nieder. Hinter dem Busch regte sich etwas. Ich sah ein herabgelassenes Hosenbein und eine Wade. Als der zugehörige Mann zum Vorschein kam, brüllte ich ihn wüst an. Er rannte. Mit halb heruntergelassener Hose eigentlich ein Kunststück.
Die eine Jugendliche, die alle ihre Ferien an FKK-Stränden zugebracht hatte, war erstaunt. Die andere schnappte sich den Block und malte die Szene detailgetreu nach. "An exhibitionist is here", informierte ich die Kassakraft in miesem Englisch. Das soeben angefertigte Phantombild wurde hergezeigt. Die Kassiererin strahlte und zeigte auf drei weitere Gartenbereiche. "And here, here and also here", sagte sie stolz. Beeindruckend. Als Weltkulturerbe wollte man mir so was bis jetzt noch nicht verkaufen. Dann fiel der Groschen. "No, not the exhibition. A naked man."
Sie rief die Polizei. Ergebnislos. Eine andere Methode entwickelte meine Hunderunde-Freundin, die beim Gassigehen im Prater von zwei verschreckten Frauen gewarnt wurde: Sie stürmte dem Mann fröhlich nach und verfolgte ihn beharrlich. Er packte ein und strebte zum nächsten Ausgang. "Ich will auch was sehen", rief sie ihm nach. "Na komm schon!" Er zog den Mantel enger um die Schultern und beschleunigte. "Sie belästigen mich", zischte er schließlich. Und wurde nie wieder gesehen. Auch so kann's gehen. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 15./16.9.2012)
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