Studie: Tropische Artenvielfalt macht Vögel nicht zu Spezialisten

21. September 2012, 18:40
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Weltweite Analyse des Zusammenspiels von Nahrungspflanzen und fruchtfressenden Vögeln - Flexibilität am Äquator höher als in gemäßigten Breiten

Frankfurt - Vögel, die Pflanzen bestäuben oder deren Früchte verbreiten, haben sich parallel zu den Pflanzen entwickelt, mit denen sie zusammenleben. Das kann zu extremen körperlichen Anpassungen - etwa in der Schnabelform - führen, wodurch sie nur noch wenige Pflanzenarten nutzen können und von diesen abhängig sind. Die Regel ist das jedoch nicht, wie Forscher im Fachmagazin "Current Biology" berichten. Sie stellten nämlich bei tropischen Vögeln eine überraschend hohe Flexibilität fest - höher als in unseren Breiten.

Eine internationale Forschergruppe hat eine weltweite Studie über das Zusammenspiel von Nahrungspflanzen und fruchtfressenden Vögeln durchgeführt, wie das Frankfurter Senckenberg-Forschungsinstitut berichtet. Überraschenderweise ergab sich dabei, dass die Spezialisierung von Bestäubern und Samenausbreitern auf einzelne Nahrungspflanzen von den gemäßigten Breiten in Richtung Äquator abnimmt.

Auswirkungen der Vielfalt umgedacht

Das kam einigermaßen unerwartet, denn seit Darwin war man davon ausgegangen, dass sich in den Tropen viele bestäubende Insekten und samenausbreitende Vögel auf jeweils nur einen kleinen Teil der vorhandenen Pflanzenarten spezialisiert haben. Diese Ko-Evolution gegenseitiger Spezialisierung war bislang eine wichtige Erklärung dafür, dass in den Tropen mehr Arten leben als in den gemäßigten Breiten. Doch die Studie erbrachte anderes: "Die Ergebnisse unserer globalen Analyse widerlegen die Annahme, dass Lebensgemeinschaften in den Tropen grundsätzlich spezialisierter sind als solche in den gemäßigten Breiten", so Matthias Schleuning und Jochen Fründ, die Hauptautoren der Studie.

"Eine einfache Erklärung für die Generalisierung in den Tropen könnte darin liegen, dass die große tropische Pflanzenvielfalt für die Tiere viele verschiedene Ressourcen in geringer Dichte bietet. Wer nicht besonders wählerisch ist, hat Vorteile, denn dann ist der Weg zur nächsten Nahrungsquelle nicht so weit und die Nahrungsaufnahme wird effizienter", so Fründ.

Flexibilität sorgt für Absicherung

Vorteile hat die Generalisierung in den Tropen auch für die Pflanzen, denn sie sind besser risikoversichert - wer gleich von mehreren Tierarten angeflogen wird, für den verringert sich das Risiko auszusterben, wenn einzelne Bestäuber oder Samenausbreiter verschwinden oder selten werden. "Daher vermuten wir, dass bestimmte Ökosystem-Funktionen wie Bestäubung und Samenausbreitung in den Tropen weniger anfällig gegen Störungen sind als in den gemäßigten Breiten. Aufgrund der generalisierten Beziehungen und des höheren Artenreichtums können mehr Arten die Funktionen von einzelnen rückläufigen Arten ersetzen", so Nico Blüthgen, der Initiator der Studie von der TU Darmstadt.

Dass solche Störungen im Beziehungsgefüge zwischen Tieren und Pflanzen sogar beträchtliche wirtschaftliche Auswirkungen haben können, zeigt das aktuelle Bienensterben in den USA, das besonders dort zu hohen Kosten führt, wo alternative Bestäuber fehlen. (red, derStandard.at, 21. 9. 2012)

  • Der Andenfelsenhahn, ein etwa 35 Zentimeter langer Sperlingsvogel, ist ein gutes Beispiel für flexible Ernährungsweise: Er frisst die Früchte von mehr als 100 Pflanzenarten und verbreitet deren Samen.
    foto: matthias dehling

    Der Andenfelsenhahn, ein etwa 35 Zentimeter langer Sperlingsvogel, ist ein gutes Beispiel für flexible Ernährungsweise: Er frisst die Früchte von mehr als 100 Pflanzenarten und verbreitet deren Samen.

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