Abrechnung mit gesellschaftlichen Entgleisungen

Sabina Zwitter
14. September 2012, 17:08
  • Die irische Sopranistin Celine Byrne als Agathe: Besungen wird die Liebe, gezeigt wird eine Gesellschaft vor der Aufklärung, die sich dem Kult um Waffen und Gewalt verschrieben hat.
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    foto: apa/arnold pöschl

    Die irische Sopranistin Celine Byrne als Agathe: Besungen wird die Liebe, gezeigt wird eine Gesellschaft vor der Aufklärung, die sich dem Kult um Waffen und Gewalt verschrieben hat.

Saisonauftakt unter neuer Intendanz: Die junge Regisseurin Anna Bergmann hat Carl Maria von Webers "Der Freischütz" als beklemmendes Spiel zwischen Realität und Vision inszeniert

Das Publikum war zwiegespalten.

Klagenfurt - Der neue Intendant des Stadttheaters Klagenfurt, Florian Scholz, ist ein mutiger Mann, das ist seit seiner Auftaktpremiere, dem Freischütz von Carl Maria von Weber, unbestreitbar.

Während die letzte Intendanz geprägt war von Wiederaufnahmen schon erfolgreich gelaufener Produktionen, hat Scholz die 34-jährige deutsche Regisseurin Anna Bergmann engagiert. Sie inszenierte den Freischütz unter der musikalischen Leitung von Alexander Soddy als ein aktuelles, hochdramatisches und vor allem beklemmendes Spiel zwischen Realität und Vision.

Bergmann beweist in Klagenfurt, dass Provinz für kompromisslose Theatermacher keine Denkkategorie ist. Sie versetzt das von Theodor Adorno als deutsche Nationaloper klassifizierte Bühnenwerk in den Süden der USA und löst wirkungsvoll die Grenze zwischen Oper und Theater auf. Der eiserne Bühnenvorhang wird zur riesigen Projektionsfläche: Ein erlegter weißer Hirsch verkündet Unheil, die Protagonistin Agathe - die irische Sopranistin Celine Byrne berührt durch ihre sichere und einfühlsame Performance - trifft auf ihren Helden Max.

Er soll sie aus der Isolation, von Bergmann atmosphärisch perfekt an den US-Independent-Film Winter's Bone angelehnt, retten. Die endlos kreisende Drehbühne (Bühne: Ben Baur) führt in ein abgelegenes Dorf fern der Zivilisation und ändert beständig die Perspektive auf Alltagsszenen. Der Aberglaube der Dorfbewohner mutiert zur Tradition. Traditionen, die sich jedem Hinterfragen entziehen und zum Gesetz mit selbst konstruierter Gerichtsbarkeit erhoben werden. Besungen wird die Liebe, unterlegt von Webers unheilverkündender Instrumentierung; gezeigt wird eine Gesellschaft vor der Aufklärung, die sich dem Kult um Waffen und Gewalt verschrieben hat.

Pakt mit dem Teufel

Der souveräne lyrische Tenor Stephan Rügamer aus Bayern taucht als Max in dieses Dorfbiotop ein und wird von seinen Zwängen gleichsam aufgesogen. Um Agathe heiraten zu dürfen, muss er sich einem Schießritual stellen. Aus Furcht, den gesellschaftlichen Zwängen nicht entsprechen zu können, schließt er einen Pakt mit dem Teufel (gespielt von Michael Kuglitsch, der sowohl durch schauspielerischen Ausdruck wie auch durch komisches Talent überzeugt).

In der Wolfschlucht lässt Bergmanns Inszenierung das Original vergessen und mutiert zur fulminanten Abrechnung mit gesellschaftlichen Entgleisungen - eine Drogenhölle ohne Moral und Empathie. Max und Kaspar (stimmlich wie schauspielerisch überzeugend: Martin Winkler) gießen sieben magische Kugeln. Während die ersten sechs treffen, so wie der Schütze es will, gehört die siebente Kugel dem Bösen.

Im Klagenfurter Freischütz stehen die sieben Kugeln für die sieben Todsünden der modernen Welt nach Mahatma Gandhi - Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Gesellschaft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft und Politik ohne Prinzipien. In der Tradition eines David Lynch wird Agathes Albtraumwelt zum Drogentrip von Max. Und obwohl er durch den Verlust seiner Unschuld die Feuertaufe überstehen könnte, wird aus dem Happy End nichts.

Agathes Polterabend, glitzernd versetzt mit Playboy-Bunnys (Kostüme: Claudia Gonzáles Espindola), und der Showdown, von Bergmann als Transvestiten-Parade inszeniert. lassen das nahende Unheil erahnen, dem der von Gewalt infizierte Max ein Ende setzt.

Unter den langanhaltenden Applaus mischten sich Buhrufe, als die Regisseurin die Bühne betrat. Ein Theater, das aneckt und etwas zu erzählen hat, hat viele Besucher überfordert. Zu ihrem laut vorgebrachten Leidwesen wurde mit dieser Produktion auch ein Schlussstrich unter die Ära eingängiger Publikumshits gezogen. Für das Klagenfurter Stadttheater ist diese Gangart und Tonalität allerdings eine reale Chance, sich über die Landesgrenzen hinaus wieder bemerkbar zu machen. (Sabina Zwitter, DER STANDARD, 15./16.9.2012)

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23 Postings
Harsche Worte

auch im "Kurier" vom 18. 9.:
"Zwischen Geisterbahn und Horrorladen...."

In der "Presse"

liest sich das etwas anders.......

Na und?
Soll etwa überall das gleiche stehen?

NEIN -

sonst könnte ja der Eindruck entstehen, dass das, was der STANDARD bringt, der Realität entspricht....

Realität = deine Meinung
Stimmts?

Zu viel der Ehre

Realität = Wilhelm Sinkovicz "Meinung"
Unser alter Freund hier redet sie bloß nach und garniert sie fallweise mit den Namen längst verblichener Künstler.

Zu Ihrer Information:

12. 09. : English Theatre
13. 09. : Albertina
14. 09. : Th.i.d.Josefstadt
15. 09. : Staatsoper / Vespri
16. 09. : Wandertägiger Sonntag
17. 09. : Staatsoper / Ballett (Romeo aus Polen!)
18. 09. : Filmmuseum / Beau Travail
19. 09. : K.Spiele / King's Speech
20. 09. : Staatsoper / Elektra
21. 09. : Filmmuseum / Shop Around the Corner
Und Ihr Programm?

Wow, und Sie behaupten, bei dem Pensum auch noch eine einzelne Aufführung verarbeiten zu können?

Na ja, wenn man mit vorgefassten Meinungen hingeht...

Verarbeiten?

Auf welchem Stand sind da Sie - etwa noch bei Ihrer ersten Theater der Jugend-Aufführung, die vielleicht auch schon Ihre letzte war?

Vor allem kommentiert er (häufig), ohne im Theater, der Oper gewesen zu sein.

Ach frauje!

Was Sie nicht alles wissen! Ich verbringe sicher mehr Zeit in Theater und Oper als manche von denen, die mich hier stalkend verfolgen, also etwa Sie...
Was nun aber den speziellen Fall (Freischütz) betrifft, so schrieb ich nur, dass in der "Presse" anders geschrieben wurde als im "Standard" - und prompt setzte sich die übliche Meute in Bewegung!

Und, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn sie so viel Zeit im Theater verbringen, da müssen Sie wenigstens eine Weile still sein.

und ja, ich habe Sie beim Standard als bedenklich gemeldet, aber man will Ihnen noch eine Chance lassen.

MAN?

Ist das Ihre spezielle Ileismus-Variante?

man - die Redaktorinnen und Redaktoren

Also nicht

die Redakteure & Redakteurinnen....

Was heißt hier bitte "die übliche Meute"?
Trotz der Aufführungsliste oben, dürften sie nicht sehr kultiviert sein.

"Die übliche Meute"

Nun, wie wäre Ihre Bezeichnung dafür?

3 Personen = Meute

Interessant

Also

fanden auch Sie keinen passenderen Namen dafür!

Ihre Definition: Meute= Alle ausser mir, denn ICHsehdasSO1 habe immer recht.

Und was

sollte daran nicht stimmen???

Menschen mit bipolaren Störungen gehören in Therapie, deren krankheitsbedingt egomanisches Verhalten können wir, "die Meute", so nett wir sind, nicht verändern.

Und seit welcher

Therapie sehen Sie sich als "nett"?

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