Abrechnung mit gesellschaftlichen Entgleisungen

  • Die irische Sopranistin Celine Byrne als Agathe: Besungen wird die Liebe, gezeigt wird eine Gesellschaft vor der Aufklärung, die sich dem Kult um Waffen und Gewalt verschrieben hat.
    vergrößern 800x559
    foto: apa/arnold pöschl

    Die irische Sopranistin Celine Byrne als Agathe: Besungen wird die Liebe, gezeigt wird eine Gesellschaft vor der Aufklärung, die sich dem Kult um Waffen und Gewalt verschrieben hat.

Saisonauftakt unter neuer Intendanz: Die junge Regisseurin Anna Bergmann hat Carl Maria von Webers "Der Freischütz" als beklemmendes Spiel zwischen Realität und Vision inszeniert

Das Publikum war zwiegespalten.

Klagenfurt - Der neue Intendant des Stadttheaters Klagenfurt, Florian Scholz, ist ein mutiger Mann, das ist seit seiner Auftaktpremiere, dem Freischütz von Carl Maria von Weber, unbestreitbar.

Während die letzte Intendanz geprägt war von Wiederaufnahmen schon erfolgreich gelaufener Produktionen, hat Scholz die 34-jährige deutsche Regisseurin Anna Bergmann engagiert. Sie inszenierte den Freischütz unter der musikalischen Leitung von Alexander Soddy als ein aktuelles, hochdramatisches und vor allem beklemmendes Spiel zwischen Realität und Vision.

Bergmann beweist in Klagenfurt, dass Provinz für kompromisslose Theatermacher keine Denkkategorie ist. Sie versetzt das von Theodor Adorno als deutsche Nationaloper klassifizierte Bühnenwerk in den Süden der USA und löst wirkungsvoll die Grenze zwischen Oper und Theater auf. Der eiserne Bühnenvorhang wird zur riesigen Projektionsfläche: Ein erlegter weißer Hirsch verkündet Unheil, die Protagonistin Agathe - die irische Sopranistin Celine Byrne berührt durch ihre sichere und einfühlsame Performance - trifft auf ihren Helden Max.

Er soll sie aus der Isolation, von Bergmann atmosphärisch perfekt an den US-Independent-Film Winter's Bone angelehnt, retten. Die endlos kreisende Drehbühne (Bühne: Ben Baur) führt in ein abgelegenes Dorf fern der Zivilisation und ändert beständig die Perspektive auf Alltagsszenen. Der Aberglaube der Dorfbewohner mutiert zur Tradition. Traditionen, die sich jedem Hinterfragen entziehen und zum Gesetz mit selbst konstruierter Gerichtsbarkeit erhoben werden. Besungen wird die Liebe, unterlegt von Webers unheilverkündender Instrumentierung; gezeigt wird eine Gesellschaft vor der Aufklärung, die sich dem Kult um Waffen und Gewalt verschrieben hat.

Pakt mit dem Teufel

Der souveräne lyrische Tenor Stephan Rügamer aus Bayern taucht als Max in dieses Dorfbiotop ein und wird von seinen Zwängen gleichsam aufgesogen. Um Agathe heiraten zu dürfen, muss er sich einem Schießritual stellen. Aus Furcht, den gesellschaftlichen Zwängen nicht entsprechen zu können, schließt er einen Pakt mit dem Teufel (gespielt von Michael Kuglitsch, der sowohl durch schauspielerischen Ausdruck wie auch durch komisches Talent überzeugt).

In der Wolfschlucht lässt Bergmanns Inszenierung das Original vergessen und mutiert zur fulminanten Abrechnung mit gesellschaftlichen Entgleisungen - eine Drogenhölle ohne Moral und Empathie. Max und Kaspar (stimmlich wie schauspielerisch überzeugend: Martin Winkler) gießen sieben magische Kugeln. Während die ersten sechs treffen, so wie der Schütze es will, gehört die siebente Kugel dem Bösen.

Im Klagenfurter Freischütz stehen die sieben Kugeln für die sieben Todsünden der modernen Welt nach Mahatma Gandhi - Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Gesellschaft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft und Politik ohne Prinzipien. In der Tradition eines David Lynch wird Agathes Albtraumwelt zum Drogentrip von Max. Und obwohl er durch den Verlust seiner Unschuld die Feuertaufe überstehen könnte, wird aus dem Happy End nichts.

Agathes Polterabend, glitzernd versetzt mit Playboy-Bunnys (Kostüme: Claudia Gonzáles Espindola), und der Showdown, von Bergmann als Transvestiten-Parade inszeniert. lassen das nahende Unheil erahnen, dem der von Gewalt infizierte Max ein Ende setzt.

Unter den langanhaltenden Applaus mischten sich Buhrufe, als die Regisseurin die Bühne betrat. Ein Theater, das aneckt und etwas zu erzählen hat, hat viele Besucher überfordert. Zu ihrem laut vorgebrachten Leidwesen wurde mit dieser Produktion auch ein Schlussstrich unter die Ära eingängiger Publikumshits gezogen. Für das Klagenfurter Stadttheater ist diese Gangart und Tonalität allerdings eine reale Chance, sich über die Landesgrenzen hinaus wieder bemerkbar zu machen. (Sabina Zwitter, DER STANDARD, 15./16.9.2012)

Share if you care