Keine alte Drogenszene am neuen Wiener Hauptbahnhof

Franziska Zoidl, 18. September 2012, 10:26
  • Ab 9. Dezember ist der Wiener Hauptbahnhof für Reisende geöffnet.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Ab 9. Dezember ist der Wiener Hauptbahnhof für Reisende geöffnet.

Stadt spricht von baulichen und sozialen Maßnahmen, Kritiker von Vertreibung durch Polizei

Auf einem Bahnhof sind nicht nur Reisende unterwegs. Die gute Infrastruktur, lange Öffnungszeiten und der Schutz vor dem Wetter ziehen auch Menschen an, die am Rand der Gesellschaft stehen. Bei der Planung des Wiener Hauptbahnhofs, der ab Dezember 2012 seine Türen zum Teil öffnet, wurde darauf geachtet, dass sich keine Drogenszene wie etwa früher am Karlsplatz ansiedelt.

"Es geht uns nicht in erster Linie um die Verhinderung einer Drogenszene", erklärt Andrea Jäger von der Sucht- und Drogenkoordination der Stadt Wien, die bei der Planung des Hauptbahnhofs eine beratende Funktion innehatte. "Aber die Stadt hat das Ziel, in und um Bahnhöfe für eine sozial verträgliche Situation zu sorgen."

Keine Nischen und viel Licht

Daher wurden bauliche Maßnahmen ergriffen, um den Hauptbahnhof besucherfreundlich zu machen. Statt engen Nischen soll es weite Hallen geben. "Das erhöht das subjektive Sicherheitsgefühl", so Jäger. Auch die Lichtausgestaltung in Unterführungen sei ein wichtiges Thema bei der Planung gewesen. Allgemein wolle man durch lichtdurchlässige Öffnungen im Dach möglichst viel Tageslicht in die Hallen bringen, erklären die ÖBB. Außerdem wurden die Stiegen am gesamten Bahnhofsgelände möglichst breit geplant, damit Leute, die sich darauf niederlassen, nicht den Durchgang für andere Menschen blockieren.

Platz für Obdachlose

Laut Andrea Jäger ist es aber nicht das Ziel, Obdachlose gänzlich vom Bahnhof zu vertreiben: "Ich kann nicht nur sagen: 'Ich will sie nicht sehen.' Ich muss auch sagen, wo sie sich aufhalten können." Es sei daher wichtig, sich im Vorfeld zu überlegen, wie unterschiedliche Gruppierungen hier mit- und nebeneinander leben können. So habe man etwa die Erfahrung gemacht, dass ausreichend Sitzplätze zu einer Entspannung der Situation beitragen können.

In der Nähe des Hauptbahnhofs soll außerdem ein Tageszentrum für wohnungslose Menschen eröffnet werden. Damit wolle man verhindern, dass diese untertags auf den öffentlichen Raum angewiesen sind. Am Bahnhof selbst wird es ab Dezember 2014 auch ein Büro für mobile Sozialarbeiter von der Suchthilfe geben.

Aufteilung der Geschäftslokale

Ein weiterer wichtiger Aspekt für einen reibungslosen Ablauf am Bahnhof ist die Auswahl der Geschäfte, die sich einmieten. "Man muss sich sehr gut überlegen, wo man Geschäfte haben will, die billigen Alkohol verkaufen", sagt Jäger. "Ob man eine Bäckerei, oder einen Würstelstand, der Bier verkauft, gleich beim Eingang hat, macht einen Unterschied." Im Hauptbahnhof wird daher zum Beispiel der Supermarkt erst im ersten Stock zu finden sein.

Erfolgreiche Projekte

Als Beispiel für gelungene Maßnahmen diene der Westbahnhof, der vergangene Woche zum schönsten Bahnhof Österreichs gekürt wurde. "Früher war der Westbahnhof ein Aufenthaltsort für unterschiedliche marginalisierte Menschen, diese Probleme haben wir derzeit nicht mehr", sagt Jäger.

Auch bei der Planung der vor kurzem neueröffneten Karlsplatz-Passage war die Wiener Sucht- und Drogenkoordination als Beraterin tätig und ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. "Früher waren hier pro Tag mindestens siebzig Wohnungslose, heute sind es nur noch sechzehn."

Kritische Stimmen

Auf die Frage, wohin die Szene verschwunden sei, antwortet Jäger: "Die sind jetzt integriert." Sie verweist etwa auf die Einrichtung Jedmayer, die viele Suchtkranke betreut. Ein Aktivist von der Initiative Drogenkonsumraum sieht das ganz anders: "Es kann nicht als Erfolg verzeichnet werden, wenn man Suchtkranke polizeilich vertreibt und zu Nomaden macht."

Auch die mobilen Sozialarbeiter, die ab 2014 am Bahnhof stationiert sein sollen, sieht er kritisch. Diese würden einem Allparteienansatz folgen, also vom Anrainer bis zum Obdachlosen für alle da zu sein versuchen. "Da wird es sicher zu Konflikten kommen, bei denen gegen die Interessen der Suchtkranken entschieden wird." (Franziska Zoidl, derstandard.at,18.9.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 320
1 2 3 4 5 6 7
Eure Droge heisst "Konsum" !!!

Also keine alte Dorgenszene am Bahnhof, sondern nur postmoderne Konsum-Junkies !
Verstanden?

Zur Erinnerung

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon:
"Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, kein Verbrechen"
Erklärung zum Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr, 26. Juni 2011

Die Finanzierung

der Drogenabhängigkeit geschieht überwiegend durch Verbrechen, eher selten durch Arbeit. Die Drogenabhängigkeit selbst ist kein Verbrechen, sondern eine Krankheit, die adequate Behandlung erfordert, wie andere psychische Krankheiten auch.

geschieht überwiegend durch Verbrechen, eher selten durch Arbeit

Wie ein politisches Amt.

Leider

ist es wieder so weit gekommen. Ich wünsche mir eine Expertenregierung, keine Parteipolitiker-Regierung mehr. Die Parteien haben ihre Pflicht eine Zeitlang getan, jetzt können sie gehen. Wenn es wenigstens keinen Klubzwang gäbe! Einzelne sind immer noch vernünftiger und anständiger als eine Masse. Die Grünen kann man noch wählen, die haben noch keine Zeit gehabt, so zu verkommen wie die anderen Parteien.

Ich wünsche mir eine Expertenregierung, keine Parteipolitiker-Regierung mehr.

Amen

Klassische Musik

hat man in Graz mit Erfolg dazu verwendet, um die Sandler und Drogensüchtigen aus den Schlossbergstollen zu vertreiben. Das war notwendig, weil es dort keine Toiletten gab. Auch in Stockholm haben klassische Konzerte während der Touristensaison die Drogenszene vom Verkehrsknoten weitgehend entfernt. In Geschäftspassagen kann man diese humane Räumungsmethode allerdings nicht anwenden, das wäre für das Personal wahrscheinlich schwer zu ertragen. In Stockholm hat man auch gesehen, wie erstaunlich effektiv es war, einfach ein Lokal zu schließen, in dem Dealen und Konsum geduldet worden waren. Und wie wichtig frühe Massnahmen gegen Rauchen bei Kindern und Minderjährigen sind. Fast jede Drogenkarriere startet mit Nikotin.

Fast jede Drogenkarriere

startet mit Muttermilch, nicht mit Nikotin...

So wissenschaftlich wollen wir bitte schon noch bleiben.

Sie haben mehr Recht, als Sie denken

Tatsächlich gibt es in der menschlichen Muttermilch eine Substanz, die sich auf die gleichen Rezeptoren setzt wie Benzodiazepine. Wenn es keine körpereigene Substanz für diese Rezeptoren gäbe, hätten wir diese Rezeptoren gar nicht. Es war auch biologisch sinnvoll, dass man Säuglinge durch Stillen zum Einschlafen bringen konnte, weil die Gruppe so weniger leicht von Raubtieren entdeckt wurde als in Begleitung schreiender Säuglinge. Heutzutage würde ich eher vorschlagen, ein Kind wenigstens tagsüber nicht mehr zu stillen, wenn es anfängt, zu laufen und zu sprechen.
Eine Drogenkarriere startet dann, wenn man bewusst eine körperfremde Substanz zum Stressabbau oder zur Erhöhung des Wachheitsgrades wählt, weil man mit sich nicht zurechtkommt.

Ich empfinde diesen Lärm von ein- und abfahrenden Zügen während des Shoppens als unerträglich. Könnte man die Züge nicht anderswo fahren lassen als in diesem schönen Bahnhof? Issja grässlich...

Das ist kein Bahnhof, was da am Ort des ehemaligen Südbahnhofes gebaut wird!

Das ist ein verdammtes Shopping-Center.
Der Name "Bahnhof" dient nur zur Verschleierung.

Das sollte man bedenken, wenn man vom "Hauptbahnhof" spricht.

"Es geht uns nicht in erster Linie um die Verhinderung einer Drogenszene"

Warum nicht?

mM

naja, die Konsum-Junkies wollen sie schon dort behalten...

Wollen sie Wien entvölkern?

ob alkool konsum in bahnof verboten wird ist noch infrage

kein konsumterror, wo menschen diesem nicht entkommen können, die öffis nutzen wollen/müssen/können.

Woher ...

... kommt eigentlich dieser merkwürdige Trend, vom "Konsumterror" zu sprechen, sobald irgendwo mehr als 3 Geschäfte an einem Bahnhof stehen?

90 % der Leute und ich sind froh, auf einem Bahnhof umfangreiche Einkaufsmöglichkeiten und eine ordentliche Gastronomieauswahl zu haben, sowohl bei der Abreise als auch bei der Ankunft. Zwingt Sie ja niemand, hineinzugehen. Und Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang gibt's zB am Westbahnhof Neu auch genug, also nehme ich an, dass das beim Hbhf genauso sein wird.

Ja, ich halte ein ganzes "Shopping Center" aus stadt- und raumplanerischer Sicht auch für verfehlt, aber hier wird ja schon geschimpft, sobald bekannt wird, dass es in der Haupthalle Einkaufsmöglichkeiten gibt.

naiv zu glauben, dass da "mehr als 3 Geschäfte" sind, um

den Bedarf von Reisenden zu decken...

sie reduzieren konsumterror auf castro?
konsumterror bezieht sich nicht zuletzt auf die ansiedelung von konzernen, siehe westbahnhof...
klein- und mittelbetriebe können sich die mieten dort nicht leisten.

Nachtrag:

Man sollte sich einfach daran gewöhnen, dass die Zeiten, in denen ein Feudalherr von Künstlern riesige Hallen als Machtdemonstration aufstellen hat lassen und die Schulden gegebenenfalls mit einem Krieg getilgt hat, vorbei sind. Lieber, die ÖBB lukriert ein paar Millionen (am Flughafen sind das an die 50 % der Einnahmen!) aus Pacht als sie muss diese Millionen für den Bahnhofsbau woanders lukrieren, sprich Einsparen, Gebühren erhöhen oÄ.

ähhh:

die öbb haben ihre immobilien im südbahnhofareal "entwickelt". so weit so gut: viele billigstwohnungen, viele unnötige büros, ein paar gegend verschandelnde hochhäuser, ein shopping-tempel.

und ein bissi bahnhof.

nur: die öbb sind kein immobilienentwickler, sondern die österreichischen bundesbahnen. ihre aufgabe ist es einen, teil des öffentlichen verkehrs zu "machen".

und: die drogen/sandlerszene wird kommen. halt nicht so arg im hellen teil, sondern eher in den dünkleren ecken. die hängen dann wahrscheinlich im schlauch zur u-bahn rum (gehört der den öbb oder den wiener linien??? bei letzterem ist das problem vobn den öbb wegverlagert...)

Und was soll die ÖBB machen, wenn sie den Großteil ihrer Flächen (Gleis- und Rangierflächen nahe dem ehem. Süd/Ostbahnhof) aufgrund gewandelter Zeiten einfach nicht mehr braucht? Soll sie den Bahnhof fünfmal so groß wie notwendig bauen, damit Sie ihr nicht vorwerfen können, die freigewordenen Flächen sinnvoll anderen Nutzungen zuzuführen ...?

"Laut Andrea Jäger ist es aber nicht das Ziel, Obdachlose gänzlich vom Bahnhof zu vertreiben"

Da sieht die Praxis in öffentlichen Wiener Verkehrsstationen allerdings anders aus, wo offensiv Menschen, die nicht in das Normbild eines gesellschaftlich vollkommen integrierten Bürgers passen, vom "Ordungsdienst" der Wiener Linien vertrieben werden. Die Situation auf den Bahnhöfen, etwa dem Westbahnhof, ist ähnlich: Dort ist es vor allem die Kommerzialisierung und Privatisierung dieser öffentlichen Räume in Form von Einkaufszentren oder Shopping Passagen, die eine Gentrifizierung bewirkt. Die Vertreibung aller nicht Angepassten erfolgt neben dem ideologischen Druck des Milieuwechsels auch durch direkte Repression der privaten Sicherheitsdienste. An die SPÖ Wien: Ihr müsst euch entscheiden, ob ihr sozial oder neoliberal sein wollt.

Immer wieder erschreckend, wie man über Obdachlose berichtet oder auch spricht. Wie über wilde Tiere, die sich hier und dort wohler fühlen, oder mit diesem oder jenem Mittel vertrieben werden können. Extrem.
Vielleicht ist das naiv, aber ich wüde mir wünschen, dass diese Leute auch medial wie Menschen behandelt würden, und eventuell sogar einmal selbst zu Wort kämen.
jaja, ich weiß...

SOOO schaut ein wirklicher Hauptbahnhof aus. HBF Zürich Haupthalle:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia... ahnhof.JPG

Vorne rechts oben eine Skulptur von Niki De Saint Phalle, die Vögel hinten oben von Mario Merz

Dieselbe Halle hier ganz anders:
http://www.ipsch.ch/imagesips... Zueri1.jpg

Aber: Da steckt halt eben ein Nutzungskonzept dahinter. Bei uns heisst Nutzung "kaufen", nicht einmal "Konsum". Den Unterschied sollte man hierzulande mal überreissen....

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 320
1 2 3 4 5 6 7

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.