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Yves Béhar schuf den Kronleuchter "Amplify". Der Designer nimmt einen Kristall, vergrößert ihn innerhalb einer Papierlaterne, in der dann verschiedene digitale Muster zu sehen sind.

Im Film "Osmosis" zeigt Designer Arik Levy Momente aus dem Rapid Prototyping. Man soll dabei den Ortswechsel von Partikeln besser verstehen lernen.

Im Falle von "Blur" des Designers Philippe Malouin wird ein Swarovski-Kristall bei hoher Geschwindigkeit gedreht. Somit entsteht ein Lichtprisma in einem farbenreichen Spektrum.
Es sind reizvoll zerfaserte Fragestellungen, die um das Thema der aktuellen Ausstellung Digital Crystal: Swarovski kreisen und die dieser Tage im Londoner Design Museum auf breiter Ebene Grundlegendes ausloten. Was ist das überhaupt: Veränderung im fortgeschrittenen Zeitalter der digitalen Revolution, die in ziemlich kurzer Zeit ziemlich viel Datenbrei geschaffen hat? Es geht um die Flüchtigkeit und um die vielfältigen Verwerfungen innerhalb der Beziehungen von Subjekt und Umgebung. Und es geht um radikale Umorientierungen einer Ära, die soeben eine lange Tradition des Umgangs mit persönlichen Erinnerungsstücken, mit Fotografien oder Tagebüchern, mit Briefen und Sammler-Artefakten völlig neu überschreibt - und an eine subversive Uferlosigkeit weiterreicht.
Deyan Sudijc, der Direktor jener Londoner Kulturinstitution, die in schöner Regelmäßigkeit Relevantes hinsichtlich der Schnittstelle von Design und gesellschaftlichen Veränderungen zutage fördert, erläutert das auf seine Art: "Digital Crystal: Swarovski hinterfragt die Zukunft und unsere Beziehung zu einer Welt, in der es allzu einfach scheint, die Verbindung zum Greifbaren und Realen zu verlieren, da wir uns immer schneller einem digitalen Zeitalter nähern, wo Erinnerung und persönliche Besitztümer, die uns einst so wichtig waren, nun entweder online sind oder auf einen Schlag verschwinden." Sudijc hätte es freilich auch anders sagen können: Es geht ums Ganze.
Altherrenpartie und Jungstars
Vielleicht kann Swarovski auch deswegen mit einer Reihe an Kreativen antreten, die sich in Summe wie ein All-Star-Team ausnehmen, wenngleich um ein paar vielversprechende Jungtalente aufgefrischt. Ron Arad und Arik Levy sind mit von der Altherrenpartie, Yves Béhar, Paul Cocksedge und Marten Baas als Vertreter einer gleichfalls belastbaren, wenngleich jüngeren Solisten-Generation - wobei die Rollen klar definiert sind. Bereits bekannte Arbeiten aus den Swarovski-Archiven werden da neben den eigens für die Ausstellung entworfenen Auftragsarbeiten präsentiert, die wiederum zur Gänze an echte Newcomer übergeben wurden: der Schwedin Hilde Hellström etwa, Fredrikson Stallard oder Semiconductor.
Eng gesteckte Grenzen der Kreativität verbietet die ausufernde Materie - sprich: die Welt im Verdauungstrakt der Server - dabei praktisch von selbst. Aber auch jedwede Beliebigkeit im Umgang mit einer thematisch anspruchsvollen Materie, die aufmerksam agierende Designer wohl mit Handkuss angenommen haben mögen - zählt das freie und hintergründige Verschränken von Kontextualität doch längst zum wesentlichen Arbeitsauftrag des heutigen Entwerfens. Beispiel Hilde Hellström: Souverän zeigt die Absolventin des Royal College of Art, wie die Liebe zur Verortung im Zeitalter der Pixelmania aussehen kann. Und dass das Wesen Wattens in eine Art Google-Maps-Urne passt. Man nehme selbstkreierten Stein (als hinreichend synthetisches Basismaterial), antizipiere das bergige Relief Greater Wattens via Google Maps und mithilfe von 3-D-Zeichenprogrammen und dekoriere damit zwei quasimythisch anmutende Gefäße, die auf die archaisch interpretierte Dominanz eines lokalen Clans verweisen.
Ähnlich tiefschürfend - mal in spielerisch-abstrahierter Gangart, dann wieder eine Nummer feststofflicher - nimmt sich das Gros der insgesamt 14 Ausstellungsstücke aus: Philippe Malouin verwandelt das Material Kristall durch extrem schnelle Bewegung in farbenreiche Bilder und kokettiert so mit der verwischten Grenzziehung materiell/immateriell. Arik Levy schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe: Indem sein Film Osmosis den Übergang von Partikeln zeigt, relativiert er die vertraute Sichtweise auf eine physische Welt, die nur scheinbar Stabilität besitzt. Wrapping Crystal des Nachwuchsdesigners Anton Alvarez macht da lieber in Glitzerzuckerwatte: Er lässt diverse Gegenstände von einer Spinnmaschine und mit miniklunkerbesetztem Swarovski-Garn einspinnen. So entsteht ein - sagen wir: zauberhafter Zeitkokon.
Prinzip Kondensierung
Wobei: Längst nicht alle der hier präsentierten Arbeiten sind genuine Neuware. Was freilich nicht heißt, dass sie nicht auf ihre Weise bereits früher das Thema Auflösung bespielt hätten. Yves Béhar, der gebürtige Schweizer, der in San Francisco als Mitdenker der "Cradle to Cradle"-Designphilosophie groß durchstartete, setzte bereits 2010 auf das Prinzip Kondensierung: Ein einfacher Kristall diente Béhar dabei als Ausgangspunkt, von dem aus er vielfältige digitale Muster ableitete, die wiederum Papierlampions zieren. Noch älter - aber hochaktuell - ist Paul Cocksedges Crystallize- Kronleuchter: 2005 in Auftrag gegeben, zeichnet er den Verlauf eines Laserstrahls nach, der durch einen einzigen Kristall geleitet wird und so einen betont grafisch anmutenden Effekt erzielt.
Weil inhaltliche Abfolge keine nennenswerte Rolle spielt, an dieser Stelle noch ein Anhang: nämlich der Einstieg in die Ausstellung. Random International spielen dazu mit dem Weg des Lichts im digitalen Zeitalter und schicken es in Form ihres Sunlight Video vom Erdgeschoß bis in die Ausstellungsräume selbst. Ein paar Lichtblicke weiter rücken Semiconductor in einer Animation allfällige real vor Ort Anwesende im Rahmen der Installation The Shaping Grows in den Mittelpunkt jener Materie, die - Auflösung hin, Uferlosigkeit her - schon auch eine Rolle spielt: Gezeigt wird das Wachsen eines mineralischen Kristalls. Und siehe da: Auch hier gilt: Nix is fix. Außer den Spuren früheren Wachstums, die im Kristall zurückbleiben. Alles weitere: stete Veränderung von Farbe und Form, die sich manchmal sehr schnell und manchmal langsam bewegt. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 14.9.2012)
"Digital Crystal: Swarovski" im Design Museum London, bis 13. Jänner 2013.
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