"Mode bewahrt vor dem sozialen Tod"

Johannes Lau
16. September 2012, 19:25
  • Mode ist weniger provokant als subtil: Darin waren sich die Diskutanten bei der RONDO-Podiumsdiskussion einig. Von links: Barbara Vinken, Peter Bäldle, Brigitte Felderer und Elisabeth Längle.
    foto: heribert corn

    Mode ist weniger provokant als subtil: Darin waren sich die Diskutanten bei der RONDO-Podiumsdiskussion einig. Von links: Barbara Vinken, Peter Bäldle, Brigitte Felderer und Elisabeth Längle.

Hat die Mode ihre kritische Sendungskraft eingebüßt? Dieser Fragestellung ging eine prominent besetzte Podiumsdiskussion des RONDO im Wiener Museumsquartier nach

Kritik artikuliert sich meist gegen die Norm - auch in der Mode. Angesichts eines sich auflösenden gesellschaftlichen Konsenses fällt es aber schwer, die bestehende Ordnung zu unterlaufen, da in einer hyperindividualistischen Zeit ohnehin jeder seinen eigenen Wertekanon und damit sein Outfit für das einzig Wahre hält. "Hat die Mode noch kritisches Potenzial?" - diese Frage versuchte eine Diskussion, moderiert von STANDARD -Redakteur Stephan Hilpold, zu beantworten.

Die Mode hat ihre kritische Sendungskraft eingebüßt, meint Brigitte Felderer, Kulturwissenschafterin von der Universität für angewandte Kunst in Wien: "Mode ist heute etwas, das sich an Szenen ausrichtet und Gruppen bildet. Die urbane Bühne für die Selbstdarstellung ist verschwunden." Peter Bäldle, Modejournalist und -autor, pflichtet ihr bei: Inzwischen bediene man den Konsumenten meist nur noch willfährig, anstatt ihn kreativ vor den Kopf zu stoßen und mit seinen Sehgewohnheiten zu brechen: "Wenn Sie als Designer heute versuchen, sich einen Namen zu machen, werden Sie auf große Schwierigkeiten stoßen. Selbst etablierte Designer können eigentlich nicht überleben, wenn ein großes Haus sie nicht unter ihre Fittiche nimmt. Sie müssen kommerziell arbeiten, um geordert zu werden."

Das Geschäft sei somit schuld an der Entpolitisierung der Mode. Elisabeth Längle, Fachjournalistin aus Wien, stimmt dem zu: "Was sich nicht verkauft, ist kurzerhand keine Mode. Während die Modemacher in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine gewisse Art von Unabhängigkeit besaßen, diktiert heute der Marketingleiter, was zu machen ist."

Fortschreitende Ökonomisierung

Laut Barbara Vinken, Literaturwissenschafterin von der LMU in München, jedoch ist nicht nur die fortschreitende Ökonomisierung innerhalb der Mode verantwortlich für die Erosion des kritischen Potenzials: "Aus der aggressiven Selbstbehauptung in der Gesellschaft ergibt sich eine Fetischisierung der Körper, der eine Verwahrlosung des körperlichen Umrisses gegenübersteht. Mode wiederum bietet noch die Möglichkeit, sich ins Benehmen zu setzen, indem man Normen erkennt, achtet und diese mit anderen kommuniziert." Brigitte Felderer bestätigt das: "Mode hat ganz wesentlich mit Höflichkeit zu tun und bewahrt vor dem sozialen Tod. Man stellt eine Beziehung her, um sich gegenseitig wahrzunehmen. Mode ist somit weniger etwas Provokantes, sondern etwas Subtiles." Sie ist hiernach ein wesentlicher Kommunikationsakt des öffentlichen Lebens. Kommunikation basiert auch auf Entgegnungen und Erwiderungen. Laut Elisabeth Längle steckt dieser Dialog aber in einer Endlosschleife fest: "Heute werden nur noch die Erbschaften der Vergangenheit in einem ewigen Reloaden und Remixen vermischt. Das ist aber keine wirkliche Abgrenzung."

Jedoch muss das noch nichts zwingend Schlimmes sein, sagt Peter Bäldle: "Wir werden uns immer wieder mit Kleidung beschäftigen, die wir bereits kennen, aber wir setzen uns damit neu auseinander. Mode ist eine Reflexion über das, was uns um uns herum beschäftigt." (Johannes Lau, Rondo, DER STANDARD, 14.9.2012)

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13 Postings

über was man alles diskutieren kann...

Wer braucht schon soziale Kontakte, die ihn / sie nach dem Ausmaß des trendy sein beurteilen? Wie im Kindergarten. Darauf gesch...

Mode ist völlig überbewertet.

Das größte kritische Potenzial im Zusammenhang mit Mode besteht meines Erachtens darin, von diversen Codes und Modediktaten, auch und wahrscheinlich insbesondere den super-individuellen, Abstand zu nehmen.

Natürlich kann man sich nicht vollkommen entziehen, sofern sich möglichst codeless zu kleiden, ja auch subversiv-subversiv Code ist.

Jetzt kommt es natürlich drauf an, woran ich Kritik üben will. Aber gerade im Zusammenhang mit Mode, scheint es mir als würde wahre Kritik persönlichen Eitelkeiten Preis gegeben.

sozialer Tod hängt heute viel mit Armut zusammen.

Wer kann sich da Mode leisten?

Fortschreitende Ökonomisierung ist gut. Bedeutet nämlich dass dann auch tatsächlich Leute davon leben können statt dass man ach so unabhängige Künstlerarmut erzeugt.

Sozialer Tod

Mode bewahrt also "vor dem sozialen Tod". - Klingt für mich wie die Heilsversprechung bzw. Unheilsdrohung einer totalitären Sekte: Läufst du "der Mode" nach, dann findest du ganz bestimmt Wahrheit und Licht und ewiges soziales Leben.

Das klingt eher wie eine Drohung:
Passt du dich mit der Mode nicht deiner Umgebung an, ereilt dich der "soziale Tod" weil geächtet.

Modern und modern,

der Unterschied ist kurzzeitig und liegt hauptsächlich in der Betonung..

"Hat die Mode ihre kritische Sendungskraft eingebüßt?"

ihre was?

muhahaha...

"Mode bewahrt vor dem sozialen Tod"

fühlt sich aber gut an, so als sozial toter

Hamma eigentlich schon Fasching?

ja genau...diktiert der marketingleiter und auf seine sicht

der dinge was mode betrifft kann ich gern verzichten...wo sind die revoluzzer verdammt noch mal? ein früher versace...jean paul...usw...

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