Ein Ort sucht seinen Dichter

Isabella Reicher
13. September 2012, 18:24
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    foto: stadtkino

Im Kino: "Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke"

Wien - Ein knochiger alter Mann hat auf der Kücheneckbank Platz genommen. Auf Fragen aus dem Off antwortet er knapp, er erzählt: Sein Bruder schicke ihm regelmäßig Karten. Er rufe an, meistens während des Essens, wolle immer wissen, "ob es mir wohl gut geht". Wenn er vorbeikomme, wolle er nichts lieber als schnapsen. Seine Bücher seien hingegen "viel zu schwer für mich, i brauch' an Tschinbumm," sagt der Mann und lacht verschmitzt.

Der Mann ist Hans Handke, der jüngere Bruder des Schriftstellers Peter Handke. Letzterer hat seinen Wohnsitz schon als junger Mann dauerhaft verlegt. Ersterer ist in Griffen, dem Geburtsort Peter Handkes, geblieben. Die Begegnungen mit ihm beeindrucken, sie zeigen, dass man auch wertschätzen kann, was man nicht zu verstehen meint oder womit man sich nicht beschäftigen mag.

In Griffen ist diese Haltung offenbar eine Seltenheit. Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke hat der selbst von dort stammende Regisseur Bernd Liepold-Mosser seinen - auf der Diagonale mit dem Publikumspreis prämierten - Dokumentarfilm genannt. Es soll darum gehen, welches Verhältnis die Bevölkerung zu Person und Werk des Schriftstellers hat, dessen Name bei der Tourismuswerbung als erstes auftaucht, wenn man im Netz nach Griffen sucht ("Handke, Tropfsteinhöhlen und eine faszinierende Geschichte"). Mehr als ein Dutzend Griffener kommt zu Wort. Aber vielleicht hat die eigene Nähe des Filmemachers dazu geführt, dass vieles vorausgesetzt wird - an vielen Stellen fragt er nicht nach.

Von Griffen und den Ortsansässigen bleibt jedenfalls ein sehr diffuser Eindruck. Ein Wirt hält einmal fest, dass es drei Positionen zu Handke gebe, die Gegner, die Bewunderer und den großen Teil derer, denen das alles wurscht sei. Der Film bestätigt dies in mehr oder weniger (selbst-)entlarvenden Aussagen und Begebenheiten, ohne es weiter zu vertiefen.

Vieles daran scheint außerdem nicht unbedingt spezifisch für den konkreten Ort, sondern eher charakteristisch für eine bis in die Bundeshauptstadt reichende, geistfeindliche, latent gewalttätige Provinzialität. Am besten hält man es wohl mit dem Dichter, dessen Worte am Filmanfang stehen: "Ich habe keine Heimat. Meine Heimat sind die Bücher." (Isabella Reicher, DER STANDARD, 14.9.2012)

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13 Postings
drittklassige tv-reportage

dieser film ist ziemlich enttäuschend, denn über die faszination, die die kunst, das schreiben, die bücher peter handkes bewirken und seine ausgangspunkte und bilder hierzu ist in dem film gar nichts zu sehen. immerhin ist griffen der ort, an dem er aufgewachsen ist, den er auch beschrieben hat. stattdessen eine freakshow über provinzdeppen in einem kärntner kaff (so wird griffen in dem film dargestellt), die von dem, was peter handke tut und getan hat, nicht den geringsten schimmer haben. selbst wenn er den literaturnobelpreis kriegen würde, werden diese ignoranten ihn nicht lesen bzw. anders sehen, als in ihrer stumpfsinnigkeit jetzt. der film ist auf dem niveau einer drittklassigen tv-reportage.

Auch in Gallizien/Galicija gibt es eine Tropfsteinhöhle

aber keinen Handke.

Nicht einmal mehr einen Bruder.
Und fast alle Gallizianer glauben, die Tropfsteinhöhle gäbs nur im Nachbarort.

Schöne Narren...

"Vieles daran scheint außerdem nicht unbedingt spezifisch für den konkreten Ort, sondern eher charakteristisch für eine bis in die Bundeshauptstadt reichende, geistfeindliche, latent gewalttätige Provinzialität"

muahahaha

Hervorragend

Der Film zeigt sehr genau die sehr spezifischen Kärntner Befindlichkeiten und Spießer-Vorurteile, gegen alles was nicht dämlich ist und vielleciht gar slowenisch.

Diese Genauigkeit ist hervorragend gemacht und ist ein Psychogramm jenes Bundeslandes, in dem Haider bis heute Volksheld ist.

Daher ist die Sicht der Kritikerin schlicht falsch, nichts ist diffus, man muss es halt nur verstehen.

So ist es ... wenn ich mich im Wiener Gemeindebau über Handke (und in letzter Zeit vor allem Jelinek) unterhalte, merke ich von all dem nichts!

Falscher Vergleich

Pardon, das ist ein falscher Vergleich. Im regionalen Bezugssystem des Films gedacht.

Im Wiener Gemeindebau müssten Sie fragen, wie z.B. Daniel Kehlmann (der war/ist Liesinger und ist in Kalksburg zur Schule gegangen) rezipiert oder nicht rezipiert wird.

Zudem sollten Sie dazu Ernst Hinterbergers Wiedergänger suchen, der war bis zum Lebensende im Gemeindebau.

Nein, Ihr Vergleich ist falsch.

Der Hinterberger hat sich Zeit seines Lebens als einer von ihnen gesehen und wird dank Mundl und Kaisermühlen auch dort anders wahrgenommen als Handke oder Jelinek - auf die der Vergleich sehr wohl passt.
Hinterberger kennt man aus der Glotze, Handke und Jelinek, weil sie in den Wiener Hauptschulen praktisch täglich im Deutschunterricht rezipiert werden.

Ja, und?

Ja, richtig!
Und was ist jetzt?
So genau wie Sie den Hinterberger in wenigen Zeilen schildern, hat das der Regisseur in 90 Minuten im Film mit Handke und Kärnten bzw. Griffen gemacht.

Genau eben.

Warum alles so ist, das ist wohl eine andere Frage.
Handke ist ein weltberühmter Künstler und man kann sich nicht immer nur auf die Glotze ausreden, wenn die Griffener so grauenhaft daherreden.

Denn in den Medien ist Handke auch präsent, nur halt zu anderen Zeiten und mit anderen Programmen.

Und es war Hinterbergers Größe, aus dem Milieu heraus genaue Geschichten gerschrieben und erzählt zu haben. So wie das Handke mit dem Tod seiner Mutter auch gemacht hat.

Hab den streifen heuer schon auf der diagonale gesehen - sehr empfehlenswert ;)

doppelt hält wohl besser

Mir ist das auch schon passiert, diese Postingverdoppelung. Man beachte die identische Uhrzeit der Veröffentlichung. Irgendwie scheinen die sich manchmal durch Teilung zu vermehren wie die Einzeller.

Hab den streifen heuer schon auf der diagonale gesehen - sehr empfehlenswert ;)

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