Ein Ort sucht seinen Dichter

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    foto: stadtkino

Im Kino: "Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke"

Wien - Ein knochiger alter Mann hat auf der Kücheneckbank Platz genommen. Auf Fragen aus dem Off antwortet er knapp, er erzählt: Sein Bruder schicke ihm regelmäßig Karten. Er rufe an, meistens während des Essens, wolle immer wissen, "ob es mir wohl gut geht". Wenn er vorbeikomme, wolle er nichts lieber als schnapsen. Seine Bücher seien hingegen "viel zu schwer für mich, i brauch' an Tschinbumm," sagt der Mann und lacht verschmitzt.

Der Mann ist Hans Handke, der jüngere Bruder des Schriftstellers Peter Handke. Letzterer hat seinen Wohnsitz schon als junger Mann dauerhaft verlegt. Ersterer ist in Griffen, dem Geburtsort Peter Handkes, geblieben. Die Begegnungen mit ihm beeindrucken, sie zeigen, dass man auch wertschätzen kann, was man nicht zu verstehen meint oder womit man sich nicht beschäftigen mag.

In Griffen ist diese Haltung offenbar eine Seltenheit. Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke hat der selbst von dort stammende Regisseur Bernd Liepold-Mosser seinen - auf der Diagonale mit dem Publikumspreis prämierten - Dokumentarfilm genannt. Es soll darum gehen, welches Verhältnis die Bevölkerung zu Person und Werk des Schriftstellers hat, dessen Name bei der Tourismuswerbung als erstes auftaucht, wenn man im Netz nach Griffen sucht ("Handke, Tropfsteinhöhlen und eine faszinierende Geschichte"). Mehr als ein Dutzend Griffener kommt zu Wort. Aber vielleicht hat die eigene Nähe des Filmemachers dazu geführt, dass vieles vorausgesetzt wird - an vielen Stellen fragt er nicht nach.

Von Griffen und den Ortsansässigen bleibt jedenfalls ein sehr diffuser Eindruck. Ein Wirt hält einmal fest, dass es drei Positionen zu Handke gebe, die Gegner, die Bewunderer und den großen Teil derer, denen das alles wurscht sei. Der Film bestätigt dies in mehr oder weniger (selbst-)entlarvenden Aussagen und Begebenheiten, ohne es weiter zu vertiefen.

Vieles daran scheint außerdem nicht unbedingt spezifisch für den konkreten Ort, sondern eher charakteristisch für eine bis in die Bundeshauptstadt reichende, geistfeindliche, latent gewalttätige Provinzialität. Am besten hält man es wohl mit dem Dichter, dessen Worte am Filmanfang stehen: "Ich habe keine Heimat. Meine Heimat sind die Bücher." (Isabella Reicher, DER STANDARD, 14.9.2012)

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