Eishockey-Liga mit NHL-Spielern?

  • Eric Weinrich un seine Erfahrung aus 1.163 NHL-Einsätzen verstärkten 2005 die Abwehr des VSV maßgeblich.
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    Eric Weinrich un seine Erfahrung aus 1.163 NHL-Einsätzen verstärkten 2005 die Abwehr des VSV maßgeblich.

  • Mit sieben NHL-Saisonen in den Beinen überzeugte Dan Cloutier während des letzten "Lockouts" im KAC-Tor, scheiterte mit seinem Team jedoch im Finale.
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    Mit sieben NHL-Saisonen in den Beinen überzeugte Dan Cloutier während des letzten "Lockouts" im KAC-Tor, scheiterte mit seinem Team jedoch im Finale.

  • Harte Checks und zehn Tore in 16 Spielen machten Brad Isbister (damals 423 NHL-Einsätze) zum Publikumsliebling in Innsbruck.
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    Harte Checks und zehn Tore in 16 Spielen machten Brad Isbister (damals 423 NHL-Einsätze) zum Publikumsliebling in Innsbruck.

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Der Streit zwischen Spielergewerkschaft und Klubs droht den NHL-Saisonstart zu verzögern. Die Folge: Zahlreiche Cracks könnten in Europa landen

Seit Monaten ziehen über der National Hockey League (NHL), der stärksten Eishockeyliga der Welt, dunkle Wolken auf, zum dritten Mal in der Geschichte könnte ein Tarifstreit zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft NHLPA den Spielbetrieb zum Erliegen bringen. Mit kommendem Samstag läuft das Collective Bargaining Agreement (CBA) aus, der Kollektivvertrag für NHL-Spieler, der im Juli 2005 in Kraft trat und die finanziellen Bedingungen zwischen den Klubs und den Akteuren regelt.

Unterschiedliche Auffassungen

Die sich seit Monaten hinziehenden Verhandlungen um ein neues CBA haben gezeigt, dass Klubbesitzer und Spielergewerkschaft sehr unterschiedliche Positionen vertreten. Die wesentlichsten Streitpunkte betreffen den Anteil der Spieler an den von der Liga erwirtschafteten Erträgen, aus denen sich die Ober- und Untergrenzen der Gehaltsbudgets der Teams ableiten. Gelangen die beiden Parteien in dieser zentralen und einer Reihe von weiteren Fragen bis zum 15.September zu keiner Einigung, kommt es zum sogenannten "Lockout". Dass dies durchaus wörtlich zu verstehen ist, erzählt Patrick Eaves, Stürmer der Detroit Red Wings, im Gespräch mit derStandard.at: "Wir Spieler kommen am Samstag zum Training zur Halle, aber deren Türen werden symbolisch verschlossen sein. Damit sind wir dann offiziell ausgesperrt." Trainingscamps, der für 23.September geplante Auftakt zur Preseason und der für 11.Oktober terminisierte Saisonauftakt wären damit hinfällig, der Trainings- und Spielbetrieb käme bis zu einer Einigung zwischen NHL und NHLPA zum Erliegen.

Folgt der dritte "Lockout"?

In der amerikanisch-kanadischen Profiliga wäre dies nach 1994/95, als sich der Beginn der Spielzeit bis in die zweite Jännerhälfte verzögerte, und 2004/05, als die komplette Saison ausfiel, der dritte "Lockout". Die arbeitsrechtlichen Streitigkeiten bedingen nicht nur einen erheblichen Imageschaden für die NHL, sie stellen die (während dieser Zeit von den Vereinen unbezahlten, von der Spielergewerkschaft aber mit einem Überbrückungsbetrag von 10.000 Dollar monatlich versorgten) Spieler auch vor ganz praktische Probleme. Zwar organisieren die Kapitäne der meisten Teams in Eigenregie Trainingsmöglichkeiten, viele Cracks bevorzugen es jedoch, sich Mannschaften in den unteren Ligen oder in Europa anzuschließen, um weitestmöglich im Saisonrhythmus zu bleiben.
Denn Kommentatoren in den USA und Kanada rechnen mehrheitlich damit, dass es sich keiner der Beteiligten leisten kann, erneut eine gesamte Spielzeit ausfallen zu lassen, und dass daher nach zeitnah erfolgter Einigung zumindest eine abgespeckte Version der Saison 2012/13 ausgespielt werden kann.

2004: Neun NHL-Spieler in der EBEL

Für die Erste Bank Eishockey Liga hatte der jüngste "Lockout" (2004/05) durchaus positive Folgen, vier der damals sieben Klubs verstärkten sich mit insgesamt neun Spielern, die im Jahr zuvor noch in der NHL spielten und später auch wieder in diese zurückkehrten (siehe Übersicht links). Zwar sorgten die aus Übersee verpflichteten Kapazunder für das eine oder andere Highlight auf EBEL-Eis, den Erfolg brachten sie jedoch nicht zu ihren rot-weiß-roten Teilzeit-Arbeitgebern: Der VSV, der insgesamt vier "Lockout"-Cracks holte, schaffte erst am letzten Spieltag die Play-Off-Qualifikation, um dort dann sieglos am späteren Meister Wien zu scheitern. Für Innsbruck und Brad Isbister war im Halbfinale Endstation, der KAC verlor trotz Goalie Dan Cloutier die Finalserie und der mit drei NHL-Cracks aufgerüstete EC Salzburg zierte in seinem ersten Jahr in der Liga das Tabellenende.
Auffällig auch, dass der Großteil der in die EBEL geholten "Lockout"-Spieler zu dieser Zeit bereits im Spätsommer der jeweiligen NHL-Laufbahn stand und knapp 70 Prozent seiner Karriereeinsätze in der stärksten Liga der Welt bereits hinter sich hatte.

Teure Versicherungen

Kommt es in Nordamerika zu einem Teilausfall der Saison, ist damit zu rechnen, dass auch heuer einzelne NHL-Spieler in der heimischen Liga zu sehen sein werden, wenngleich es aktuell als unwahrscheinlich einzustufen ist, dass es sich dabei um so viele wie in der Spielzeit 2004/05 handeln wird. Einerseits deutet trotz recht verhärteter Fronten im Tarifstreit derzeit noch wenig darauf hin, dass erneut die gesamte Saison ausfallen könnte, andererseits stellen mögliche Verpflichtungen von NHL-Cracks die meisten EBEL-Klubs vor nicht zu überwindende finanzielle Hürden.
Zwar wechselt ohnehin kaum einer der hochbezahlten Profis des Geldes wegen nach Europa, aber schon die für die Versicherungen der Spieler aufzubringenden Summen übersteigen das wirtschaftliche Potential des Großteils der hiesigen Vereine. Um kompletten Schutz zu gewährleisten, müssen für jeden während des "Lockouts" in Europa tätigen NHL-Akteur zwei Versicherungen abgeschlossen werden: Eine temporäre, sich auf das NHL-Einkommen in der aktuellen Saison beziehende und vornehmlich leichte bis mittelschwere Verletzungen abdeckende, sowie eine permanente, die etwa im Fall von Invalidität zum Tragen kommt und deren Prämie sich aus den Konditionen des gesamten, gegenwärtigen NHL-Vertrags des Spielers ableitet.

Die Kosten für die Versicherung eines Spielers hängen im Wesentlichen von der Laufzeit seines Kontrakts in Nordamerika und dem darin festgeschriebenen Gehalt ab, liegen also in individuell ganz unterschiedlichen Höhen. Recherchen von derStandard.at haben ergeben, dass europäische Klubs in der Regel mit Versicherungskosten im Bereich von 0,5 bis 1,0 Prozent des jeweiligen Vertragswerts zu rechnen haben.

EBEL-Klubs eher skeptisch

Dass unter diesen Rahmenbedingungen im Falle eines "Lockouts" viele NHL-Spieler in die Erste Bank Eishockey Liga wechseln, darf bezweifelt werden. Neben dem erheblichen finanziellen Aufwand, den derartige (Kurzzeit-)Verpflichtungen bedeuten, führte der Linzer Meistertrainer Rob Daum in der Sendung "Sport und Talk aus dem Hangar-7" (ServusTV) jüngst auch Argumente das Mannschaftsklima betreffend ins Feld: "Die Spieler werden vermutlich nicht für die ganze Saison bleiben und dafür muss man jemanden aus dem Lineup nehmen, dem man eigentlich sein Commitment gegeben hat und der einem selbst auch das Vertrauen ausgesprochen hat. Unter solchen Umständen ist es als Coach dann schwierig ein Team zu bilden." Eine Haltung, mit der er in der EBEL nicht alleine dasteht.

Eher als die Signings etablierter NHL-Spieler werden für die Mehrzahl der österreichischen Klubs die aus einem wahrscheinlichen "Lockout" folgenden Konsequenzen am nordamerikanischen Markt von Interesse sein - speziell angesichts der unbeschränkten Tauschphase bis November. Bernd Freimüller, Scout der Vienna Capitals, skizziert ein mögliches Szenario: "Es könnte einen Trickle-Down-Effekt geben, das heißt: NHL/AHL-Borderliners gehen automatisch in die AHL, die AHL-Organisationen verzichten dadurch darauf, Free Agents zur verpflichten, und AHL/ECHL-Borderliners rücken ebenfalls eine Stufe nach hinten. Dazu gehören auch Spieler, die sich eigentlich in den NHL-Camps präsentieren wollten, nun um ihre Jobs fürchten und nach Europa wollen." (Hannes Biedermann; derStandard.at; 13.September 2012)

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